28.01.13

Literaturskandal

Was vom anschwellenden Bocksgesang übrig blieb

Vor zwanzig Jahren erschien im "Spiegel" ein umstrittener Text von Botho Strauß. Er setzte die Republik in Aufruhr und seinen Autor in den Verdacht, Faschist zu sein. Eine Wiederbegegnung.

Von Wolfgang Büscher
Foto: Jean-Christian BOURCART/RAPHO/laif

1992 war er noch Deutschlands erfolgreichster Theaterautor, einen Essay später wurde sein Werk bereits boykottiert: Botho Strauß
1992 war er noch Deutschlands erfolgreichster Theaterautor, einen Essay später wurde sein Werk bereits boykottiert: Botho Strauß

Am 8. Februar 1993 erschien im "Spiegel" ein Text von Botho Strauß, der in der ohnehin verunsicherten, gerade im vereinten Deutschland sich auflösenden Bundesrepublik einen allergischen Schock auslöste. Monatelang wogte eine Feuilletonschlacht um Text und Autor.

Seinen Feinden war Strauß der Kopf einer neuen Rechten – seine Freunde wiederum bezichtigten die Kritiker der Blockwartmentalität. Um den Schock zu verstehen, muss man sich in den Winter vor 20 Jahren zurückversetzen. Die Mauer war drei Jahre zuvor gefallen, das deutsche Haus wieder geräumiger, aber auch ungemütlicher, zugiger. Türen knallten. Scheiben krachten.

Unter dem Eindruck des Mauerfalls im November 1989 waren vor deutschen Fernsehern viele echte Freudentränen geflossen, oh ja, auch im Westen. Wie es eben ist, wenn eine tief einschneidende Fessel, wenn der Eisenring um die Brust sich löst. Wenn die Betäubung weicht, brennt noch einmal der Schmerz.

Als die rohe Freude über die Vereinigung verflogen war

All das schoss 1989 hoch. Viele, denen die Augen übergingen, hatten gar nicht gewusst, dass solche Empfindungen noch in ihrem Busen hausten. Viele westdeutsche Familien fuhren spontan in Richtung Grenze los, Butterbrote und Kaffeekannen im Kofferraum, um die Landsleute zu bewirten wie verlorene Geschwister. Biblische Szenen.

Diese rohe Freude war 1993 vergessen. Die lange getrennte Familie hatte Gelegenheit gehabt, einander neu kennenzulernen. Und was man am je anderen erblickte, war das Hässliche, das man an sich selbst so eifrig weggeschrubbt hatte.

Der Westler, weltläufig-postnational geläutert, wie er sich selber sah, erkannte im Ostler seinen alten Adam wieder, das Altdeutsch-Spießige, die dicke braune Bratensoße der 50er-Jahre, Dialekte und Gestalten wie aus Heimatfilmen. Und der Ostler, solidarisch-postelitär geläutert, wie er sich selber sah, starrte wieder in die Fratze der alten, kalten Elite, wie gemalt von George Grosz.

Die Ressentiments kochten wieder hoch

Jeder konnte sein Ressentiment in den Abendnachrichten füttern. Der Westen schaute entsetzt auf die Pogrome in Rostock-Lichtenhagen. Und der Osten ballte die Faust angesichts des Untergangs ganzer Industrien und halber Städte unter dem Treuhandregime. Noch Fragen?

Hatte nicht das behördliche Hineinpferchen von Asylbewerbern in DDR-Massenquartiere die Probleme befeuert? Und hatte nicht die DDR-Planwirtschaft lauter Industrien auf grüne Wiesen gesetzt, von denen klar war, dass sie beim ersten freien Windhauch kollabieren würden? Egal, die Blütenträume von 1989 lagen im Dreck, die alten Lager sammelten ihre Truppen.

In diese deutsche Seelenlage hinein tönt der "Bocksgesang". Botho Strauß beginnt mit einem Bekenntnis – seiner Bewunderung für unsere fein austarierte moderne Gesellschaft. Für die tänzerische Leichtigkeit, mit der "die Menschen bei all ihrer Schlechtigkeit au fond so schwerelos aneinander vorbeikommen".

