22.01.13

Zweite Amtszeit

Barack Obama – der Mann, den sie Alabama nannten

Der Verfassungsrechtler, Intellektuelle und Vater zweier Töchter ist ein Glücksfall für Amerika. Ist es romantisch, dass er wiedergewählt wurde? Auf jeden Fall verbreitet er weiterhin Hoffnung.

Von Uwe Schmitt
Foto: dapd

Das Foto zeigt Barack Obama zu Beginn seiner zweiten Amtszeit am 21. Januar 2013, ergraut aber strahlend – am 27. Juli 2004 hatte er schon gesagt: „In keinem Land der Erde wäre meine Geschichte möglich“
Das Foto zeigt Barack Obama zu Beginn seiner zweiten Amtszeit am 21. Januar 2013, ergraut aber strahlend – am 27. Juli 2004 hatte er schon gesagt: "In keinem Land der Erde wäre meine Geschichte möglich"

Es war 21.43 Uhr in Boston am Dienstag, 27. Juli 2004, als ein schlaksiger Schwarzer mit "Swag" auf die Parteitagsbühne des Fleet Center schlenderte. Er applaudierte lächelnd dem Publikum, während er zu dem Song der Impressions "Keep On Pushing" (1964) das Podium ansteuerte.

Wir kannten den Politiker im Staatssenat von Illinois nicht. Nach all den Jubelreden über den Kandidaten John Kerry und schamlosen Selbstgratulationen der Demokraten erwarteten wir von einem Grundsatzredner aus Chicago mit sonderbarem Namen wenig Erhellendes.

Als Barack Obama neunzehn Minuten und 2297 Worte später geendet hatte, war ein Superstar geboren. Und wir hatten es nicht nur bezeugt, wir hatten es empfunden und verstanden: Abraham Lincoln meets Martin Luther King meets Kayne West meets Denzel Washington. Die Leute verließen die Halle in glücklicher Trance, sie hatten eine Erscheinung erlebt.

Es war dieselbe Glückstrunkenheit, die am 26. Januar 2009 über die anderthalb Millionen auf der National Mall kam, als Barack Hussein Obama bei minus 15 Grad Kälte atemdampfend seinen Amtseid ablegte. Wer dabei war, wird das weltumarmende Gefühl niemals vergessen. Auch nicht den jungen Mann, der "Good Riddance!" zum Himmel brüllte, als der Hubschrauber mit George W. Bush über dem Kapitol aufstieg: "Auf Nimmerwiedersehen." Das Gelächter klang ausgelassen, erlöst, nicht böse.

Es ist uns bewusst, wie kitschig diese Erwähltheitsfantasien klingen. Das riskieren wir, denn zu ändern ist es nicht. Man ist selten genug dabei, wenn einer Geschichte macht und eine gute Story dazu. Wir alle wissen, dass die Stilisierung zum Erlöser Amerikas und der Welt samt Friedensnobelpreis eher Fluch als Segen für den Mann bedeutete. Bald neun Jahre nach seiner Bostoner Rede ist Obama ergraut und ernüchtert.

Die einstige Magie des Orators ist oft genug dem Überdruss an folgenlosen Reden gewichen. Seine Eloquenz, die nach acht Jahren bushscher Für-oder-gegen-uns-Rhetorik so wohl getan hatte, trägt auch Züge von Ausflucht. Zu viel Juraprofessor und Lincoln-Exeget, zu wenig Politiker und Lincoln-Schüler. Dass ihm seine Wiederwahl gelingen würde, hielten wir im Sommer 2012 für kaum möglich.

Obama: "Barack heißt 'Der Gesegnete'"

Hätten wir es nur damals in Boston geahnt. Im Grunde war in Barack Obamas Parteitagsrede, drei Monate vor seiner Wahl zum US-Senator, alles angelegt, was seinen gloriosen Aufstieg befeuern sollte. "Sagen wir es offen", sagte er nach wenigen Sätzen, "meine Anwesenheit auf dieser Bühne hier ist ziemlich unwahrscheinlich." Denn der Großvater in Kenia, der britische Kolonialherrn bekocht hatte, und der Großvater in Kansas, der sich nach Pearl Harbor zur Armee meldete, waren nicht von höchstem Stand gewesen.

Kaum höher waren der Sohn des Kochs, der als Student den amerikanischen Traum suchte, und die Tochter des GIs, die einen Afrikaner heiratete: "Barack heißt 'Der Gesegnete', und meine Eltern glaubten, dass ein afrikanischer Name im toleranten Amerika kein Hindernis wäre." So sprach er. Längst folgten wir jedem Wort; der Zauber begann zu wirken.

