24.01.13

"Quartett"

Wie schmeckt der Kuss des Rigoletto?

Der ungewöhnlichste und wahrscheinlich liebevollste Beitrag zum Verdi-Jahr 2013: In Dustin Hoffmans Regiedebüt "Quartett" sorgt eine Primadonna für opernreifes Drama in einem ungewöhnlichen Altersheim.

Von Peter Zander

Dokumentationen zu Spielfilmen sind keine Besonderheit. Die gibt es bei jedem Fernseh-Zweiteiler. Der Umkehrschluss dagegen hat Seltenheitswert. 1984 hat Daniel Schmid den großartigen Dokumentarfilm "Der Kuss der Tosca" gedreht über die Casa Verdi, ein Haus, das Verdi selbst erbauen ließ für alternde und bedürftige Sänger und Musiker. Das Haus gibt es noch immer, eine Altersresidenz für vergessene Virtuosen.

Es hat indes drei Dekaden gedauert, bis diese Doku einen Spielfilm angeregt hat. Und das nahm den Umweg über die Bühne. Der Brite Ronald Harwood hat daraus ein Drama gezaubert, das in einem britischen Äquivalent, im Beecham House (nach dem gleichnamigen Dirigenten) angesiedelt ist. Das Stück, das 1999 Premiere feierte, hat Harwood selbst in ein Drehbuch verwandelt. Doch in Fahrt kam das Projekt erst, als Dustin Hoffman einstieg. Nicht etwa als Darsteller oder Musiker. Mit 75 gab er sein spätes Regiedebüt.

Bei den Grauen Panthern des Opernbetriebs

Und was für eins! Während kaltherzige Studiobosse immer noch beteuern, Filme mit und über alte Leute seien Kassengift, beweist der zweifache Oscar-Preisträger bravourös das Gegenteil. Und macht sogar Mut, dass ein Seniorenheim nicht immer Endstation sein muss. Nicht jeder allerdings wohnt so luxuriös in einem Cottage wie diese Grauen Panther des Opernbetriebs.

Der Anfang des Films ist wie das Stimmen des Orchesters vor der Oper: Musiker und Sänger proben, jeder für sich, "La donne è mobile". So beschwingt wie beiläufig wird eine ganze Reihe angejahrter Künstler eingeführt, die im Weiteren höchst amüsante Witze über das Altern machen dürfen, die sich aber immer wieder jung halten durch ihr Lebenselixier – die Musik.

Dann aber zieht eine ehemalige Primadonna (Maggie Smith) ein, die den Heimsegen in Schieflage bringt. Denn hier leben schon drei Veteranen, die mit ihr einst in Verdis "Rigoletto" gesungen haben, aber nicht unbedingt gut auf sie zu sprechen sind. Besonders nicht ihr Ex-Gatte (Tom Courtenay), der sich von ihr scheiden ließ und ihr auch Jahrzehnte danach noch grollt. Er wollte in Würde senil werden, schimpft er, das sei nun nicht möglich. Dass dem Haus die Fördergelder ausgehen und es nur durch ein Benefizkonzert gerettet werden kann, dass der Höhepunkt dieses Konzerts wiederum das berühmte Rigoletto-Quartett in eben jener Traumbesetzung wäre, ist ein hübsches Gerüst für teils saukomische und dann wieder sehr anrührende Szenen.

Eine Komödie mit Echtheitssiegel

Dustin Hoffman schafft seinen Alt-Stars, die alle wie er in ihren Siebzigern sind, noch einmal eine große Bühne. Alte Leute sind heute ja, wenn überhaupt, nur noch in Nebenrollen zu finden. Und Maggie Smith hat es in dieser Kategorie längst zum Inbegriff der verstockten schrulligen Britin geschafft. Hier aber dürfen sich vier gestandene britische Mimen noch einmal in äußerst dankbaren, großen Rollen präsentieren. Und die kleinen Parts drum herum, das ist das Besondere an diesem Film, sind mit lauter ehemaligen Musikern und Sängern besetzt, die wirklich wissen, was sie spielen. Und der Komödie damit so etwas wie ein Echtheitssiegel aufdrücken.

Die Alten kehren mit Macht ins Kino zurück. Nach "Und wenn wir alle zusammenziehen?" aus Frankreich, nach "Best Exotic Marigold Hotel" aus England und "Bis zum Horizont, dann links!" aus Deutschland dürfte durch Dustin Hoffmans Regiedebüt nun auch Amerika auf den Geschmack kommen. "Quartett", das zeigte die Berlin-Premiere, ist durchaus ein Film, in dem auch Jüngere ungeniert lachen und Tränchen vergießen. Und ein Spaß selbst für Leute, die sonst mit Oper wenig am Hut haben. So ganz nebenbei ist dies auch noch der ungewöhnlichste und schon jetzt mit Sicherheit liebevollste Beitrag zum Verdi-Jahr 2013.

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