20.01.13

Museumsbesuch

In dieser schönen Waffenwelt gibt es kein Massaker

Gut geölter Mythos: Die National Rifle Association betreibt eine Indoor-Schießanlage und präsentiert im Museum Waffen wie Geschmeide. Ein Besuch einen Monat nach dem Schul-Massaker von Newtown.

Von Uwe Schmitt
Foto: Getty Images

Ein Traum für Waffennarren ist das National Firearm Museum in Fairfax, Virginia: Es wird von der National Riffle Association finanziert, die außerdem eine der größten Indoor-Schießanlagen in den USA betreibt. Eine Besucherin steht mit ihrem Sohn vor Exponaten.

10 Bilder

"Notizen machen verboten", zischt der Kustode von der Seite, als wir vor dem Schaukasten "The Era of the Schuetzenfest" die fein gearbeiteten schweizerischen und deutschen Gewehre der Immigranten um 1850 bewundern. "Sie müssen scherzen!", entgegnen wir, ohne den Blick zu wenden. "Nein, Sie müssen mit hinauskommen, Sir". Es hat eine seltsame Pikanterie, sich wehrlos zu fühlen mitten in der Sammlung von mehr als erlesenen 2700 Feuerwaffen.

Vermutlich gilt Hausrecht in der Trutzburg des "National Firearm Museums". Nur nach Gesichtskontrolle durch eine Kamera und dem Gelöbnis über eine Gegensprechanlage, Handy und Taschen am Empfang abzugeben, werden wir eingelassen. "Seit drei Wochen, bis auf weiteres, sind Notizen verboten", erklärt eine Managerin. "Das können Sie nicht ernst meinen, dies ist ein freies Land", erregen wir uns künstlich und geben uns als Reporter zu erkennen. Pressefreiheit? Noch schlimmer: "Presse nur nach Vereinbarung!" Deutscher Reporter? "Was? Warten Sie."

Nach langen Minuten, in der offenbar eine Schadensabwägung debattiert wird, kommt ihr Vorgesetzter, ein schwarzer, vornehm gekleideter Gentleman: "Keine Fotos, keine Interviews", mahnt er. "Notizen können Sie machen." Mit einer dankbaren Verneigung vor den Waffenschmieden Paul und Wilhelm Mauser, die 1871, dem Gründungsjahr der "National Rifle Association" (NRA), Ehre fürs junge Deutsche Reich einlegten, gehen wir zurück. Der Kustode nickt uns zu. Wir werden als Freunde scheiden.

NRA: "Waffen verändern die Geschichte"

Die Gebrüder Mauser zählen zu den Heiligen der Waffennarren, wie Horace Smith und Daniel Wesson, Sam Browning, Eliphalet Remington und Samuel Colt. Als zirzensische Revolverhelden treten Annie Oakley, William "Buffalo Bill" Cody", John Wayne und Clint Eastwood mit ihren Lieblingsknarren auf. Bad guys wie Nazis und Indianer werden durch Hakenkreuz-Armbinden oder Häuptlings-Fotoporträts, vor allem durch formidablen Waffen gewürdigt. Präsidenten und europäische Prinzen haben, auf welchen Wegen immer, ihre edlen Büchsen gestiftet. Gewehre, die eisernen Zepter des amerikanischen Souveräns, sind die Gleichmacher zwischen Macht und Ohnmacht, Rebellen und Royalty. "Guns make things happen", steht geschrieben, "they change history." Keine Frage.

Einladend wie ein Hochsicherheits-Gefängnis erhebt sich das NRA-Hauptquartier in Fairfax (Virginia), eine halbe Autostunde nordwestlich von Washington gelegen: Rund 780 Angestellte, das Museum und eine der größten Indoor-Schießanlagen der USA mit 15 beichtstuhlartigen Ständen verbergen sich hinter schwarz getönten Scheiben in zwei zehnstöckigen Hochhaustürmen. Auf 200 Millionen Jahresumsatz kommt die NRA; genug für die gefürchtete Lobby, um in den republikanischen Wahlkampf 2012 mindestens zwölf Millionen Dollar zu investieren. Mit lausiger Rendite allerdings, die wenigsten ihrer Schützlinge wurden gewählt.

