29.01.13

John Woo

Ein eiskalter Engel kommt nach Berlin

Man nennt ihn "Mozart der Zerstörung": Als erster Chinese ging John Woo nach Amerika und machte "Face/Off". Nun will er in Berlin ein Remake des Alain-Delon-Klassikers "Der eiskalte Engel" drehen.

Von Peter Beddies
Foto: picture alliance / dpa

„Berlin ist noch hungrig“: Der chinesische Filmregisseur und Produzent John Woo will in Deutschland arbeiten
"Berlin ist noch hungrig": Der chinesische Filmregisseur und Produzent John Woo will in Deutschland arbeiten

Er ist der "Mozart der Zerstörung", der "Typ mit den weißen Tauben, die aus dem Schutt ins Licht fliegen". John Woo hat mehr Beinamen, als manche Kollegen Filme vorweisen können. Als erster Chinese ging Woo nach Amerika und legte mit "Face/Off" und "Mission Impossible II" ästhetisch packende Filme vor. Das Kapitel Hollywood und Blockbuster hat sich für den 65-Jährigen allerdings erledigt, in letzter Zeit trat er vor allem als Produzent auf. Demnächst will John Woo wieder selbst Regie führen. Und zwar in Berlin. Zur Zeit laufen Gespräche mit dem Studio Babelsberg.

Die Welt: Haben Sie sich an Woody Allen ein Beispiel genommen?

John Woo: Wie kommen Sie denn bitte darauf?

Die Welt: Er hat viele Jahre in New York gedreht, um jetzt europäische Großstädte zu bereisen und dort Filme zu drehen.

Woo: Dann sollten Sie den verehrten Woody Allen mal fragen, ob er sich vielleicht an mir ein Beispiel genommen hat?! Denn ich habe vor vielen Jahren schon meine Heimat Richtung Amerika verlassen, um dort Filme zu machen. Aber beim Trend, in Europa Filme zu machen, ist mir Woody Allen in der Tat ein paar Schritte voraus.

Die Welt: Sechs Filme in zehn Jahren. Darunter ausgewachsene Blockbuster. Und dennoch hat man selten von Ihnen ein gutes Wort über Ihre Jahre in Hollywood gehört.

Woo: Stimmt so nicht, wenn ich Ihnen da widersprechen darf. Wenn es so frustrierend gewesen wäre, dann hätte ich nicht meine Familie nach Los Angeles nachgeholt und wäre in der Stadt sesshaft geworden. Ich finde auch, dass meine amerikanischen Filme nicht schlecht sind Nur wurde ich oft zu sehr eingeengt.

Die Welt: Aber die Filme trugen doch immer Ihren Stempel.

Woo: Den habe ich den Filmen im Nachhinein im Schneideraum aufdrücken können. Das Schlimme an diesen großen Produktionen ist diese unendliche Langeweile.

Die Welt: Andere Regisseure sprechen eher von großem Druck.

Woo: Den habe ich so nicht empfunden. Sie müssen sich das so vorstellen, dass Ihnen jeder Arbeitsschritt abgenommen wird. Sie sitzen da auf dem Regiestuhl, um einen herum Dutzende Mitarbeiter, die bereit sind, jeden Wunsch von den Augen abzulesen und alles in Minutenschnelle umzusetzen. Man wird mit der Zeit denkfaul. Alles wird für einen erledigt. Wenn man da so auf seinem Stuhl sitzt, hat man den dringenden Wunsch aufzustehen und die Erfüllungsgehilfen um einen herum anzubrüllen: "Einfach mal die Schnauze halten!".

Die Welt: Schon mal versucht?

Woo: Nein, dazu bin ich als Chinese wohl zu höflich erzogen. Diese Leere, die ich manchmal empfunden habe, war schrecklich. Auf der anderen Seite ist jeder Blockbuster eine riesengroße Maschine, die man allein nicht lenken kann. Das ist nichts mehr für mich. Freunde haben mich ausgelacht für diese Meinung. Mehr als einmal musste ich mich dafür rechtfertigen, das Geld einfach so auszuschlagen. Aber ich habe es mir wirklich nicht einfach gemacht.

Die Welt: Klingt nach einer eindeutigen Absage an Hollywood.

Woo: Falsch. Das klingt nach einer Absage an Blockbuster! Warum soll ich denn versuchen, aus 200 bis 400 Millionen Dollar – irrsinnige Summen, die kein Filmemacher gern verwaltet – einen Film zu machen? Nein, wenn ich wieder in Amerika arbeite, dann eher an kleinen Filmen.

Die Welt: Würden Sie dafür Ihren Stil verändern?

Woo: Nein, dafür bin ich schon zu lange im Geschäft. Es gibt einen Terminus, wenn über meine Filme gesprochen wird: Episch.

Die Welt: Gefällt Ihnen das?

Woo: Ja. Meine Filme sind immer episch, weil sie auf Träumen beruhen. In den Träumen kennt man keine Grenzen. Dieses Prinzip habe ich auf das Filmemachen übertragen. Deshalb sehen sie so aus wie manche Leute träumen. Ich sage nicht, dass sie so aussehen, als würde ich träumen. In dieses Gefängnis würde ich mich nie setzen.

