09.01.13

"Life Of Pi"

Hat Gott eigentlich uns geschaffen – oder wir ihn?

Dieser Film trifft die Stimmung: Nach einer Woche haben bereits 1,2 Millionen Deutsche im Kino den Film "Life Of Pi" von Ang Lee gesehen. Ein Interview mit dem Regisseur über Gott und 3-D-Technik.

Quelle: Fox
22.12.12 2:16 min.
"Life Of Pi" ist 2001 als Roman erschienen. Schriftsteller Yann Martel beschreibt die 227 Tage von Pi Patel, die er nach einem Schiffbruch auf einem Rettungsboot verbringt – mit einem Tiger.

Die Welt: Pis Vater sagt: Wenn du an alles glaubst, glaubst du letztlich an gar nichts. Das ist das Argument eines Rationalisten. Wo stehen Sie?

Ang Lee: Ich bin in einer chinesischen Kultur aufgewachsen, und deren Bestandteile sind das beständige Hin und Her, das Ausbalancieren von Konzepten und die Anerkenntnis, dass es viele Dinge gibt, die wir rational nie begreifen werden. Da hilft dann nur noch, zu glauben.

Die Welt: Seit zweihundert Jahren schreitet die Wissenschaft von Triumph zu Triumph. Heißt das auch, dass das Irrationale zunehmend verschwindet?

Ang Lee: Wissenschaften gibt es in der langen Menschheitsgeschichte erst seit kurzer Zeit, und sie finden jeden Tag Neues. Dass damit die Zahl der Rätsel abnimmt, glaube ich nicht. Mit jeder neuen Entdeckung, neuen Erklärung tun sich neue Fragen auf. Ich halte das für eine Grundkonstante unseres Lebens. Weil das so ist, tut der Mensch gut daran, der Schöpfung gegenüber Demut zu bewahren.

Die Welt: Darf ich Sie darauf hinweisen, dass Sie sich hier am allerkatholischsten Punkt der deutschen Hauptstadt befinden? Direkt vor dem Fenster liegt die St.-Hedwigs-Kathedrale, der Sitz des Bischofs von Berlin.

Ang Lee: (Macht im Spaß das Kreuz wie der Vampirjäger vor dem Vampir) Pi, als er jung ist, bandelt mit allen möglichen Religionen an, vom Buddhismus über das Christen- und Judentum bis zum Islam. Das hat weniger mit Erkenntnis zu tun als mit Teilnahme an der Gesellschaft. Religion bedeutet eben auch stark, sich mit anderen Menschen zusammenzutun. Der große Test seines Glaubens an Gott beginnt für Pi erst, als er allein auf See ist. Es geht für ihn nicht nur ums physische Überleben, sondern ums psychische. Unser Leben besteht immer sowohl aus Praxis als auch aus Abstraktion. Diese Gehirnarbeit erschöpft sich aber nicht im Rationalen, im Erklärbaren, sondern umfasst ebenso Meditation und Spiritualität. Das habe ich in "Pi" auf dem Pazifik zu zeigen versucht, ohne eine Lösung anzubieten. Filme liefern keine Lösungen, sondern berühren, wenn sie gut sind, eine Wahrheit.

Die Welt: Wäre es richtig zu sagen: "Pi bewahrt sich seinen Verstand, seine geistige Gesundheit, indem er Gott findet"?

Ang Lee: Indem er zum Glauben findet. Der Glauben ist seine Beziehung zu Gott, und er lernt zu glauben, indem er seine Emotionen einsetzt, um sich mit dem Unbekannten einzulassen. So würde ich Gott im Zusammenhang mit diesem Projekt definieren, nicht als eine bärtige Figur, die uns erschaffen hat, und mit der man reden kann. Pi versucht es, als der zweite Sturm über ihn hinwegfegt, und als er "Warum tust du mir das an?! Ich kapituliere, ich kapituliere, was willst du denn noch?!" schreit. Das ist das Konzept eines Wesens auf der anderen Seite, das uns erschaffen hat und nun die Show am Laufen hält. Pi neigt zu einem anderen Konzept, wonach Gott die Reflexion unseres eigenen Inneren ist, während es versucht, mit den Stürmen des Lebens zurechtzukommen. Letztlich reduziert es die Glaubensfrage auf eine Alternative: Hat Gott uns geschaffen – oder wir ihn?

