26.01.13

Anzüglichkeiten

#Aufschrei gegen den ganz alltäglichen Sexismus

Was Männer neckisch finden, empfinden Frauen als erniedrigend. Für beide ist es oft schwer, sich gegenseitig zu ertragen. Nun ist aus der Brüderle-Debatte ein heftiger Grundsatzsstreit geworden.

Foto: Welt-Infografik

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Was war das? Üble Anmache oder harmloser Flirt, Alt-Herren-Witzchen oder Machismo pur? Seit dem Bericht der "Stern"-Reporterin Laura Himmelreich (29) über ihre Begegnung mit einem offenbar testosteronüberschwemmten Rainer Brüderle (67) an einer Hotelbar hat die Nation ein neues Thema: Sexismus. Politiker nehmen Stellung, Prominente melden sich zu Wort, und in Twitter bricht die Debatte alle Rekorde: "#aufschrei" ist eines der am meisten verwendeten Schlagworte.

Unter den Politikern dreht sich die Debatte vor allem um die Fragen: Darf Journalismus so indiskret sein? Wie sehr muss sich ein Politiker unter Kontrolle haben? Der "Stern" hat berichtet. Das reichte von Brüderles altväterlichen Avancen ("Ich würde Ihnen meine Tanzkarte anbieten") bis Kommentaren zu ihrer Oberweite ("Sie können ein Dirndl auch ausfüllen").

Dass die Reporterin Brüderle auf den professionellen Zusammenhang ihrer Begegnung verwies – "Sie sind Politiker, ich bin Journalistin" – konnte ihn nicht bremsen. Ein Dementi von Rainer Brüderle gibt es nicht zu diesem Artikel. Er zieht es offenbar vor, gar keinen Kommentar abzugeben.

Als Willy Brandt zu weit ging

Es war nicht das erste Mal, dass ein Politiker einer Journalistin zu nahe kommen wollte, so erinnert sich Berliner Morgenpost-Redakteurin Inga Griese an eine Begegnung mit Willy Brandt. Doch bisher wurde so etwas eher verschwiegen. Der "Stern"-Bericht ist ein Regelbruch, der auch in der Medienbranche für Kritik gesorgt hat.

Auch dass die ungehörige Begebenheit bereits vor einem Jahr stattgefunden hatte und erst jetzt veröffentlicht wurde, kurz, nachdem Brüderle zum Spitzenkandidaten der FDP für die Bundestagswahl gekürt worden war. Doch die öffentliche Diskussion hat sich davon längst wegbewegt.

Vom allgemeinen, alltäglichen Sexismus berichten Frauen in 140-Zeichen-Tweets (und auch einige Männer), sie reden von männlichen Übergriffen auf Firmenfeiern und Volleyballturnieren, im Büro, im Unterricht, im Freundeskreis. "Für Frauen", twittert Nicole Simon, "ist die Frage nicht, ob sie je belästigt wurde, sondern nur, wie lang das letzte Mal her ist."

Die neue Macht

Warum diese Wucht des "Aufschreis"? Frauen haben mittlerweile im Berufsleben Positionen erreicht, wo sie sich solche Anzüglichkeiten nicht mehr gefallen lassen müssen. Früher standen viele in Abhängigkeit zu den Männern. Doch die Frau an der Bar, die den Politiker B. nun bloßstellte, konnte sehr auf eine neue Macht zurückgreifen.

Das wird zur Sensation: Hier der alte Mann, der vermutlich nicht einmal ahnte, wie belästigend seine Avancen waren – da die junge Frau, die sich wehrt. Ob sie ihm damit mehr geschadet hat als er ihr, gehört zu den offenen Fragen in der Debatte. Es geht um die Kommunikation: Frauen begegnen Männern auf Augenhöhe, aber die Verhaltensweisen sind verschieden.

Was Männer neckisch finden, erleben Frauen als erniedrigend. Das ist der ganz alltägliche Sexismus. Männer sind in ihrem Drang zu Machtdemonstrationen für Frauen so schwer auszuhalten wie für Männer Frauen mit realer Macht.

Beide müssen doch lernen, miteinander klarzukommen. Das ist schwer. Das gibt Krach. Doch dieser Krach ist gut. Er ist die Begleitmusik eines gesellschaftlichen Fortschritts.

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