18.01.13

Regisseur

Ulli Lommel ist kein Schnitzel zu groß

Mit Romy Schneider warf er Papierflieger vom Funkturm, mit Sinatra feilschte er um Gagen - jetzt inszeniert der Regisseur Ulli Lommel in Berlin ein Theaterstück, wie es die Welt noch nie gesehen hat.

Von Hanns-Georg Rodek
Foto: picture alliance / Sven Simon

Regisseur Ulli Lommel hat ein Faible für Trash-Filme - und für Riesen-Schnitzel
Regisseur Ulli Lommel hat ein Faible für Trash-Filme - und für Riesen-Schnitzel

Wir sind im "Hotel Lux11" verabredet, weil es nur drei Gehminuten von der Volksbühne entfernt liegt, wo Ulli Lommel gerade etwas probt, was das Theater in den 4000 Jahren seiner Geschichte noch nie gesehen hat. Aber das "Lux" kocht heute Abend nicht. Nun ist guter Rat teuer. Die Gegend um den Alexanderplatz ist für ihr kulinarisches Angebot so berühmt wie für ihre architektonischen Leckerbissen, nämlich gar nicht.

Da fällt Lommel ein, dass er nach der Probe mal in einem Laden namens "Lebensmittel in Mitte" war, der Brot, Wurst, Käse und Wein aus dem Süddeutschen vertreibt – und Hausmannskost serviert. Wir bekommen zwei Plätze an einem Holztischchen an der Wand, darüber hängt eine Vor-Vereinigungs-Landkarte mit DDR. Alles wirkt frugal-rustikal.

Wie man in Los Angeles gutes Sushi bekommt

"Wo speisen Sie eigentlich in Los Angeles, Herr Lommel?"

"Ich lebe am Meer in Venice, da gibt es zwei sehr gute Sushi-Restaurants. In das eine war ich schon seit Jahren gegangen, bevor ich mit dem japanischen Karate- und Filmstar Sonny Chiba dort aß. Und siehe da: Es war noch tausendmal besser als zuvor. ,Das wundert mich nicht', sagte Sonny. ,Die Japaner denken in Klassen, auch japanische Köche. Ein berühmter Japaner bekommt das Beste, ein normaler Japaner das Zweitbeste, ein netter Amerikaner das Drittbeste und ein doofer Amerikaner das Viertbeste. Du hast bisher, mit Glück, das Drittbeste gehabt.' Am nächsten Tag bin ich zu meinem Sushi-Chef gegangen und habe gefragt: ,Sag mal, stimmt das?!' Daraufhin ist er rot geworden: ,Ja, das stimmt. Aber von jetzt ab bist du bei uns berühmter Japaner.'"

Der Kellner bringt unsere Bestellungen: Schnitzel mit Kartoffelsalat für Lommel, einen Bayerischen Schweinebraten mit Biersoße und Kartoffelknödel für mich. Die Portionen sind sehr groß, die Teller auch. Der Tisch ist klein. Wir müssen mit dem Abstellen experimentieren.

Vom Vorteil einer Monatskarte in Berlin

"Gibt es irgendwo in Los Angeles solch ein Schnitzel oder solch einen Braten?"

"Ich wüsste nicht, wo. Dafür die besten koreanischen und vietnamesischen Restaurants. Aber du bist immer nur im Auto, so weit sind die Strecken. Da liebe ich Berlin, du kaufst eine Monatskarte und kommst überall hin. Und Berlin hat mit Tegel den schönsten Flughafen der Welt."

"Bei dem es vom Taxi zum Flugzeug 50 Meter sind. Und den sie schließen."

"Das Konzept aller neuen Flughäfen besteht darin, uns eine Meile bis zum Flugzeug laufen zu lassen, damit wir bei Prada vorbei müssen oder irgendeinen Mist kaufen. Die ganze Welt sollte Tegel kopieren, aber nein, wir müssen Shopping machen. Ich verbringe mein halbes Leben im Flugzeug zwischen Amerika und Europa, das ist ohne diesen Einkaufswahnsinn anstrengend genug. Fast möchte man Amok laufen. Das ist für mich Terror, Konsumterror. Da kann man gar nicht mehr von einer freien Welt reden."

