25.01.13

Joris-Karl Huysmans

Monsieur Bougran und das Unglück der Pension

1884 hatten die Menschen in den Büros offenbar schon dieselben Probleme wie heute. Wie eine wieder aufgetauchte Erzählung des französischen Dekadenz-Apostels Joris-Karl Huysmans beweist.

Von Tilman Krause
Foto: picture-alliance / akg-images

Joris-Karl Huysmans gehört zu den bekanntesten französischen Schriftstellern des ausgehenden 19. Jahrhunderts
Joris-Karl Huysmans gehört zu den bekanntesten französischen Schriftstellern des ausgehenden 19. Jahrhunderts

Die Klippe der 50 Jahre – die hat's offenbar schon immer gegeben. Jung ist man nicht mehr, aber eben auch noch nicht so richtig alt und ausgedient. Fragt sich, ob man noch eine neue Herausforderung findet. Ohne die geht es nämlich schnell bergab. Wie bei Monsieur Bougran. Der scheitert an der Klippe kläglich. Weil er den einzigen Fehler begeht, den man auf keinen Fall begehen darf: zu glauben, dass man einfach weitermachen kann wie immer.

Monsieur Bougran, das ist der tragikomische Held in einer Erzählung des französischen Dekadenz-Apostels Joris-Karl Huysmans. Der wurde 1884 mit seinem Fin de siècle-Roman "Gegen den Strich" schlagartig so berühmt, dass sogar eine englische Zeitschrift sich von ihm einen erzählerischen Beitrag wünschte. Was er lieferte, war eine aparte kleine Geschichte, die durchaus als Kontrafaktur von "Gegen den Strich" gelesen werden kann, sozusagen als prosaischer, alltäglicher Nachklapp zum hochpoetischen, extravaganten Ausnahmeepos.

Doch merkte man das bei der "Universal Review" nicht. So blieb der Text denn unveröffentlicht bis 1964. Dann wurde er in Frankreich zum ersten Mal gedruckt. Jetzt erscheint er auch auf Deutsch. Und trifft auf eine Zeit, die vielleicht noch mehr als jene vor knapp fünfzig Jahren aktuelle Bezüge zum von Huysman so klar wie unterkühlt geschilderten Geschehen ziehen kann. Schließlich befinden wir uns, anders als 1964, derzeit wieder, ähnlich dem ausgehenden 19. Jahrhundert, in einer Phase gelangweilter Saturiertheit, jedenfalls im zivilisierten Teil der Welt und allemal in der deutschen oder französischen Mittelschicht.

Die Jungen bringen's nicht

Und da ist auch Monsieur Bougran zu Hause. Er arbeitet in einem der Pariser Ministerien. Seine Arbeit besteht vor allem im Verfassen und Beantworten von Petitionen. Er macht seine Sache offenbar ganz ordentlich, er selber würde sogar sicher sagen vorbildlich. Denn anders als "die jungen Leute", verfügt er noch über die vollständige Kenntnis all der schönen, schnörkelhaften Redefiguren, die auf den großen Colbert zurückgehen.

Hingegen heute (will sagen 1884, unter der jungen dritten Republik): "Die Anrede Exzellenz war verschwunden. Man schrieb von Ministerium zu Ministerium wie Händler und Kleinbürger", empört sich Bougran. Es ist die alte Leier aller an den Rand Gedrängten: Die Welt wird formlos, und die Jungen bringen's nicht.

Bougran merkt denn auch nicht, dass er mit seiner ältlichen Säuerlichkeit offenbar den Vorgesetzten ganz gehörig auf die Nerven geht. Er fällt jedenfalls aus allen Wolken, als er plötzlich in den Ruhestand versetzt wird, offenbar weil ein neuer Minister seinen Günstling auf Bougrans Planstelle unterbringen will. So weit, so gut, vor allem aber so aus allen Zeiten allzu bekannt als Schema. Nur schlecht für Bougran, diese Karikatur einer schwunglosen Angestelltenseele, dass er mit seinem Vorruhestand nichts anzufangen weiß.

Das Büro hat man zu Hause

Im Gegenteil. Er droht, vor die Hunde zu gehen. Bis er der glorreichen Idee verfällt, seinen Büroalltag auf künstliche Weise fortzusetzen. So wie der Held in "Gegen den Strich" sich eine artifizielle Welt der Kostbarkeit und Schönheit schafft, schmiedet Bougran sich eine Schein-Berufstätigkeit in den eigenen vier Wänden, fingiert Schreibaufträge, bei denen er die gesamte Klaviatur seiner ausgefeilten Floskeln spielen lassen kann.

Er mimt Arbeitszeiten wie im Ministerium und stellt am Ende sogar noch einen Laufburschen ein. Doch es hilft alles nichts: Über einem besonders komplizierten, von A bis Z ausgedachten "Einspruch vor dem Obersten Verwaltungsgericht" ereilt den armen Bougran ein tödlicher Schlaganfall.

Nichts war's mit der Überführung der Arbeitswelt ins Private – und nichts ist es auch, so die implizite Schlussfolgerung des angeblichen Dekadenz-Apostels, mit der Ästhetisierung der eigenen Lebenswirklichkeit à la "Gegen den Strich": Wir sind allzumal Geschöpfe unserer Umwelt, sind zivilisatorisch verbildete Wesen, will uns der Dichter offenbar sagen. So lässt sich denn diese (von Gernot Krämer mustergültig übersetzte) feinsinnige Erzählung auch lesen als Widerruf eines Décadent. Tatsächlich ging ja Huysmans wenig später ins Kloster.

Wie ernst es ihm mit seiner zivilisationsskptischen Diagnose war, kann man dem Mittelteil von "Monsieur Bougran in Pension" entnehmen. Da spaziert der Held durch den Jardin du Luxembourg, in dem ihm auf einmal nur die "schwachsinnigen Statuen" ins Auge fallen sowie "verrenkte" Baumstämme "wie aus Gummi": "Der Park war ein wahrer Pflanzenfolterkeller". Es überkommt also selbst diesen kapitalen Bourgeois so etwas wie eine Ahnung des eigenen Verformtseins (ähnlich wie Flauberts Bouvard und Pécuchet!) Doch handelt es sich eben nur um eine Ahnung. Aber es muss schon mehr sein, nämlich Umkehr, wenn man mit 50 daraufhin noch mal die Kurve kriegen will.

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