27.01.13

Sonja Kirchberger

"Ich spiele noch gerne eine Frau mit roten Lippen"

Als laszive Coco wurde die Schauspielerin Sonja Kirchberger 1988 im Erotikfilm "Die Venusfalle" berühmt. Sie hat keine Probleme mit ihrem Image und ist bald wieder im Kino zu sehen. Eine Begegnung.

Von Jenny Hoch
Foto: dapd

Schön wie immer: Sonja Kirchberger, 48, spielt in Oskar Roehlers filmischer Autobiografie „Quellen des Lebens“ eine lesbische Kommunistin. Der Film kommt im Februar ins Kino
Schön wie immer: Sonja Kirchberger, 48, spielt in Oskar Roehlers filmischer Autobiografie "Quellen des Lebens" eine lesbische Kommunistin. Der Film kommt im Februar ins Kino

Eine sehr kleine, sehr zierliche Person betritt das hippe Asia-Restaurant Dudu in Berlin-Mitte. Enger schwarzer Ledermantel, enge schwarze Lederhose, dicke schwarze Stiefel, rot lackierte Fingernägel. Sie blickt sich suchend um.

Die Zeiten haben sich geändert, die Mode auch, doch Sonja Kirchberger ist dieselbe geblieben. Zumindest, wenn man die Dinge oberflächlich betrachtet. Dann ist Sonja Kirchberger, 48, noch immer die "Venusfalle", die sie 1988 in dem gleichnamigen Film von Robert van Ackern geradezu idealtypisch verkörperte. Mit der Rolle der lasziven Coco wurde die Wiener Zahnarzthelferin über Nacht zum Star – und zum erotischen Traum von Millionen Männern.

Verabredet man sich heute, also gewissermaßen zum 25. Dienstjubiläum der "Venusfalle", mit der Schauspielerin zum Lunch, muss man sich fragen, was oder wen man eigentlich erwartet hat. Die ewige Verführerin, die einen Auftritt hinlegt, bei dem allen anwesenden Männern die Sushistäbchen aus den Händen fallen? Passiert nicht. Kirchberger verzichtet auf die große Show, was aber sicherlich nicht heißt, dass sie sie nicht noch draufhätte.

Niemand schaut auf, als sie sich ihres Ledermantels entledigt und ihre Beine unter einen der langen Gemeinschaftstische faltet. Das erste vergnügte Lachen, als sie versucht, die Tageskarte zu entziffern. "Ich bin seit meinem neunten Lebensjahr blind", amüsiert sie sich. Das zweite typische Kirchberger-Lachen, kehlig und schallend zugleich, folgt, als man sie fragt, ob es schöne und sexuell attraktive Frauen in Deutschland eigentlich schwer haben, ernst genommen zu werden. "Keine Ahnung", sagt sie, "ich gehöre nicht zu dieser Gruppe."

Als Stripperin im "König von St. Pauli"

Das hat man anders in Erinnerung. Denn zehn Jahre nach der "Venusfalle", 1998, hatte Frau Kirchberger noch einmal nachgelegt. In Dieter Wedels berühmtem Sechsteiler "Der König von St. Pauli" spielte sie eine Stripperin, deren für das deutsche Fernsehen spektakulär freizügiger Bühnenauftritt in einem Kiezlokal auf einer einschlägigen Internetseite abzurufen ist. "Hot nude does hot strip dance in some strip club", lautet die Beschreibung zu dem Filmausschnitt, die die Rolle prägnant auf den Punkt bringt.

Aber es stimmt, in den Jahren davor und danach hat Kirchberger viele Rollen angenommen, die ihrem Image als Sexbombe entgegenarbeiteten. Sie spielte Theater, war "Effi Briest" und die Buhlschaft im "Jedermann". In Film und Fernsehen sah man sie unter anderem als krebskranke Frau, unschuldige Mörderin, burschikose Ermittlerin und, ihre jüngste Rolle, als lesbische Kommunistenschwester von Oskar Röhlers Großvater.

In dessen Filmautobiografie "Quellen des Lebens", die am 14. Februar in die Kinos kommt, hat sie zwar nur eine kleine Rolle, dafür aber eine intensive, ganz am Anfang des Films: Der Großvater Erich Freytag schleppt sich halb tot aus der russischen Kriegsgefangenschaft nach Hause und findet dort die Kinder und seine Frau vor, die mit seiner Schwester – Kirchberger beinahe unkenntlich mit blondem Pagenkopf und einem verzweifelten Zug um den Mund – eine Affäre hat.

