20.01.13

Rolf Wilhelm

Eine Musikerkarriere zwischen Wagner und Swing

Aufgewachsen ist er mit Furtwängler, angefangen hat er mit Cowboyserien, berühmt wurde er mit der Musik für Reinls "Nibelungen": Nun ist der Filmkomponist Rolf Wilhelm gestorben.

Von Hanns-Georg Rodek
Foto: Alhambra (DA Music)

Er lieferte nicht nur Loriot den Soundtrack: Rolf Wilhelm, geboren 1927, gestorben 2013
Er lieferte nicht nur Loriot den Soundtrack: Rolf Wilhelm, geboren 1927, gestorben 2013

Der Komponist, der die Musik zum teuersten deutschen Film der Sechziger schreiben sollte, war nicht zu beneiden. Einerseits waren "Die Nibelungen" ein Prestigeprojekt, andererseits wurden sie von dem für seine Knauserigkeit bekannten Artur Brauner produziert. Einerseits stand düster-dräuend Richard Wagner im Hintergrund, andererseits durfte die Musik nicht epigonenhaft daherkommen. Das Himmelfahrtskommando ging an Rolf Wilhelm.

Wilhelm war als Kind in Wien sozusagen mit Musik gefüttert worden. Den Primgeiger der Philharmoniker hatte er als Klavierlehrer und alle Berühmtheiten der Epoche live im Musikvereinssaal: Wilhelm Furtwängler, Clemens Krauss, Karl Böhm als Dirigenten, auch Richard Strauss, und selbst Emil von Sauer, den letzten Schüler von Liszt. Als der junge Wilhelm in Kriegsgefangenschaft geriet und etwas Notenpapier fand, begann er gleich, an einer Messe zu schreiben.

Endmusik für Cowboys

Nach dem Krieg holte ihn sein älterer Bruder – der Rundfunkregisseur Kurt Wilhelm – zu Radio München, und der 18-Jährige durfte nicht nur gleich eine Hörspielmusik komponieren, sondern seine Stücke auch bald dirigieren. Es war Gebrauchsmusik, wie auch seine ersten Kontakte zum Kino, als er billige Cowboyserienschinken, die nach dem Krieg unsere Kinos überschwemmten, mit Anfangs- und Endmusiken versah.

Dann, 1954, kam "08/15", der Film, der den Westdeutschen den Blick zurück auf den Krieg wieder öffnete. Nicht analytisch, sondern anekdotisch, nicht kritisch, eher derb, wurde das raue Soldatenleben zelebriert, und die, die dabei gewesen waren, konnten sich im Kino prustend auf die Schenkel schlagen und ihren Eheliebsten zuraunen, ja, so sei es gewesen.

Es war der Ausgangspunkt vieler Karrieren, von Joachim Fuchsbergers, Mario Adorfs und Helen Vitas, und auch Rolf Wilhelm war von da an dick im Geschäft. Sein Hauptthema im ersten Teil von "08/15" verwendet ein Motiv aus dem preußischen Zapfenstreich, und in den beiden Fortsetzungen kontrastiert er es mit der Ostfront-Sondermeldungsfanfare, dem russischen Volkslied von den "Wolga-Schleppern" und dem Swing der anrückenden Amerikaner.

Zwei Noten für Hagen von Tronje

Von "08/15" stammt seine Verbindung mit dem Regisseur Paul May, für den allein er elf Soundtracks komponierte, bevorzugt für gehobene Heimatfilme à la "Via Mala". Sieben Mal holte ihn Rolf Thiele (u.a. für "Tonio Kröger"), und für über ein Dutzend "Lümmel-", "Pauker"- und "Lausbuben"-Filme beschäftigte ihn der Münchner Produzent Franz Seitz, mit dem Wilhelm insgesamt drei Dutzend Filme machte.

Die "Nibelungen" jedoch waren anders. 15.000 Mark stellte Atze Brauner Rolf Wilhelm zur Verfügung, und dafür engagierte der ein 80-Mann-Orchester, das seine von wagnerscher Leitmotivik geprägte Musik einspielte: Strahlendes für Siegfried, ein düsteres Zwei-Noten-Motiv für Hagen, weitere für Brünnhilde und den Drehort Island.

Wilhelm nahm, damals unüblich, in Stereo auf, und so war sein Budget mit den Aufnahmen für den ersten Teil "Siegfried" schon fast aufgebraucht. Brauner genehmigte ihm für "Kriemhilds Rache" nur noch 7000 Mark, und so musste Wilhelm experimentieren. Er warf sämtliche Streichinstrumente heraus und verwendete vor allem Bläser, Schlagzeug, Harfe und Klavier, was dem Score eine kompromisslosen Charakter verlieh, durchaus passend zu dem grausamen Schlachten.

Ein Rätsel für Ingmar Bergman

Wilhelm nahm auch als erster Filmkomponist Anleihen bei dem Klangschemata von "Der Mars" aus Gustav Holsts "Planeten", was John Williams dann im "Krieg der Sterne" richtig salonfähig machte, gefolgt von unzähligen Nachahmern, unter anderen Hans Zimmer im "Gladiator".

In den Siebzigern übernahm der Neue Deutsche Film, und Wilhelm war zu sehr mit der Altbranche verbunden, als dass ihn die Jungen geholt hätten. Ein Glücksfall für ihn war das erzwungene Steuerexil von Ingmar Bergman, der in München landete und ihn mit dem "Schlangenei" beauftragte. Wilhelm trug Originalmusik aus den Zwanzigern zusammen und legte diese, zusammen mit eigenen Kompositionen, dem Regisseur vor – ohne Bergman zu sagen, was von wem stammte. Der entschied sich, sozusagen blind, für Wilhelms Musik.

Nun ist Rolf Wilhelm, der die Musik zu über 100 Kino- und Fernsehproduktionen, 250 Hörspielen und 300 Werbefilmen schrieb, 85-jährig in Grünwald bei München gestorben.

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