Es wird Krieg geben, schrieb Strauß

Dann holt er aus: "Es ziehen aber Konflikte herauf, die sich nicht mehr ökonomisch befrieden lassen; bei denen es keine Rolle spielen könnte, dass der reiche Westeuropäer sozusagen auch sittlich über seine Verhältnisse gelebt hat, da hier das 'Machbare' am wenigsten an eine Grenze stieß. Es ist gleichgültig, wie wir es bewerten, es wird schwer zu bekämpfen sein: dass die alten Dinge nicht einfach tot sind, dass der Mensch, der einzelne wie der Volkszugehörige, nicht einfach nur von heute ist. Zwischen den Kräften des Hergebrachten und denen des ständigen Fortbringens, Abservierens und Auslöschens wird es Krieg geben."

Krieg. Es folgen sechs Seiten Zeitkritik, Prophetie und Trauer über den Verlust des Mythos, der Religion, des Soldatischen auch, mit einem Wort: des titelgebenden Tragischen. Denn das finden die Feuilletons schnell heraus, Bocksgesang ist die Übersetzung des altgriechischen Wortes für Tragödie.

Anschwellender Bocksgesang – wer seiner Zeit diese Diagnose stellt, der hört etwas grollen, das in die Späße "unseres modernen egoistischen Heidentums" (Strauß) hineindonnern wird. Und, hat es gedonnert? Was war dran an Botho Strauß' Prophetie?

Die frühen Neunziger waren eine verwirrende Zeit

Dem Jahr 1993 den Puls zu fühlen, ergibt einen verwirrenden Befund. Einerseits feiert die gute alte Bundesrepublik weiter, als gäbe es kein morgen. 1993 werden die Deutschen, hinter den USA, Vizeweltmeister im Reisen. Grunge-Fans laufen in Holzfällerhemden, Neo-Hippies in Trompetenhosen herum. Zugleich sind die beliebtesten Kindernamen Anna und Maximilian, was auf eine Sehnsucht nach Tradition deuten mag. Dazu passt der konservative poor look in der Mode und eine neue Strenge in der Architektur.

Und ja – es gibt Krieg. Der Balkan explodiert. Alte, scheinbar von Titos Regime gezähmte Dämonen kriechen blutig hervor. Deutschland schliddert mehr als dass es marschierte in den Balkankrieg hinein. Der pazifistische deutsche Nachkriegsreflex wird von Joschka Fischer mit dem Hinweis auf Auschwitz zum Schweigen gebracht.

Als gäbe es in Deutschland nur diese eine Medizin für alles. So viel Verknotung, Verwirrung! Im Februar 1993 wird auf das Word Trade Center in New York ein Anschlag verübt, Vorschein eines ungleich blutigeren Weltkulturkrieges, wie wir heute wissen. Im Mai sterben in Solingen fünf Türken bei einem rechtsradikalen Brandanschlag. Und im Oktober stirbt der erste deutsche Soldat im Auslandseinsatz in Kambodscha.

Der Versuch, dem "Rechten" eine Schneise zu schlagen

In das alles hinein schreibt Botho Strauß seinen Versuch, dem "Rechten" eine Schneise zu schlagen in das herrschende "Linke". Dass die Linke dagegen Sturm läutet, ist ihr nicht zu verdenken. Sie hat viel zu verlieren: ihre Hegemonie in der späten Bundesrepublik.

Zurückblickend taucht das Bild eines Luftschiffs auf. Einer geistigen Elite in ihrem postnationalen, posthistorischen Traum. Einer laborreinen Aufklärung, gesäubert von allen Spurenelementen älterer Schichten. Das Schiff schwebt. Es hat die Leinen gekappt. Einer aber hängt halb über Bord und versucht verzweifelt, Anker zu werfen, zu erden, zu wecken: Wacht auf, wir kentern.

Mancher horcht auf. Es war nicht so, dass der "Bocksgesang" nur feindselig aufgenommen wurde. Es fanden sich Verteidiger. Andere hielten sich zurück, vielleicht aus alter Freundschaft. Strauß war der Theaterautor der späten Bundesrepublik gewesen. Zu seinen Premieren in München oder Berlin war man gepilgert, auch die, die sich jetzt aufregten.