"In keinem Land der Erde wäre meine Geschichte möglich", sagte der Senator, an dem sich des Vaters Traum erfüllte. Voilá America. In diesem Land würde jede Wählerstimme gezählt, rief er und fügte mit komödiantischem Zögern hinzu: "wenigstens meistens". Die Leute waren lachend bei ihm. Obama rühmte John Kerry, er trauerte um die (damals erst) 900 amerikanischen Gefallenen im Irak-Krieg, er predigte gegen eine "Politik des Zynismus", die Amerika spalten wolle: "Es gibt nicht ein liberales oder konservatives Amerika, kein schwarzes, weißes, hispanisches, asiatisches Amerika: Es gibt nur die Vereinigten Staaten von Amerika."

Die Halle explodierte in Jubel. Nicht weil Banalität und Heuchelei, die man im Schönreden Obamas entdecken kann, sie hinrissen. Nicht weil sie ernsthaft glaubten, dass Obama recht hatte, sondern weil sie wider alle Erfahrung glauben wollten, dass er eines Tages Recht schaffen würde. Nicht John Kerry, nobel und blutarm, würde das gelingen, sondern diesem Kerl aus Illinois.

Verblendet? Wir bekennen uns schuldig. Romantisch? Aber gewiss; es tat so wohl. Naiv: stimmt auch. Eine Mehrheit der Amerikaner war naiv genug, diesen Mann vier Jahre später zum Präsidenten zu wählen und abermals vier Jahre später noch einmal. Seit Franklin D. Roosevelt wurde kein Präsident zweimal mit mehr als fünfzig Prozent der Stimmen gewählt. Erst recht kein halbwegs schwarzer "Kommunist", "Antiamerikaner", "Vaterlandsverräter", "Elitist" wie dieser Barack Obama.

Kein Vorgänger brachte so viel Hoffnung

Wer dem Präsidenten zuhörte und ihn ansah, als er am 16. Januar dieses Jahres seinen Katalog zur Schusswaffenkontrolle vorlegte, konnte, musste verstehen, welch ein Glücksfall ein Verfassungsrechtler, Intellektueller, Vater zweier Töchter in diesem Amt ist. Barack Obama begründete seine kühnen Maßnahmen mit dem Recht amerikanischer Kinder auf Leben und Streben nach Glück.

Er sprach in tiefem, zornigem Ernst, er verneigte sich vor den toten Kindern und Lehrern von Newtown und konfrontierte die Sünden der Nation mit einer Härte, wie man sie seit Jahren nicht von ihm gespürt hat. Wieder, wie damals in Boston, sprach er von 900 getöteten Amerikanern. Nur dass sie dieses Mal die Gefallenenziffer durch Schusswaffen an der Heimatfront beschrieb.

"Machtanmaßung: Tyrann!" schrien Republikaner auf, "Verfassungsfeind". Es sei höchste Zeit fürs Amtsenthebungsverfahren, forderte ein Abgeordneter aus Texas. Die nächsten vier Jahre werden knallhart für den Präsidenten und das Land, auf guten Willen der Opposition oder auch nur patriotische Verhandlungsbereitschaft kann niemand zählen. Oh, was könnte ein Barack Obama schaffen, wenn er das boomend friedliche Amerika der Clinton-Ära führte.

"Man nennt mich Alabama, auch Yo Mama", scherzte Obama im Wahlkampf 2008, um sein Publikum mit Gelächter zu erwärmen. Osama, wie ihn besonders dumpfe Witzbolde riefen, ignorierte er. Das Spiel mit der Fremdheit des Namens ist nicht bloßer rhetorischer Trick. Es hieß, der Kandidat fürchte nichts mehr, als dem Medienmythos des Superstars, des ersten Schwarzen, der Amerikas Präsident werden könnte, zu verfallen.

So jung war er, gerade 45; so unerfahren und strahlend wie einst John F. Kennedy; von so frommer Wortgewalt wie Martin Luther King; lincolnesk in Gestalt, Geist und skeptisch missionarischer Haltung. Menschen wollten diesen Barack Obama verehren wie ein Geschenk des Himmels. Gegen diese Verführungen verabreichte er sich Ironie und Demut wie ein Diabetiker Insulin.

Gänzlich gescheitert ist Barack Obama mit dem Anspruch, Washington an Manieren zu erinnern. Man hat den Präsidenten hochfahrend genannt, kalt, immer wieder elitär, weil er Komplexes zu erklären versteht und ein elegantes, metaphernreiches Amerikanisch spricht und schreibt.

Kein Präsident seit Lincoln hat so viel Hass auf sich gezogen, keiner so viel Hoffnung. Es ist nur billig, dass er heute mit zwei Bibeln, der von Lincolns Inauguration 1861 und einer "Reisebibel" Martin Luther Kings, seinen Amtseid beglaubigt. Barack Obama braucht jede irdische und allmächtige Hilfe, die er bekommen kann. Er hat sie oft erhalten. Schon damals in Boston. Als ein Mann darlegte, warum er stets hoffte, aus dem "dürren Jungen mit dem komischen Namen" könnte in Amerika etwas werden.

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