Tempodrom-Konzert
Brian Wilson kommt und Berlin geht nicht hin
Freitag, 10. Juli 2009 09:35 - Von Michael Hufnagel"I Get Around", "Barbara Ann" oder "Surfin' USA - Brian Wilson ist eine lebende Legende. Aber zu seinem Berlin-Konzert im Tempodrom kamen nur wenige Fans. Und richtig wohl scheint sich der Ex-Beach-Boy auf der Bühne auch nicht zu fühlen.
Es ist ja wahrlich nicht so, dass man jeden Tag Gelegenheit hat, einer lebenden Legende zu lauschen. Trotzdem ließen die Berliner eine davon sträflich ungenutzt verstreichen, als Brian Wilson im Tempodrom auftrat und seine größten Hits zu Gehör brachte. Brian Wilson vor ein paar hundert Leuten – das muss man sich mal vorstellen! Dieser Mann war das kreative Genie der Beach Boys, er schrieb Songs wie „I Get Around“, „Barbara Ann“ oder „Surfin' USA“ und komponierte „Pet Sounds“, ein Meilenstein-Album der Rockgeschichte. Immer wieder beziehen sich jüngere Musiker auf diesen Mann und seine Musik. Aber die Hauptstadt geht nicht hin.
Nun ging Wilson zugegebenermaßen nicht als begnadeter Live-Performer in die Annalen ein. Seit den Aufnahmen zum Beach-Boys-Album „Today!“, das 1965 erschien, mied der Kalifornier die Bühne, kämpfte er mit sich, seinen Ideen, gesundheitlichen Problemen – und dem Lampenfieber. Erst Ende der neunziger Jahre begann er wieder aufzutreten. So richtig in seinem Element fühlt er sich dabei aber immer noch nicht, das merkt man auch im Tempodrom.
Man mag diesen Mann dafür belächeln, wenn er als 67-Jähriger über Gefühle in der Jugend singt und ständig heiße Gefährte auf zwei Beinen oder vier Rädern preist. Andererseits gibt es auf dieser Welt niemanden, der genau aus diesen simplen Themen den Stoff für ein positives Lebensgefühl entwickelt und dabei viel künstlerische Fantasie offenbart. Schon auf Platte kann man sich der magischen Anziehungskraft dieser subtil arrangierten Chorgesänge nicht entziehen, aber wenn Wilson sie mit seinen Musikern live aufführt, ist man endgültig machtlos. Die Präzision, mit der acht Stimmen auf einmal oder zeitversetzt ineinandergreifen, zeugt von viel Liebe zum Metier.
Über anderthalb Stunden gibt es über dreißig Songs zu hören, mehr als bei vielen anderen Veranstaltungen dieser Art. Die Auswahl lässt keine Wünsche offen. Der erste Wilson-Hit „Surfer Girl“ aus dem Jahr 1963 darf ebenso wenig fehlen wie „Southern California“ aus dem letztjährigen Soloalbum „That Lucky Old Sun“. Viel von dem, was dazwischen lag, wird ausgewogen berücksichtigt. So lässt der Altmeister, bei dem gelegentlich spitzbübischer Charme aufblitzt, gleich drei Titel aus „Little Deuce Coupe“ spielen. Auf diesem Konzeptalbum dreht sich alles um schnelle Flitzer und den Rock'n'Roll der Fünfziger. Die komplizierter strukturierten Songs aus der „Pet Sounds“-Ära sorgen immer noch für Gänsehautmomente, vor allem „God Only Knows“. Hier singt der Chef zur Abwechslung alleine, das lässt er sich angesichts der Bedeutung dieses Titels nicht nehmen.
Seit seinem Comeback im Jahr 1988 ist Wilson ausschließlich als Solist in Erscheinung getreten. Qualitativ betrachtet reicht das Material zwar nicht an die frühe Schaffensperiode heran, aber für Geistesblitze wie „Your Imagination“ oder „Soul Searchin'“ ist der Herr immer noch gut. Je länger das Konzert dauert, desto mehr verschwindet dann auch die Stimmung, die nach tausend Tagen Berliner Regen aufkommt. Wilsons Rechnung, voll auf die Heilwirkung seiner „Good Vibrations“ zu setzen, geht wieder einmal auf. Am Ende wirkt der Bandleader zufrieden, er gibt seinen treuen Fans sogar einen Abschiedsgruß mit auf den Weg: „Love and mercy for you and your friends tonight.“ Es war ein schlecht besuchter, aber sehr bewegender Abend.
Sang sich durch seine großen Erfolge: Brian Wilson Foto: dpa







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