17.01.13

Ausstellung

Nein, der Wanderzirkus war nicht die Caritas

Wilde Tiere, waghalsige Artisten, dramatische Trommelsoli: Bevor der letzte amerikanische Wanderzirkus stirbt, feiert eine New Yorker Ausstellung diese einzigartige Kunstform – ohne sie zu verklären.

Foto: OKAPIA KG

Am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts war nicht das Theater, nicht die Oper, nicht das Rodeo, sondern der Zirkus die populärste Form der Massenunterhaltung in der Neuen Welt.
Am Anfang des 20. Jahrhunderts war nicht das Theater, nicht die Oper, nicht das Rodeo, sondern der Zirkus die populärste Form der Massenunterhaltung

Ein Freund von mir erinnert sich noch, wie er als Kind Elefanten durch den Lincoln-Tunnel trotten sah. Es muss ein wunderbarer Anblick gewesen sein – auf seine Art nicht weniger großartig und bizarr als die Kriegselefanten des Hannibal in den Alpen: der dunkle Schacht, die mächtigen Tiere auf dem Asphalt. Sie schritten zum Madison Square Garden, wo dann der größte Zirkus Amerikas ("Ringling Bros. and Barnum & Bailey's") seine Show abzog.

An die Nummern – die Artisten, die peitschenknallenden Tierbändiger, die Clowns mit ihren roten Nasen – erinnert mein Freund sich allerdings nicht. Er gehörte eben schon einer Generation an, für die der Zirkus nicht mehr die bunte Hauptattraktion jenseits des grauen Alltags war.

Die Liebesaffäre, die Amerika mit dem Zirkus verbindet, begann früh: im 18. Jahrhundert. Damals gründete der Ire John Bill Ricketts eine Reitschule in Philadelphia – und sorgte im April 1793 für eine Sensation, als er einen "Zirkus" eröffnete. Darunter verstand man eine eingezäunte Koppel, in der Mr. Ricketts Reitkunststücke vorführte. Das Publikum dankte mit Applaus und kräftigem "Hussa!", Präsident Washington übernahm die Schirmherrschaft des Unternehmens.

Königreich der Löwen

Zirkusveranstaltungen wurden mit der zunehmenden Industrialisierung populärer: Während das Land sich mit der Eisenbahn immer weiter gen Westen ausdehnte, fuhren die Wanderzirkusse munter mit. Am Anfang des 20. Jahrhunderts war nicht das Theater, nicht die Oper, nicht das Rodeo, sondern der Zirkus die populärste Form der Massenunterhaltung in der Neuen Welt.

Dank Kompanien, denen kein Kaff im Mittleren Westen zu klein, kein Rastplatz zu staubig war, sahen Millionen junge Amerikaner zum ersten Mal in ihrem Leben einen Löwen und begriffen, dass es dort draußen jenseits des Horizonts eine große und weite, gefährliche und schöne Welt gab.

Diese amerikanische Liebe zum Zirkus kann man zunächst einmal etwas verwunderlich finden. Schließlich handelt es sich beim Zirkus um etwas Zeitloses, Archaisches. Ein Rest des Mittelalters ragt hier noch in die Gegenwart hinein: barbarische Bärenhatzen, Gaukler, die vor dem Dom ihr Wesen treiben, auch allerhand Gelichter. Gleichzeitig leitet sich der Zirkus von der barocken Wunderkammer her, in der allerlei Merkwürdigkeiten dem staunenden (und zahlenden!) Publikum als Sammelsurium präsentiert wurden.

Flüchtige, aber wohltuende Gemeinschaft

Warum interessierte sich die Neue Welt, die doch auf dem Glauben an den Fortschritt gegründet war, für solch altmodische Zeug? Warum gingen die New Yorker noch in den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts scharenweise in jene Zelte, wo die Luft nach Sägemehl roch? Vielleicht deshalb, weil in der Millionenmetropole viele Leute aus Polen, aus Irland, aus Italien, aus Russland lebten, die gerade erst gestern vom Schiff gestiegen waren.

Der Zirkus hatte für sie vor allem den Vorteil, dass man kein Englisch können musste, um zu verstehen, was vor sich ging. Außerdem waren sie hier endlich einmal keine Fremden. Die Exoten – die Außergewöhnlichen, die Nicht-Normalen – tummelten sich dort unten in der Manege – und stifteten so unter den Zuschauern eine flüchtige, aber wohltuende Gemeinschaft.