Ein Experte für die freie Welt

Ulli Lommel ist ein Experte für die freie Welt. Als Jugendlicher war er von den USA begeistert (Süßigkeiten! Gesungener Wetterbericht auf AFN!), als junger Erwachsener drängte ihn Vietnam nach links, mit 33 kam er erstmals nach Amerika, wollte dort aber nicht leben.

"Da habe ich durch Warhols Factory ein Amerika kennengelernt, das ich noch toller fand als das Elvis-Amerika. Ein Jahr später fuhr ich erstmals mit dem Auto von New York nach Los Angeles, und das ist bis zum heutigen Tage das Erlebnis meines Lebens. Diese Weite, die man spürt! Nach ein paar Tagen werden Räume in dir frei für Träume, die du vorher gar nicht geahnt hast. Und wenn du in Amerika mit einer Idee kommst, die es noch nicht gegeben hat, fragen sie: ,Das hat es noch nicht gegeben? Echt nicht? Dann müssen wir das machen!' In Deutschland ist das ,noch nicht gegeben' eher ein Hinderungsgrund."

Den ersten konkreten Geschmack dieser Freiheit bekam er in Bad Nauheim. Dort lebte der Komiker Ludwig Manfred Lommel mit seiner Familie, und praktisch um die Ecke war der GI Elvis Presley stationiert: "Ich sah ihn dauernd auf der Straße, und ich mochte seine Musik."

Einst sang er Elvis-Lieder auf Deutsch

"Hat Elvis nicht wie ein normaler Soldat in der Kaserne gewohnt?"

"Nein, in einem eigenen Haus. Ich hatte eine kleine Band und spielte Elvis-Songs und wünschte mir zum 14. Geburtstag von meinem Vater ein Treffen mit Elvis. Das war kein Problem. Ich habe ihm meine deutsche Übersetzung von "Teddy Bear" vorgespielt, und er hat sich krankgelacht und mich umarmt. Dieser Abend führte dazu, dass ich bald von zu Hause abgehauen bin. Mein Vater hat die Polizei gerufen, und so wurde ich in ganz Deutschland von der Polizei gesucht."

"Womit haben Sie Ihren Lebensunterhalt verdient? Papa dürfte kaum monatliche Schecks geschickt haben."

"Ich habe Elvis-Lieder auf Deutsch gesungen. Und spielte bereits ein halbes Jahr später im Renaissance-Theater und war ein Jahr später auf der Ufa-Nachwuchsschule in Berlin. Mit 15 habe ich bereits gut Geld verdient." Damit begann 1960 ein Leben, in dessen Verlauf er mit Romy Schneider Papierflieger vom Berliner Funkturm warf, mit Frank Sinatra um Gagen feilschte, mit Jackie Kennedy über die Monroe plauderte, mit Orson Welles einen Schneideraum teilte oder sich mit Truman Capote aus Tiffany's herauswerfen ließ.

"Es ist ja nicht so gewesen, dass ich immer wie ein Groupie auf der Suche nach Ikonen gewesen bin", sagt Lommel. "Fassbinder hat mich angesprochen, und Warhol wollte Filme mit mir machen, nachdem er meine erste eigene Regie ,Zärtlichkeit der Wölfe' gesehen hat."

Der Faible für Trash ist bis heute geblieben

Zwei haben sie dann auch zusammen gemacht, und Lommel ist Amerika treu geblieben. Jedes Jahr bis heute dreht er ein paar Filme, Horror und Slasher und Krieg, ein veritables Trash-Œuvre wie kaum ein zweites. Zuweilen gibt er sich der amerikanischen Neigung zum Oberflächlichen hin.

"Ich hatte mal eine Phase, in der ich mit dem Jeep durch L.A. fuhr. Da sah ich einen Porsche Carrera. Schon als Siebzehnjähriger wollte ich unbedingt einen Porsche – und nun besaß ich das Geld. Eine innere Stimme sagte: ,Ulli, das ist aber peinlich. Du bist jetzt 63, und jetzt willst du anfangen, Porsche zu fahren?' Doch eine zweite Stimme sagte: ,Was ist peinlich? Das sind nur deutsche Bedenkenträgereinwände. Kauf ihn dir.' Am nächsten Morgen fuhr ich wie ein Zombie zum Händler. Vier Jahre bin ich damit glücklich gefahren, nun habe ich ihn verkauft."

