24.01.13

Late Night

Ex-RAF-Terrorist hat das Will-Publikum hinter sich

Anne Will hat den Krieg in Mali zum Thema gemacht. Der dort lebende Schauspieler und ehemalige RAF-Terrorist Christof Wackernagel will deutsche Soldaten am liebsten an der Front.

Foto: NDR/Wolfgang Borrs

„Krieg in Mali – deutsche Soldaten an die Front?“ lautete die provokative Frage bei Anne Will. Beantworten sollten sie (v.l.): Christof Wackernagel (früheres RAF-Mitglied, Schauspieler und Mali-Kenner), Dirk Niebel (Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, FDP), Bettina Gaus (Journalistin und Autorin), Harald Kujat (Ehemaliger Generalinspekteur der Bundeswehr) und Sabine Lösing (Die Linke).

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Wenn Christof Wackernagel redete, beschlich einen bisweilen das ungute Gefühl, dass er gleich aufspringen könnte, beispielsweise auf den Schoß seines Sitznachbarn Dirk Niebel. Seine Leidenschaft war bemerkenswert, seine Gesten, sein brauner, ins rötliche changierender Teint signalisierten höchste Alarmstufe.

Wenn er sprach, rutschte er in seinem Sessel ein Stück nach vorne und erhob seine Stimme. Entwicklungsminister Niebel, mit dem er sich ab und an lautstarke Duelle über die richtige Einsetzung von Entwicklungsgeldern lieferte, brauchte sich allerdings keine Sorgen zu machen.

Man muss Wackernagels Plädoyer für ein militärisches Eingreifen in Mali verstehen. Er lebt seit vielen Jahren in der Hauptstadt Bamako im Süden des westafrikanischen Staates. Der Schauspieler ist verheiratet und Vater eines nur wenige Monate alten Kindes. "Ich möchte um Hilfe bitten", ruft er immer wieder in die Runde.

"Ansonsten wäre das Land verloren"

Die Fragestellung der Sendung von Anne Will lautete: "Krieg in Mali – deutsche Soldaten an die Front?". Das war eine provokante These. Erst recht, nachdem die deutsche Bundesregierung trotz der Gefahr, die Kanzlerin Angela Merkel ("Das ist auch eine Bedrohung für Deutschland") herbeischwor, schnell verkündete, sich nicht mit kämpfenden Soldaten beteiligen zu wollen.

Man kann Merkels Haltung durchaus nachvollziehen. Eine Intervention könnte ähnlich schlimme Folgen haben wie im Bürgerkrieg von Syrien. Nämlich, dass sich gar nichts verbessert für die Not leidende, unschuldige Bevölkerung.

Aber rechtfertigt das gleichwohl, nichts zu tun? Niebel spricht von deutscher Hilfe durch Ausbildung der malischen Soldaten und davon, dass dieser Einsatz "ein afrikanisches Gesicht" haben müsse. Er lobt zudem das Eingreifen Frankreichs – "ansonsten wäre das Land verloren".

Schariastaat im Norden Malis

Im Norden Malis haben schätzungsweise 2000 islamistische Milizionäre, Tuareg und junge Malier, die arm und frustriert sind, nur ein gemeinsames Ziel: einen Schariastaat zu errichten. Denn nur dann lassen sich ihre kriminellen Geschäfte so wunderbar aufrechterhalten, auch ihr Drogen- und Menschenschmuggel.

Wackernagel erzählte von Flüchtlingen, die Strafamputationen und Erschießungen gesehen haben. Religiös-fanatische Salafisten haben über Anschläge in Europa gesprochen. Welche Bedrohung, nur eine Ländergrenze vom Mittelmeer entfernt, von Mali ausgehen kann, hat das blutige Geiseldrama in der algerischen Gasförderanlage gezeigt.