Eine Ausstellung, die derzeit im Bard Graduate Center in Manhattan gezeigt wird, macht deutlich, welch überragende Bedeutung der Zirkus einst im amerikanischen Kulturleben besaß. So waren Zirkusse die ersten Unternehmen, die mit bunt bedruckten Plakaten für ihre Aufführungen warben – Plakaten, die heute natürlich längst den Rang von Kunstwerken haben. Auch im amerikanischen Musikleben spielten Zirkusse eine große Rolle. Igor Strawinsky war sich 1942 nicht zu schade, ein von George Balanchine choreografiertes Ballett für Zirkuselefanten zu komponieren (allerdings ließ er sich versichern, dass es sich um junge Elefanten handelte). Seine ironisch-liebevolle "Zirkuspolka" ließ die grauen Riesen graziös erscheinen und humanisierte sie – wie es der Zirkus seit Generationen getan hat.

Historisches Ideal, hässliche Wirklichkeit

Der Dirigent Leon Botstein schreibt in einem aufschlussreichen Buch zur Ausstellung (Susan Weber: "The American Circus", 459 S., ca. 65 $), dass Manegen für viele Amerikaner der erste Ort waren, wo sie mit klassischer Musik in Berührung kamen. Besonders beliebt: Rossini, Liszt, Wagner, Meyerbeer, Mendelssohn, Tschaikowsky, Beethoven, Verdi, Puccini. Zirkusmusik musste die Leute mitreißen, sie untermalte dramatische Elemente mit Trommelsoli, Flöten ahmten Vögel nach, Errungenschaften wurden mit einem Tusch gefeiert: Solches kann als Vorläuferin der Filmmusik gelten.

Die Ausstellung im Bard Graduate Center ist keine Nostalgieshow, sie verklärt den Zirkus nicht. Wir sehen sowohl das historische Ideal als auch die hässliche Wirklichkeit: Neben einem britischen Gemälde – Dompteur in edler Römerpose mit Toga im Tigerkäfig – ist in einer Vitrine ein alter Elefantenhaken ausgestellt: ein Ding mit zwei schmerzhaften Dornen aus Metall, das dazu diente, Dickhäuter anzutreiben. Vielleicht noch verstörender: der Anzug eines Kleinwüchsigen, der als Zirkusattraktion seinen Lebensunterhalt verdienen musste. Nein, der Zirkus war nicht die Caritas. Nein, hier ging es oft nicht nett oder menschlich zu. Nein, es gab keine gute alte Zeit.

Erst in Amerika mutierte der Zirkus zum Wanderzirkus. Erst in der Neuen Welt rollten also Zirkuszüge – manchmal imponierende 60 Eisenbahnwaggons lang – kreuz und quer über den riesigen Kontinent; und erst hier wurde das Zirkuszelt erfunden. In Großbritannien hatten Zirkusveranstaltungen noch in fest gemauerten Manegen stattgefunden.

Elefanten aus dem Lincoln-Tunnel

Doch nun sieht es so aus, als sei der amerikanische Wanderzirkus im Begriff, in seinen letzten Zielbahnhof einzufahren. Die paar Kompanien, die es noch gibt, lassen sich heute an zwei Händen abzählen; mit dieser Form der Unterhaltung lässt sich kein Geld mehr verdienen. Hinzu kommt, dass in Amerika – wie in Europa – die Stimmen der Tierschützer immer lauter werden; und die Beteuerungen der Zirkusbetreiber, heute würden die Tiere im Gegensatz zu früher artgerecht und freundlich behandelt, nimmt kaum ein Mensch ernst. Es kann also sein, dass der klassische Zirkus schon in zehn Jahren nicht mehr sein wird. Übrig bleiben am Ende wohl nur noch Varietédarbietungen von der Art der kanadischen Truppe "Cirque du Soleil".

Als Platz für den Zirkus gibt es dann wohl nur noch: das Museum. Die Nachwelt wird uns in diesen Zirkusmuseen womöglich für Barbaren halten, weil wir einst ohne Schuldgefühle zuschauten, wie Löwen und Giraffen im Sägemehl mit der Peitsche herumkommandiert wurden. Vielleicht bringen die Nachwelt aber auch Verständnis auf für jenes Kind, das mit offenem Mund die Elefanten aus dem Lincoln-Tunnel kommen sah.

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