Die Welt: Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Suche nach Glauben und der Poesie?

Ang Lee: Das kommt auf Ihre Gottesdefinition an. In meiner Erklärung – oder besser: meiner Vermutung – existiert dieser Zusammenhang auf jeden Fall. Poesie ist für mich ein Ausdruck dieser Abstraktion; etwas, das man nicht direkt aussprechen kann, das aber indirekt bestimmte Gefühle stimuliert. Poesie, Geschichtenerzählen, Filmemachen, allesamt bedienen sie sich in ihrer Darbietung Chiffren, um im Unterbewussten zu kommunizieren.

Die Welt: Was uns zu der unglaublichen Aufgabe bringt, etwas rein Maschinelles – die 3-D-Technik – mit Poesie, mit Bedeutung aufzuladen. Sie kommen nicht von der technischen Seite …

Ang Lee: … nein, gar nicht. Ich schicke nicht einmal meine E-Mails selbst ...

Die Welt: … und als Sie James Camerons Firma besuchten, dürfte es Ihr erster intensiver Kontakt mit 3-D gewesen sein. Da saßen Sie mit Programmierern – aber wie vermittelten Sie denen, was vor Ihrem geistigen Auge stand?

Ang Lee: Ich benutzte sie wie ein Werkzeug, wie einen Pinsel, mit dem kleinen Unterschied, dass diese "Pinsel" unglaublich teuer sind. Wenn mir jemand die Technik zu erklären versucht, schlafe ich für gewöhnlich ein. Aber ich muss sie benutzen. Nun gibt es zum Glück ein gutes Stück gemeinsamen Grunds zwischen uns Filmemachern und einigen dieser Techniker, die nicht nur programmieren können, sondern auch künstlerische Instinkte besitzen. Es gibt die wichtige Funktion des "optischen Überwachers", der die Brücke zwischen künstlerischer Gestaltung und technischer Realisierung bildet und meine Vorstellungen für die Programmierer übersetzt – und mir rückübersetzt, was möglich ist und was nicht. Ein weiteres nützliches Werkzeug ist die vorherige Verbildlichung: Man baut sich im Computer den Set des Films und belebt ihn durch Animationen. Ich habe ein Jahr damit zugebracht, diese Vorausbilder herzustellen, um dem Studio zeigen zu können, was mir vorschwebt und wofür ich diese riesige Summe Geldes brauchte.

Die Welt: Immerhin 120 Millionen Dollar. Wenn man Pi und den Tiger sich auf dem Boot umschleichen sieht, fragt man sich: Was war zuerst da? Der Tiger aus dem Computer oder der Schauspieler im Boot?

Ang Lee: Der Tiger. Dessen Animation hat extrem lange gedauert. Wir hatten einen Tigertrainer und sein Tier, von denen die Animatoren viel gelernt haben – und ich desgleichen. Ich habe aus diesen Beobachtungen heraus sogar das Drehbuch geändert. Die Tigerszenen mussten auch deshalb vorher entstehen, damit die Schauspieler wussten, wie sich ihr "unsichtbarer Partner" im Bild verhielt und wogegen sie anspielen sollten.

Die Welt: Ich wollte immer glauben, dass ich einen echten Tiger sah, obwohl ich wusste, dass er aus dem Computer stammen musste. Was uns zur Glaubwürdigkeit des Gesehenen bringt. Es gibt ja die Geschichte, die wir sehen – und gegen Ende eine ganz andere Version, die "Pi" erzählt.

Ang Lee: Ja, es geht es auch um die Macht des Erzählens und unsere Bereitschaft, sich auf Illusionen einzulassen. Die meisten Filme beruhen auf einem inoffiziellen Vertrag zwischen Geschichtenerzähler und Geschichtenseher: Du weißt, was du kriegst, wenn du in einen Hitchcock oder Western gehst. Diesen Vertrag bricht "Pi". Er verführt den Seher über weite Strecken, die Geschichte vom Tiger im Boot zu glauben – und dann fragt er, ob diese Geschichte wahr gewesen ist. Das ist in gewisser Weise irritierend, weil einem der Teppich unter den Füßen weggezogen wird. Wir waren uns nicht sicher, ob wir alle Zuschauer auch bis zum Ende mitnehmen könnten, aber die meisten scheinen uns gefolgt zu sein. Ich war sehr nervös.

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