Kirchberger bestellt Lachs mit Guacamole

Der Kellner kommt, wir bestellen je einen Zitronengras-Ingwer-Tee – es herrschen minus acht Grad draußen –, die Schauspielerin entscheidet sich für gegrillten Lachs mit Guacamole und Wildkräutersalat, die Journalistin für eine kleine Pho-Suppe und einen gemischten Sushi-Teller. Kirchberger ist begeistert: "Gib mir asiatisch angehauchte Crossover-Küche und ich bin im Paradies!" Sie habe früher selber viel gekocht, doch seitdem ihr Sohn nicht mehr so oft zu Hause esse und sie ein Single-Leben führe, genüge ihr gekochter Brokkoli mit Salz und Pfeffer. "Ich gebe einen Parmesan drüber, mehr brauche ich nicht", sagt sie in bestem Österreichisch.

Zurück zu Oskar Röhler. Es sei immer ein Traum von ihr gewesen, einmal mit diesem Regisseur zu arbeiten: "Die Art und Weise, wie bei ihm Lachen und Weinen Hand in Hand gehen, ist fantastisch!" Als es dann so weit war, stand sie mit vor Aufregung zitternden Lippen am Set. "Ich hatte solche Versagensängste wie noch nie in meinen Leben. Ich habe mir gesagt, reiß dich zusammen, Sonja."

Ansonsten sieht sie sich vor allem als Dienstleisterin. "Ich muss auch wirtschaftlich denken und habe kein Problem damit, auch mal in einer Serie mitzuspielen." Ihr Respekt gelte ohnehin vor allen jenen Kollegen, die den Spagat schaffen, eine Familie zu ernähren und trotzdem an ihrem schauspielerischen Traum zu arbeiten.

In Berlin lebt sie noch auf Matratzen

Zwölf Jahre lang hat Kirchberger auf Mallorca gelebt, ihr 14-jähriger Sohn spricht vier Sprachen, erzählt sie stolz. Spanisch, Deutsch, Englisch und Französisch. Vor Kurzem ist sie mit ihm nach Berlin gezogen, er soll das Großstadtleben kennenlernen. Zur Zeit haben sie noch nicht einmal Betten, sondern schlafen auf Matratzen auf dem Fußboden.

Berlin, schwärmt sie, erinnere sie an New York: "Man fühlt sich immer ein bisschen mehr wert, die Leute machen hier einfach, eine kleine Boutique, ein kleines Restaurant, ein kleines Café. Diese Vorwärtsbewegung, ein erhebendes Gefühl." Ihre blau-grünen Augen funkeln.

Sie hatte nicht geplant, Schauspielerin zu werden. Der Regisseur Robert van Ackeren sah ihr Bild in einem Katalog und wollte keine andere für die "Venusfalle". "Ich war damals chronisch pleite", erzählt Kirchberger, damals gerade zum ersten Mal Mutter geworden und frisch getrennt vom Vater ihrer Tochter, "als sie zu mir sagten, du bekommst 20.000 Mark und einen Babysitter, dachte ich, die sind verrückt!".

Sie wohnte in einer winzigen Wohnung in Wien, in der außer einer Plastikmatratze und einer Kochplatte nichts stand. "Ich wollte mich endlich richtig einrichten, also habe ich meine Gage sofort in Möbel umgerechnet", sagt sie. "meine größte Sorge während des Drehs war, dass die mir draufkommen, dass ich gar nicht so aussehe, wie die sich das vorgestellt haben und mir wieder absagen."

So kam es nicht. Stattdessen wurde der Film in Cannes gezeigt, Helmut Newton fotografierte sie, alle rissen sich um die Unbekannte mit den strahlenden Augen und dem perfekten Körper. Auf einmal galt Kirchberger als Ikone der Weiblichkeit.

"Ich spiele immer noch gerne eine Frau mit roten Lippen"

Wir bestellen jede noch einen vietnamesischen Kaffee mit süßer Kondensmilch und Erdnussstreuseln obendrauf. "Fantastisch!", ruft die Schauspielerin und nippt an dem ihr bis dato unbekannten Getränk. Kirchberger sinniert: "Ich habe das Talent, mich in alles, was ich mache mit einem hundertprozentigem ,Ja' hineinzuwerfen." Mit 30 sei es schon manchmal mühsam gewesen, weil niemand etwas über ihre ernsthaften Filme wissen wollte und alle nur an ihrem "Venusfallen"-Image interessiert waren.

Doch heute habe sie kein Problem mehr, damit in Verbindung gebracht zu werden. "Ich spiele auch immer noch gerne eine Frau mit roten Lippen, aber nur eine mit Geschichte, eine, die Spuren hinterlässt." Rote Lippen alleine reichen nicht, weiß sie und lacht noch ein letztes Mal ihr vergnügtes Kirchberger-Lachen. "Erst recht, wenn man so alt ist wie ich."

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