Harald Kujat, ehemaliger Generalinspekteur der Bundeswehr, konnte deshalb nur den Kopf schütteln über die deutsche Bundesregierung. "Ungeschickt" sei es, sagte er, alle militärischen Lösungen bereits im Voraus auszuschließen und keine Alternativen zu entwickeln. "Es ist beklagenswert, dass Deutschland eine führende Rolle in der Finanzkrise einnimmt, aber keine führende Rolle in der Sicherheitspolitik inne hat", fügte Kujat hinzu.

Etwas differenzierter betrachtete den ganzen Konflikt Bettina Gaus. Die langjährige Afrikakorrespondentin der "taz" fragte sich, ob ein militärisches Eingreifen überhaupt zur Befriedung des Landes beitragen könne. "Gegen Guerillaterroristen lässt sich nur schwer kämpfen", sagte sie.

Die außen- und sicherheitspolitische Sprecherin der Europafraktion der Linken, Sabine Lösing, findet sogar, dass es dringlichere Probleme gäbe. "Im EU-Parlament bekommt man fast den Eindruck, als ob Bamako gleich neben Potsdam liege." Aus Sicht von Lösing bestehe überhaupt keine Gefahr für Deutschland. Sie sprach sich deshalb dafür aus, Konfliktmediatoren in die Region zu schicken, auch deutsche.

Wackernagel kämpft mit Worten

Von Verhandlungen hätten die Menschen in Mali aber genug, sagte Wackernagel. Er sei sowieso erstaunt darüber, wie ruhig sie sich alle verhalten würden. Das Leben in der Hauptstadt gehe seinen gewohnten Gang. Die Schulen hätten geöffnet, die Märkte seien voll. Nur abends merke man einen Unterschied, "weil es Kontrollen in der Stadt gibt".

Wackernagel blickt auf ein bewegtes Leben zurück, in den Siebzigerjahren kämpfte er ebenfalls gegen die ungerechte Verteilung in der Welt. Auf der falschen Seite, wie er heute weiß. Als RAF-Terrorist im Untergrund. Bei einer Schießerei in den Niederlanden wurde er gefasst und saß zehn Jahre im Gefängnis.

"Heute kämpfe ich mit Worten um die gleichen Probleme", sagte der gebürtige Ulmer. Er forderte, die Waffenlieferungen aus Deutschland in die Region einzustellen. Wackernagel begründete das mit der moralischen Verpflichtung Deutschlands zu helfen, nachdem das Land nach Ende des Zweiten Weltkrieges selbst von den Alliierten befreit worden ist.

Kujat regte sich furchtbar auf über solche Sätze. Er fragte, ob Wackernagel keine Lehren aus seiner Vergangenheit gezogen hätte. Und als das Publikum daraufhin buhte, entgegnete der frühere General etwas gereizt. "Das darf man doch noch mal sagen dürfen, dass es zu einfach ist, mit Parolen zu argumentieren."

Wackernagel, im traditionellen afrikanischen Gewand gekleidet, ließ sich davon aber nicht einschüchtern. Im Gegenteil. Er beendete die lebhafte Sendung, die sich aber zu selten mit der Ausgangsfragestellung beschäftigte, mit den Worten: "Ich bitte um Hilfe für Mali und die Einstellung von Rüstungsexporten."

Das sagten die Gäste

Dirk Niebel,

Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung:

 

Die afrikanischen Staaten sind mittlerweile so gut aufgestellt, dass sie ihre militärischen Konflikte selber lösen können.

Sabine Lösing,

außenpolitische Sprecherin der Europafraktion der Linken:

 

Man muss sich überlegen, ob es sinnvoll ist einzugreifen, wenn es dadurch schlimmer wird, als es vorher war.

Harald Kujat,

ehemaliger Generalinspekteur der Bundeswehr:

 

Militäreinsätze sind kein Allheilmittel, sondern nur eine von vielen Optionen.

Bettina Gaus,

Journalistin und Autorin:

 

Wir Europäer sind für die Afrikaner nicht mehr das Maß aller Dinge.

Christof Wackernagel,

Schauspieler und ehemaliger RAF-Terrorist:

 

Deutschland hat eine moralische Verpflichtung, in Mali einzugreifen.

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