"Was nützt ein Porsche in einem Land mit der Geschwindigkeitsbeschränkung auf 100 Stundenkilometer!?"

"Wenn Sie auf dem Highway vor und hinter sich niemand sehen, drücken Sie schon mal aufs Gas und fahren 250."

"Ich kenne 50 Hollywood-Filme, wo hinter dem nächsten Baum ein Streifenwagen nur auf so jemanden wartet."

"Und ich habe es 50-mal getan und bin nie erwischt worden."

Das muss ein Gefühl tiefer Befriedigung verursachen, wie unsere Mahlzeit. Ich lobe Knödel und Braten in den Himmel und schaufle eine Portion auf Lommels Teller. Auch er schwärmt: "Der verläuft ja geradezu auf der Zunge!"

500 Jahre Amerika in 100 Minuten und 3-D

Die Volksbühne meldet sich auf seinem Handy, braucht ihn diesem Abend nochmals. "Fucking Liberty" wird das Stück heißen. "Wir präsentierten 500 Jahre Amerika in 100 Minuten", sagt Lommel, "eine Revue, mit viel Musik und Mädchen. Amerika war ja schon immer eine Spaßgesellschaft, und so gehe ich zurück an die Anfänge des Entertainments, die Broadway-Show. Es hat ein Jahr gedauert, bis sie begriffen, was ich wollte: die Kombination von 3-D auf der Leinwand und Live Action auf der Bühne."

"Der Zuschauer hat eine 3-D-Brille im Theater auf?"

"Ja. Was dabei passiert, ist für mich revolutionär: Die Schauspieler auf der Leinwand sind den Zuschauern näher als die auf der Bühne. Die bleiben dort wie auf einer 2-D-Leinwand gewissermaßen kleben. So wird die Bühne fast zur Leinwand und die Leinwand fast zur Bühne, und zwar zu einer, die bis in die dreißigste Reihe geht. Kein Schauspieler kommt sonst so nah an dich heran. Er müsste dafür in der Reihe vor dir sitzen und dich streicheln. Ich denke, dass diese Technik wie für das Theater geschaffen ist."

"Wo führt die 3-D-Reise hin?"

"Alles zielt auf die wirklich große Revolution, das Hologramm. In zwölf bis 15 Jahren wird 3-D ein alter Hut sein, dann werden wir zusammen zum Abendessen gehen, ohne in einem Raum anwesend zu sein. Äh, wollen Sie etwas von meinem Schnitzel?"

"Solch ein Tausch wäre bei einem 3-D-Date nicht möglich. Soll ich wirklich?"

"Unbedingt. Dieses Schnitzel reicht für eine ganze Familie. Im übrigen, es wird noch gespenstischer. Wir können im holografischen Zeitalter dann auch mit Personen dinieren, die gar nicht mehr am Leben sind. Das wird für die nächste Generation eine ganz normale Welt sein."

Die große Liebe zwischen Elvis und Liberace

Es klingelt wieder, erneut die Volksbühne. "Was ich noch sagen wollte zu Verblichenen: Ein Bekannter von mir kennt jemanden, der hat den Briefwechsel von Elvis und Liberace entdeckt, glühende Liebesbriefe. Die beiden hatten eine ganz starke Beziehung. Die flamboyanten Kostüme, die Elvis gegen Ende seiner Karriere trug, waren eine Hommage an Liberace. Diese Briefe werden in L.A. gerade als das Nonplusultra an Geheimnis und Entdeckung gehandelt."

Nun muss er wirklich. Es ist tragisch! Ein Viertelschnitzel bleibt allein zurück. Und von Liberelvis hätten wir gerne mehr gehört. Dieser Ulli Lommel hat so verdammt viele gute Geschichten.

"Fucking Liberty" ist am 18., 23. und 31.1. an der Berliner Volksbühne zu sehen.

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