Die Welt: Bei epischen Filmen denkt man auch an Kurosawa…

Woo: …oder David Lean, völlig richtig. Bei uns Filmemachern ist es außerordentlich erwünscht, Ideen zu klauen. Es ist ja nicht so, dass ich Kurosawa oder Lean wie ein Bild in meine Filme einbauen kann. Ich muss sie für mich übersetzen. Deshalb kann ich sie immer im Hinterkopf haben und es stört, wenn man es richtig macht, kein bisschen.

Die Welt: Warum ist Jean-Pierre Melville für viele Filmemacher so wichtig?

Woo: Weil er einer der ganz großen Meister der Reduktion ist. In Zeiten wie diesen, in denen alles immer größer und mächtiger in der Filmwelt wird, tun wir sehr gut daran, wenn wir uns seine Filme immer und immer wieder ansehen.

Die Welt: Tarantino ist auch ein großer Fan von ihm.

Woo: Kann sein. Aber ich lasse mich von den Werken oder Regisseuren, die ich bewundere, nicht ganz so stark beeinflussen wie der Kollege Quentin Tarantino.

Die Welt: Seit Jahren geistert durch das Internet eine ganze Anzahl von Gerüchten. Mal hieß es, Sie würden Kurosawa Ihre Aufwartung machen. Dann war die Rede von "Vier im Roten Kreis" von Melville.

Woo: Habe ich auch alles gelesen oder gehört. Vielleicht war ich mal an der einen oder anderen Sache dran. Aber nun habe ich mich entschieden. Ich werde ein Remake von Jean-Pierre Melvilles "Der eiskalte Engel" machen. Aber es wird nicht in Paris spielen wie das Original sondern in Berlin.

Die Welt: Warum Berlin?

Woo: Die Gründe sind zahlreich. Manche haben mit Geld zu tun, andere nicht. Was für mich wesentlich ist, das ist der Ort, den ich abfilmen möchte. Paris ist – ebenso wie London und andere europäische Großstädte – mit seinem Status zufrieden. Berlin hingegen ist noch nicht da angelangt, wo es hin möchte. Es ist noch hungrig. Wenn es mir gelingt, diesen Hunger auf die Leinwand zu bringen, dann habe ich erreicht, was mir vorschwebt.

Die Welt: Sprechen wir von einem Film, der eventuell gemacht wird?

Woo: Nein, dieser Film wird einer meiner nächsten als Regisseur. Die Verträge sind bereits unterschrieben. Ich kann nur noch nicht genau sagen, wann wir in Berlin und Babelsberg drehen werden.

Die Welt: Woran hakt es noch – Geld?

Woo: Nein, am wichtigsten überhaupt. Zurzeit sitzen noch Autoren in Amerika am Drehbuch. Wenn ich mit dem Drehbuch zufrieden bin, werden wir die Produktion offiziell bekannt geben.

Die Welt: Sie scheinen eine Menge über Berlin zu wissen. Haben andere da einen guten Job gemacht oder kennen Sie die Stadt sehr gut?

Woo: Nein, ich kann nicht sagen, dass ich die Stadt gut kenne. Aber ich habe ein gutes Gefühl für die Stadt. Deshalb weiß ich, dass die Entscheidung richtig ist, den Film in Berlin zu drehen. Hoffentlich kann ich demnächst für ein paar Wochen nach Berlin kommen, um mir die Stadt in aller Ruhe anzuschauen. Ich möchte mindestens einen Monat dort bleiben.

Die Welt: Wenn ein chinesischer Regisseur mit einem originär französischen Stoff nach Berlin geht, muss auf Englisch gedreht werden, oder?

Woo: Leider ja. Ich wünschte mir sehr, ich könnte das ändern. Insofern haben wir noch einen Unterschied zu Woody Allen. Denn, egal wohin er geht, er pflanzt einer Stadt oder Region seine ganz speziellen Geschichten auf und dreht in Englisch. Ich hingegen würde wahnsinnig gern diesen Film in Berlin auf Deutsch drehen. Ich habe das Gefühl, zukünftig mit meinen Projekten als Regisseur um die Welt zu reisen und überall in der Landessprache zu drehen. Um ein Gefühl zu bekommen, was das Leben an dem jeweiligen Ort ausmacht. Aber vielleicht ist das auch nur einer dieser Träume, die sich nicht verwirklichen lassen.

Die Welt: Was sagen Sie Ihren Kritikern, die sicher anmerken werden, dass es nicht nötig ist, ein Remake eines Melville-Films zu machen?

Woo: Denen würde ich sagen, dass mein Name so oft als Referenz benutzt wurde, dass meine Filme immer wieder als amerikanische Filme ins Gespräch gebracht wurden, dass ich gern einmal zeigen möchte, vor wem ich mich in Ehrfurcht verneige.

Die Welt: Was ist mit dem US-Remake eines Ihrer früheren Werke - von "The Killer". Werden Sie das machen?

Woo: Ich werde sehen, dass niemand Schindluder damit treibt. Als Produzent habe ich hoffentlich genug Einfluss. Aber Regie werde ich bei diesem Film garantiert nicht führen.

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