Wer Glauben und Gefühle von Amerikas Schützenbund verstehen will, mag sich eine gekreuzte Kreatur aus Automobilklub und Drachen vorstellen. Die feuerspeiende NRA ist die Hüterin der Verfassung wider den tyrannischen Staat, der seine Bürger entwaffnen und den Schatz der Freiheit rauben will. Die fürsorgliche NRA sieht sich als "vornehmster Verband für Schusswaffen-Erziehung in der Welt", der mit Hotelnachlässen und netter Jugendarbeit wirbt. Ständig ist sie beleidigt, als Drache missverstanden zu werden. Seit dem Schul-Massaker von Newtown am 14. Dezember hat die NRA in Notwehr 250.000 neue Mitglieder geworben. Der Verband wurde immer stärker, wenn er angegriffen wurde.

Keine Kriminalität trübt diese Ästhetik

Eine Handvoll NRA-Jünger begeht andächtig flüsternd und fachsimpelnd die Ausstellung. Es sage niemand, Waffen könnten nicht schön sein. Sie ranken sich versilbern, funkeln in Intarsien, glänzen golden, drohen schwarz, matt, ölschimmernd. Mit Einfühlung kann auch ein beschwichtigter, ganz entwaffneter Mensch die nahezu erotische Kraft eines meisterhaft gefertigten Gewehrs erspüren. Sie sind weiblich und phallisch zugleich, sie tragen Namen. Ihre Liebhaber nennen sie "Baby".

Hier, in den Innereien des Drachens NRA liegen und hängen sie ausgeleuchtet wie Geschmeide, feinste Uhren, Musikinstrumente. Keine Kriminalität trübt diese Ästhetik, nur Osama Bin Laden trägt auf seinem Fahndungsplakat einen roten Stempel im Gesicht: "Verschieden" ("Deceased"). In der schönen Waffenwelt gibt es kein Blut, keinen Pulverdampf, keine Massaker, keine erschossenen, andere erschießende Kinder.

Wir schlendern durch diese gewaltlose Traumwelt just an dem Tag, da Obama sein Waffenkontroll-Programm vorstellt. Eine in ihrer Kühnheit überraschende Initiative, die von der NRA sogleich mit "dem Kampf des Jahrhunderts" bedroht wird. Es ist derselbe Tag, an dem die NRA in einem TV-Spot den Präsidenten einen "elitären Heuchler" heißt und fragt, warum dessen Töchter eigentlich in ihrer Schule von bewaffneten Wachen geschützt werden: "Sind die Kids des Präsidenten wichtiger als eure?" Der Tag, an dem das Weiße Haus den Spot "widerwärtig und feige" nennt. Umfragen, die erstmals seit Jahrzehnten Mehrheiten für einen Bann von Sturmgewehren sowie bundesweite Registrierung von Waffen und ihren Käufern ausweisen, machen die NRA nervös.

NRA feiert das private Bewaffnungsrecht

Zwanzig von Kugeln durchsiebte Erstklässer, sechs niedergemähte Lehrer haben die Gleichung "Gott plus Gewehre = Freiheit und die NRA" aufgehoben. Vielleicht nur für einige Wochen. Doch das sind die Wochen, in denen der Drachen NRA Feuer speit: "Aus meinen kalten, toten Händen" winden müsste man ihm die Waffe, rief NRA-Präsident Charlton Heston im Jahr 2000 aus. Die Parole fehlt in der Abteilung, die dem Andenken von Hollywoods "Moses" gewidmet ist. Ben Hur und all die anderen biblisch-antiken Helden musste Heston ohne Knarre verkörpern. Den Entzug holte er an der Spitze der NRA nach.

Das von der NRA frömmelnd vorgebetete Recht auf Waffenbesitz im "2nd Amendment" wird hier beeindruckend inszeniert. Die Wandlung der Formulierungen, die zunächst ein Recht auf Wehrdienstverweigerung aus religiösen Gründen enthielten, wird anhand der Diskussionen des Kongresses von 1787 veranschaulicht. James Madison schmähte europäischen Regierungen, "die Angst haben, ihren Völkern Waffen anzuvertrauen". Der NRA-Text fügt auf einer Tafel hinzu: "Die Amerikaner fürchteten, dass von einer übermäßig starken Bundesregierung Tyrannei ausgehen würde." Alle Amerikaner? Es fehlt jede Andeutung über den tiefen Auslegungsstreits über den zweiten Verfassungszusatz: Wird darin das Recht zur Bewaffnung von Milizen begründet oder jedes Bürgers? Der Supreme Court entschied 2008 auf ein privates Bewaffnungsrecht. Die NRA hat seither nicht aufgehört zu feiern.

Der Katalog kostet 10 Dollar; eine Plastik-Eierhandgranate mit Liebesperlen im Museumsshop 3,95 Dollar

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