27.01.13

Sexismus-Vorwürfe

"Sie versuchen, die FDP klein zu machen"

Nach den Sexismus-Vorwürfen stellt sich die FDP geschlossen hinter ihren Spitzenmann: In Düsseldorf wird Rainer Brüderle demonstrativ bejubelt – doch selbst vor alten Damen weicht Brüderle nun zurück.

Von Kristian Frigelj
Foto: dpa

Nach Ansicht von Rainer Brüderle wird versucht, die FDP klein zu machen
Nach Ansicht von Rainer Brüderle wird versucht, die FDP klein zu machen

Rainer Brüderle hat seinen Besuch in Düsseldorf beinahe überstanden, da soll er sich am Ausgang noch mit einer älteren Dame für ein privates Foto zusammenstellen. Der FDP-Spitzenkandidat weicht sachte zurück. Doch die Freidemokratin ist recht unbefangen und rückt nah an seine Seite. Sie legt ihre rechte Hand auf die Knöpfe von Brüderles Weste. Beide plaudern einige ungestörte Minuten, ehe die Kameras ihn wieder umschwirren.

Als Brüderle gegangen ist, macht die Dame ihrem Ärger Luft. Sie kritisiert nicht ihn, sondern den Artikel des "Stern"-Magazins, in dem eine junge Journalistin über sexuelle Annäherungen Brüderles schreibt. "Das wurde doch aus der Giftschublade geholt. Warum hat man damit ein Jahr gewartet? Damit will man uns schaden", sagt die Freidemokratin aus Duisburg.

Eine andere FDP-Seniorin mag ebenfalls keine Verfehlung des 67-jährigen Pfälzers erkennen: "Man kann alles aufbauschen. Wenn Frauen heutzutage mit so etwas nicht umgehen können, dann sollen sie nicht mehr auf die Straße gehen." Zwei Jungliberale stehen vor der Toilettentür und blicken gebannt auf ihre Smartphones. "Jetzt gibt es online eine Debatte über Sexismus", sagt der eine. "Total furchtbar", stöhnt der andere.

"Kein Kommentar"

Der Neujahrsempfang der nordrhein-westfälischen FDP am Flughafen Düsseldorf soll eigentlich einen weiteren wichtigen Motivationsschub für die nahende Bundestagswahl verleihen. Die Tage vor der Niedersachsen-Wahl waren kein Beleg liberaler Geschlossenheit.

Selbst Nordrhein-Westfalens populärer FDP-Landeschef Christian Lindner, der als einer der wenigen Anstand und Stil beherrscht und gern einfordert, ließ sich von Brüderles Forderung, den Bundesparteitag vorzuziehen, anstecken und schürte den Verdacht mit, Philipp Röslers Ende als Parteichef werde schneller eingeleitet als erwartet.

Das überraschend gute FDP-Ergebnis in Niedersachsen mit 9,9 Prozent hat die Intrige überstrahlt. Rösler verhinderte ein Aufflammen der Diskussion, indem er Brüderle den Parteivorsitz anbot. Dieser zuckte zurück und erklärte sich nur zur Spitzenkandidatur bereit.

Nach all dem hätte sich der Neujahrsempfang in Düsseldorf zum Neustart geeignet, doch die Freidemokraten stecken bereits in der nächsten Krise. Es geht jetzt nicht mehr um Politik, sondern um sexuelle Andeutungen.

Mit der zotigen Altherren-Anmache Brüderles, die eine Journalistin ausführlich beschreibt, lässt sich öffentlich wesentlich schwerer umgehen als mit konkreten Vorwürfen gegen die schwarz-gelbe Bundesregierung. Während im Internet eine große Debatte über Sexismus ausbricht und in die reale Welt herüberschwappt, will sich Brüderle dazu bisher nicht äußern. "Kein Kommentar" antwortet er auf entsprechende Fragen des "Focus".

Willkommen in der Wagenburg

Als Brüderle am Sonntagvormittag im Flughafen-Hotel eintrifft, sagt er mit gefrorenem Lächeln noch weniger, nur ein Wort: "Morgen." So grüßt er die Journalisten, die mit Kameras und Mikrofonen am Eingang warten. Man mag darüber staunen, dass die beschriebene plumpe Anmache eines älteren Politikers eine Debatte über Sexismus auslöst, aber es gibt akuten Gesprächsbedarf und die FDP-Führung versucht, irgendwie damit umzugehen, indem sie es umgeht.

