27.01.13

Medizintechnik

Elektroden können Alzheimer-Anzeichen mildern

Die Tiefe Hirnstimulation wird bislang zur Behandlung von Parkinson eingesetzt und bei Depression oder Fettleibigkeit erprobt. Nun wenden sich Forscher auch der Therapie von Alzheimer zu.

Foto: dapd

Ein normal entwickeltes Gehirn (rechts) und eines, das von Alzheimer geschädigt wurde. Eine mögliche Wirkung der Tiefen Hiernstimulation wurde eher durch Zufall beobachtet: Ein Proband, bei dem es eigentlich um die Behandlung von Adipositas ging, konnte plötzlich Erinnerungslücken wieder füllen
Ein normal entwickeltes Gehirn (rechts) und eines, das von Alzheimer geschädigt wurde. Eine mögliche Wirkung der Tiefen Hirnstimulation wurde eher durch Zufall beobachtet: Ein Proband, bei dem es eigentlich um die Behandlung von Adipositas ging, konnte plötzlich Erinnerungslücken wieder füllen

Millionen Menschen weltweit leiden an Demenz. Auf der Suche nach Behandlungsmöglichkeiten waren Wissenschaftler bislang weitgehend erfolglos. Derzeit zur Verfügung stehende Medikamente können den Verlauf von Alzheimer und anderen Demenzerkrankungen nur zeitweise beeinflussen. Nordamerikanische Mediziner wollen jetzt neue Wege gehen: Mit der Tiefen Hirnstimulation (THS). Noch steckt die Forschung in den Kinderschuhen – es gibt bislang nur einzelne Projekte, und der Erfolg ist alles andere als sicher. Trotzdem setzen viele Menschen ihre Hoffnung darauf.

Kathy Sanford aus dem US-Staat Ohio ist eine davon. Die 57-Jährige ist an Alzheimer erkrankt. Noch befindet sie sich in einem frühen Stadium der Erkrankung, sie ist in der Lage, für sich selbst zu sorgen und lebt in einer eigenen Wohnung. Erwerbsfähig ist sie nicht mehr.

Ärzte der Ohio State University schlugen ihr vor, an einem THS-Forschungsprojekt teilzunehmen. Sanford willigte ein. "Was für eine Wahl hat sie?" sagt ihr Vater, der 78-jährige Joe Jester. "Bei dem Programm dabei zu sein oder hier herumzusitzen und darauf zu warten, dass sich ihr Zustand weiter verschlechtert?"

Zwei Jahre Untersuchung nötig

Im Oktober wurde Sanford operiert, Elektroden wurden in die vorderen Hirnlappen implantiert, wo die Wahrnehmung und das Verhalten des Menschen gesteuert werden. An dem Forschungsprojekt um den Neurochirurgen Ali Rezai und den Neurologen Douglas Scharre sind neben Sanford weitere neun von Demenz Betroffene beteiligt. "Wir waren es einfach leid, keine anderen Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung zu haben", sagt Scharre. "Wenn wir schon die Ursache von Alzheimer nicht angehen können, gelingt es uns möglicherweise, dafür zu sorgen, dass das Gehirn besser arbeitet."

Erste Versuche sind vielversprechend – so erreichte Sanford bei bestimmten Tests, bei denen die Fähigkeiten zu Problemlösungen abgefragt werden, ein besseres Ergebnis als vorher. Aber ob der Effekt mit den Elektroden zusammenhängt, und wenn ja, wie lange er anhält, ist noch völlig unklar. Zwei Jahre lang wollen die Wissenschaftler sie beobachten und untersuchen, bevor eine halbwegs zuverlässige Aussage möglich ist.

Bei Parkinson-Patienten bereits angewendet

Die Tiefe Hirnstimulation ist in der Medizin eigentlich nichts Neues: Sie wird bereits zur Behandlung von Parkinson eingesetzt und ist auch als mögliche Therapie gegen Depressionen oder Fettleibigkeit in der Erprobung. Bei einem dieser Versuche entdeckten kanadische Wissenschaftler 2003 den möglichen Wert der Methode bei der Demenztherapie: Ein Proband, bei dem es eigentlich um die Behandlung von Adipositas ging, konnte plötzlich Erinnerungslücken wieder füllen.

Nun ist Alzheimer mehr als nur fortschreitender Gedächtnisverlust: Betroffenen geht nach und nach die Fähigkeit verloren, einfachste Tätigkeiten zu verrichten. Im Lauf der Zeit werden immer mehr Zonen im Gehirn ausgeschaltet. Mit Hilfe der Elektroden hoffen die Wissenschaftler, vereinfacht ausgedrückt, zumindest im Anfangsstadium der Erkrankung diese Zonen wieder 'anschalten' zu können.

Dass dies möglich ist, belegen erste Forschungsergebnisse des Neurochirurgen Andres Lozano aus Toronto. Nach mindestens zwölfmonatiger THS konnten im Gehirn der sechs an seinem Projekt beteiligten Alzheimer-Patienten neue Aktivitäten gemessen werden. "Es sah anfangs wie ein Blackout aus", sagt Lozano. "Wir waren in der Lage, wieder etwas Licht in bestimmte Teile des Gehirns zu bringen."

"Ein aufregender neuer Ansatz"

Das Team um Lozano, das mit mehreren US-Universitäten kooperiert, geht einen etwas anderen Weg als Scharre und Rezai in Ohio: Den Probanden, insgesamt 40, sollen Elektroden in den Teil des Gehirns implantiert werden, der mit Erinnerungsfähigkeit verknüpft ist. Um jeglichen Placebo-Effekt auszuschließen, werden die Elektroden bei einem Teil erst ein Jahr nach der Operation, bei den anderen nach zwei Wochen, angeschaltet.

Es wird Jahre dauern, bis zuverlässig feststeht, ob die THS erfolgreich gegen Demenzerkrankungen eingesetzt werden kann. Zahllose Untersuchungen werden noch notwendig sein. "Aber es ist ein aufregender neuer Ansatz", betont Laurie Ryan vom Nationalen Institut für Altersfragen in Bethesda im US-Staat Maryland.

Quelle: dapd
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