18.01.13

C. M. Wieland

"Sie also sind der Voltaire der Deutschen?"

Als er vor 200 Jahren starb, war er so berühmt wie Goethe und Schiller: Christoph Martin Wieland. Jetzt erinnert man sich kaum noch an den Dichter. Dabei war Napoleon so begeistert von ihm.

Von Marc Reichwein
Foto: picture alliance / akg-images

Christoph Martin Wieland (1733 bis 1813): Kupferstich von Moritz Steinla nach einem Gemälde von Ferdinand Jagemann aus dem Jahr 1805
Christoph Martin Wieland (1733 bis 1813): Kupferstich von Moritz Steinla nach einem Gemälde von Ferdinand Jagemann aus dem Jahr 1805

Als Christoph Martin Wieland am 20. Januar vor genau zweihundert Jahren starb, war er so berühmt wie Goethe und Schiller. Ja, den Aufstieg Weimars von der Fürsten-Kreisklasse zur deutschen Klassikermetropole hatte er überhaupt erst ausgelöst. Schließlich war er die erste Geistesgröße gewesen, welche die ehrgeizige Landesmutter Anna Amalia an ihren "Musenhof" holte, mit dem offiziellen Auftrag, auf den Thronfolger Carl August erzieherisch einzuwirken.

Inoffziell versprach sie sich wohl vor allem ein wenig Anregung und gehobene Konversation von dem schon damals Berühmten. Warum man Wieland heute dennoch kaum noch kennt? Eine Literaturausstellung im Museum Strauhof in Zürich meint: Vielleicht ist ja ein Rundgang durch seine Biografie (1733-1813) die beste Voraussetzung, auch wieder Zugang zu seinem Werk zu finden. Man hat ihn jedenfalls mono- und biografisch gelungen in Szene gesetzt, in der Stadt an der Limmat, die übrigens immerhin einige Jahre lang seine Heimat war.

Er importierte den Spleen ins Deutsche

Wieland, der Pfarrersjunge aus Oberschwaben, war ein ingenium praecox. Schon als Lateinschüler in Biberach an der Riss konnte er zwei Klassen überspringen. 1752, mit 19 Jahren, geht er für acht Jahre in die Schweiz, als Gast und Zögling zu Johann Jakob Bodmer, dem Literaturpapst der damaligen Zeit. Man muss sich das eher devotisch-despotisch vorstellen. Erst allmählich gelingt es Wieland, sich, auch durch eine Hauslehrer-Stelle in Bern, von seinem Zürcher Mentor zu lösen.

1760 wird er zurück nach Biberach berufen, auf das Amt des Kanzleiverwalters. Der Job ist ein Segen. Nicht nur, weil er Wieland nachmittags Zeit für geistige und dichterische Betätigung gibt. Auch weil im nahe gelegenen Schloss Warthausen, bei den Grafen von Stadion, ein 1A-Salon existiert, denn sorry, aber Biberach war schon damals nicht weniger Provinz als heute.

Wieland saugt den dort gelebten Geist der Aufklärung auf wie ein Schwamm. Durch die Salongesellschaft, die in der Ausstellung räumlich nachempfinden wird, kommt Wieland nicht nur in Kontakt mit der französischen Literatur. Er entdeckt und übersetzt während seiner Biberacher Jahre auch Shakespeare. Und zwar den ganzen. Wörter wie Spleen oder Clown kommen durch ihn ins Deutsche.

Dann eben Prinzenerzieher

Nur familiär kriegt er's noch nicht so ganz gebacken. Erst die aufgekündigte Verlobung mit der Cousine. Dann aber heiratet er, ein späteres Gemälde wird ihn als Klassiker mit hauseigenem Kindergarten zeigen. Ganze vierzehn Stück sollen es gewesen sein, nicht alle überlebten freilich.

Für Wieland aber überlebt sich vor allem Biberach. Ein Ruf an die berühmte Universität Erfurt zeigt seinen Rang und festigt seinen mittlerweile nationalen Ruhm als Dichter, Philosoph und Pädagoge. Nur zwei Jahre hält er es als vielfach angefeindete Koryphäe in Erfurt aus. Dann nimmt er das Angebot Anna Amalias an und macht, wie gesagt, den Prinzenerzieher an ihrem Hofe. Erst durch und nicht zuletzt auch wegen Wieland kommen all die anderen, wird Weimar das, was es dann wurde.

Auf ein Wort mit Napoleon

Ein Fluchtpunkt der Ausstellung ist Wielands Begegnung mit Napoleon. In zeitgenössischer Scherenschnitt-Manier stehen sich die beiden Herren als lebensgroße Schatten gegenüber. Napoleon wollte den berühmtesten deutschen Dichter der damaligen Zeit unbedingt sehen, empfing ihn zu anderthalb Stunden Konversation im Stehen – und mit dem angeblichen Bonmot: "Sie also sind der Voltaire der Deutschen?"

Mit seinen unzähligen Essays zur Philosophie, Politik, Ästhetik und Philologie hatte sich Wieland tatsächlich auch über die deutschen Grenzen hinaus einen respektablen Ruf als aufklärerischer Chefdenker gemacht. Seine publizistische Pioniertat war der "Teutsche Merkur", die Gründung und Herausgabe einer gelehrten Monatszeitschrift nach französischem Vorbild, der wie nur sehr wenige deutsche Periodika zu jener Zeit auch die Vorgänge nach Ausbruch der Französischen Revolution im Juli 1789 spiegelte, an denen die deutsche Intelligenzia zunächst so warmen Anteil nahm.

Die Intelligenz liest Wieland

Und literarisch? Bleiben der "Agathon", der immerhin als erster deutscher Bildungsroman gilt? Bleiben die "Abderiten"? Wielands Werke hatten und haben es schwer, die Ausstellung weiß das – und zeigt eine ebenso großartige wie großflächige Darstellung seines allusiven Schreibverfahrens: Es ging Wieland, so die These dieser Schau, weniger ums Erfinden als ums Auffinden, Überformen und produktive Weiterdenken literarischer Stoffe.

Die Antike kannte und zitierte er wie eine prämoderne Popkultur. In den "Abderiten" bot sie ihm eine Folie zur Darstellung deutscher Kleingeisterei und Provinzialität. Im "Agathon" stellt sie den Hintergrund für einen Entwicklungsroman sui generis dar, der seinen Helden schließlich als intellektuellen Epikureer entlässt. Prägnante Zitate und großformatige Wandillustrationen bieten einen kurzweiligen Parcours durch ein Klassiker-Werk und Leben, das mit Plagiatsaffären, Lustmolch-Vorwürfen und einem Esel bis heute zu faszinieren weiß. "Intelligente Menschen in Deutschland erkennt man daran, dass sie Wieland lieben", hat Arno Schmidt über seinen Kollegen gesagt.

Die Ausstellung ist bis zum 24. Februar 2013 im Museum Strauhof Zürich zu sehen, anschließend im Wieland-Museum in Biberach (bis 26. Mai 2013).

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