FDP-Landeschef Christian Lindner gibt als Gastgeber beim Neujahrsempfang die Richtung zur Solidarisierung vor: "Ich freue mich sehr, dass Rainer Brüderle heute hier ist. Wir begrüßen dich herzlich als unseren Spitzenmann, vor allen Dingen aber als unseren Freund, hinter dem wir stehen." Es gibt starken Applaus. Lindner versucht, die Aufmerksamkeit auf politische Themen zu lenken und vor allem auf die "Fettnäpfchen" des SPD-Spitzenkandidaten Peer Steinbrück. Willkommen in der Wagenburg.

Brüderle selbst hält eine Wahlkampfrede, betont, dass Deutschland gut dastehe und erlaubt sich sogar einen Witz: "Es meinen einige in der Union, die FDP wäre die göttliche Prüfung. Wir sind aber die reale Prüfung." Erst spät sagt er etwas, dass man als indirekte Reaktion auf die aktuelle Debatte interpretieren könnte. "Es werden harte Auseinandersetzungen. Manche glauben, wir wären das schwache Glied in der bürgerlichen Regierung", sagt Brüderle.

Man versuche, die FDP kleinzumachen. "Sie können uns schlagen, sie können uns beschimpfen, sie können uns mit Dreck bewerfen, aber sie können uns unsere Überzeugung und Selbstachtung nicht nehmen. Nein, wir stehen zu dem, was unsere Haltung ausmacht. Das ist entscheidend. Und Qualität kann man verzögern, aber nicht verhindern", sagt Brüderle.

Außenminister Guido Westerwelle stützt Brüderle und betont die gemeinsame Freundschaft seit über 30 Jahren. "Lieber Rainer, ich weiß, was das heißt, an der Spitze zu stehen. Ich weiß, was es heißt, allen Attacken auch des politischen Gegners ausgesetzt zu sein. Glaubt nicht, dass das so leicht ist, plötzlich an der Spitze zu stehen, wenn sich dann alles auf einen konzentriert. Wenn man sich als freier Demokrat an die Spitze stellt, dann gibt es für die politische Konkurrenz, in einigen Redaktionsstuben, aber auch in der politischen Arena kein Pardon mehr", sagt Westerwelle.

Man dürfe "Zerrbilder, die über Menschen in den Medien verbreitet werden, nicht durchgehen lassen. In erster Linie sind wir Menschen", sagt Westerwelle und wird von starkem Applaus umspült. Parteichef Philipp Rösler ist in Düsseldorf nicht anwesend und wird auch mit keinem Wort bedacht.

"Das Thema ist größer als die FDP"

In der Partei ist man sich nicht einig über die Sexismus-Debatte. Der außenpolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Rainer Stinner, hält es für unprofessionell, dass die Journalistin die Vorwürfe erst herauskramte, als Brüderle eine herausragende Position in der Partei übernommen habe. "Das ist so durchsichtig und das ist so primitiv, dass ich sage, das fällt eher auf den Journalismus des ,Stern' zurück als auf Rainer Brüderle", sagte Stinner dem Deutschlandfunk.

Die Vorsitzende der FDP-Frauenorganisation, Doris Buchholz, kann "nicht verstehen, warum die Journalistin ein ganzes Jahr wartet und jetzt so eine Story daraus macht. Da reagiere ich doch sofort", sagte sie der Nachrichtenagentur dapd.

Doch nicht alle in der Partei sehen dies nur als Schlammschlacht eines Mediums. Die FDP-Europaabgeordnete Silvana Koch-Mehrin lobt die Berichterstattung. "Ich finde es gut, dass Frau Himmelreich den Mut hat, das Thema Anzüglichkeiten so offen zu benennen."

Koch-Mehrin macht ihrer Partei den Vorwurf, ein besonderes Problem mit Frauen in den eigenen Reihen zu haben: "Die FDP ist das Schlusslicht, wenn es darum geht, Gleichberechtigung in der eigenen Partei zu leben", sagte sie. Allerdings müsse man dieses Thema "aus der Nische FDP-Kritik" herausbringen. "Das Thema ist größer als die FDP und geht über diese hinaus", sagte Koch-Mehrin.

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