Die Linke macht wieder mobil

Die meinten, nun sei es wieder so weit. Nun müssten Demokratie und Aufklärung, vulgo 1968, gegen rechts verteidigt werden. Rechts, das Wort war der Skandal. Alles, was rechts war, schien doch historisch überwunden, und nun nahm Strauß das Unwort ganzer Jahrzehnte wieder ungeniert in den Mund. Ausgerechnet er, das setzte dem Skandal die Krone auf. Mitten im Milieu erhob der altrechte Feind sein Haupt, mitten im linksprotestantischen Kulturbürgertum, das die Theater, die Literatur, die Medien der Bundesrepublik so tief geprägt hatte.

Am schärfsten formulierte den Schock der SPD-Intellektuelle Peter Glotz: "Notiert euch den Tag, Freunde, es war die 'Spiegel'-Ausgabe vom 8. Februar 1993. Es wird ernst."

Die Kriegstagebuchknappheit, die Wahl der Vergangenheitsform für etwas, das just geschieht – wer so spricht, muss sicher sein, eine historische Zäsur am Kanthaken zu haben. Ein Versprengter, so sieht Glotz diesen Botho Strauß – der würde kaum widersprechen, so sieht er sich ja selbst. Im Gespräch mit Ulrich Greiner in der "Zeit" benennt er seinen Standort: "Am Rand. Wo sonst."

Für Peter Glotz war Strauß ein "gefährlicher Wirrkopf"

Doch Glotz sieht Handlungsbedarf: "Wie – zum Teufel – sorgt man dafür, dass die 'Versprengten' auch wirklich versprengt bleiben? Dass sie nicht Proselyten machen? Man muss dafür sorgen. Botho Strauß ist ein gefährlicher Wirrkopf."

Wir können Peter Glotz nicht mehr fragen, wie er das heute sieht, er ist 2005 gestorben. Dass er aus echter Sorge spricht, ist aber unüberhörbar. Seiner Generation steckt der erlebte Schrecken der Nazizeit in den Knochen und die 1945 gezogene Lehre: Allen Ballast fort! Geistige Flucht nach Westen! So absolut ist diese Lebenslehre, dass einer wie er braun sieht, wenn sich einer wie Strauß auf Wurzeln beruft, die vor dieser Zeitmauer liegen.

Aber die Mauer ist gefallen. Deutschland ist nicht mehr auf der Flucht. Es ist aus seinem langen Nachkrieg erlöst. Es ist souverän, die Zukunft steht offen. Damit einher geht etwas, das der Generation Glotz unheimlich ist – die Geschichte ist wieder da, die wirkliche, lebende, unordentliche Geschichte, nicht mehr bloß der historische Lehrpfad, den man sich zurechtgeharkt hatte.

Zum Boykott wurde aufgerufen, Gift gespritzt

Eigentlich etwas Schönes. So soll es doch sein in einem freien Land, im Unterschied zu einer noch so gut gemeinten Besserungsanstalt: sich frei umschauen können, vorwärts wie rückwärts, sich immer wieder seiner Quellen, seines Weges versichern – jede Generation ist frei, die Partitur neu zu interpretieren.

Glotz ist ein scharfer, aber respektabler Gegner. Nicht alle sind so. Giftige Aufrufe, den Verräter auszugemeinden, seine Werke zu boykottieren. Merkt's euch, Freunde, möchte man nachträglich rufen – ihr Ideologieschwengel, ihr Hausmeister des Herzens und politischen Landschaftsgärtner: Am Ende war's doch nur Literatur.

War es das nur? Es gibt einen faustischen Drang unter Dichtern, deutlich zu werden. Ernst zu machen. Von der Poesie zur Politik zu schreiten, vom Wort zur Tat. Woher kommt das? Bei Malern und Musikern tritt es seltener auf. Politik ist wesentlich Sprache, wie das Dichten auch – ist es diese Nähe, die so viele Dichter und Denker verlockte, in Nachbars Garten zu wildern? Manche sind bald wieder zurück über den Zaun, wie Heidegger. Andere haben den Zaun eingerissen, wie Brecht. Botho Strauß hält sich seit zwanzig Jahren fern davon, was ja auch ein Statement ist.

Hellsichtig war der Bocksgesang schon

Schwach war sein "Bocksgesang", wo es gegen den medialen Lärm geht. Jede Gegenwart lärmt. Jedes Volk will seinen Spaß. Wer mehr suchte, musste sich immer schon eine Armlänge Abstand schaffen, so ist die Welt. Stark war der Text, wo er bei seiner Intuition blieb, dass die Geschichte keineswegs an ihr sattes, debiles Ende gekommen sei. Dass sich nicht alles in einem warmen Gegenwarts-Pool auflösen würde. Dass kommende Kämpfe nicht mit den Wasserpistolen der Kinder von Habermas und Techno zu bestehen sein würden.

Geradezu hellsichtig war Botho Strauß, wo er anmerkte, wir Westeuropäer warnten "etwas zu selbstgefällig" vor nationalistischen und anderen Strömungen etwa in Osteuropa. "Dass ein Volk sein Sittengesetz gegen andere behaupten will und dafür bereit ist, Blutopfer zu bringen, verstehen wir nicht mehr und halten es in unserer liberal-libertären Selbstbezogenheit für falsch und verwerflich."

Nur in Details lag Strauß falsch. Nicht Osteuropa ist das Problem. Die Härte fremder Identitäten, die er 1993 auf uns zukommen sah, ist nun bei uns angekommen. Mitten in unseren Städten.

Der Text mag "rechts" sein, antisemitisch ist er nicht

Dieser Tage ist im Internet ein Video aus London zu sehen. Islamistische Jugendtrupps ziehen durch ihre Viertel, um sie von der Sünde zu säubern, von den besoffenen jungen Briten, die dort allnächtlich herumliegen, von Miniröcken und Dekadenz. Man sieht weiße Londoner mit Bierflasche und offenem Mund fassungslos zuhören, wie die Vermummten sie anschreien: "Raus hier, das ist ein moslemisches Viertel. Hau ab und komm nie wieder! Was du tust, ist haram, haram!" Haram ist im Islam das Verbotene, das Tabu.

Der Lackmustest, der jeden ereilt, der sich rechts vom Mainstream bewegt, ist die Frage: Und wie hältst du's mit dem Antisemitismus? Der "Bocksgesang" besteht den Test glänzend. "Die Verbrechen der Nazis", schreibt Strauß, " sind jedoch so gewaltig, dass sie nicht durch moralische Scham oder andere bürgerliche Empfindungen zu kompensieren sind. Sie stellen den Deutschen in die Erschütterung und belassen ihn dort, unter dem tremendum; ganz gleich, wohin er sein Zittern und Zetern wenden mag, eine über das Menschenmaß hinausgehende Schuld wird nicht in ein oder zwei Generationen 'abgearbeitet'." Diese Erschütterung und diese Klarsicht wünschte man heutigen Debatten.

Kein Manifest war der "Bocksgesang". Eher eine Verlustanzeige. Ein Rütteln am Mythos, am Glauben: Lebt da noch was? Wie ein Junge eine lange verschlossene Kammer durchstöbert, bricht Botho Strauß lauter Kisten auf. Holt hier ein Kruzifix hervor, dort eine Homer-Büste, einen Soldatenhelm. Betrachtet es – und legt es wieder an seinen Ort: "Der Leitbild-Wechsel, der längst fällig wäre, wird niemals stattfinden." Der heftig aufbrausende Satyrgesang schließt als melancholischer Monolog. "Es ist schade, einfach schade ..."

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Kult-Kalender Bei Pirelli dreht sich diesmal alles um Fetisch
Ausgestopft Hier lebt Eisbär Knut ewig weiter
Pakistan Lynchmord wegen Facebook-Kommentar
50 Milliarden Dollar Russland muss Mega-Schadenersatz zahlen
Top Bildershows mehr
Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Abfahrt

Weltreise im Oldtimer - Heidi Hetzer bricht auf

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote