08.01.13

Mode-Ausstellungen

Topmodels unter die Luxus-Röcke blicken

Mehr Frauen ins Museum! Das wünschen sich viele Institutionen – und locken mit Kleider- und Kostümschauen. In London sind drei opulente Ausstellungen zu bewundern, Hollywood-Roben inklusive.

Foto: © Kevin Tachman

Auch Modeschöpfer Valentino Garavani (hier mit Model Natalia Vodianova im Musée Nissim de Camodo in Paris) lockt in London die Damen ins Somerset House.

14 Bilder

Es macht "Ach!" und "Oh!", "Wow!" und "Splendid!". So wie immer, wenn sich eine größere Anzahl von Frauen versammelt und herrliche, teure Kleider begutachtet. Eine Mischung aus schwärmerischer Bewunderung für die Meisterschaft dieser Modemonumente und sehnsuchtsvoller Resignation, solche exquisiten Stofffantasien niemals den eigenen Körper umschmeicheln lassen zu können, scheint in den Sälen und vor den Kollektionsarrangements spürbar.

Allen gemeinsam ist die Begeisterung über das Preziöse, die Erregung über das Exklusive, die Lust am letztlich unerreichbaren Luxus.

Der den ekstatischen Flaneuren noch weiter fern rückt, zugleich sie aber um so magischer anzieht, wenn hier nicht nur Couture-Träume sich plustern, sondern es zudem die Roben illustrer Persönlichkeiten sind: deren Aura selbst die mehr oder weniger abstrakten Kleiderpuppen nicht wegwischen kann, die Samt zum Glühen, Seide zum Strahlen bringt.

Jahrmarkt der Stars

Mode als Metapher durchdringt unserer wider besseren Wissens mit Vehemenz dem schönen Schein huldigende Gesellschaft, so sehr, dass es ja schon längst nicht mehr auf die unbezahlbaren Kollektionen ankommt, die meisten Marken ihren Umsatz mit Parfüms, Sonnenbrillen und Taschen einfahren. Mit dem eben, was sich die Normalkundin leisten kann, die immer stärker auch als Besucherin in die Museen gelockt wird.

Gleich dreifach konnten dieser Tage die Damen (und die wenig sich in der verzückten Masse verlierenden Herren) in London an Ausstellungsorten fündig werden, wo Mode museal zelebriert wurde. Am effektivsten und erfolgreichsten als Mixtur aus Jahrmarkt der Stars und Hommage für eine Kunstform in der "Hollywood Costumes" im Victoria and Albert Museum. Hier verbindet sich die Berühmtheit eines Films oder eines Darstellers zwanglos mit der Ikonenhaftigkeit eines Anzugs oder Kleides.

Galerie der Filmköniginnen

Das kann zur Variationenabfolge versammelt werden, wie auf dem zentralen Podium, wo etwa Elizabeth I. als leere Hülle aus Goldbrokatreliquien sich präsentiert – jenen die Zeiten überdauernden Artefakten, in denen ihr Bette Davis, Judi Dench, Vanessa Redgrave, Helen Mirren oder Cate Blanchett ein Nachleben auf der Leinwand eingehaucht haben.

Oder ganz unscheinbar, wenn am Ende des Parcours zwei der bekanntesten Kostüme der Filmgeschichte stehen: Marilyn Monroes simpel weißes, ohne U-Bahn-Abluft nur schlaffes Organza-Kleid aus dem "Verflixten 7. Jahr", das 2011 einem Sammler 4,7 Millionen Dollar wert war, und Judy Garlands blauweiß gewürfeltes Baumwoll-Schürzenkleid aus dem "Zauberhaften Land".

Wie sonst soll man sich auch sonst steigern, wenn bereits am Anfang Scarlett O'Haras (und Vivian Leights) flaschengrüne Trümmerfrauen-Verlegenheitsrobe auftaucht, die sie sich in "Vom Winde verweht" aus Mutters Schlafzimmervorhängen schneiderte?

Die V&A-Kuratoren spielen technisch wie inhaltlich geschickt mit den Erwartungen und Sehnsüchten der sich drängelnden Besucher. Brad Pitt, Harrison Ford, Matt Damon und der leider tote Heath Ledger scheinen einem über die Schulter zu schauen, auch wenn ihre "Fight Club"-, "Indiana Jones"-, "Borne Identity"- und "Brokeback Mountain"-Outfits optisch wenig her machen: Die sich bewegenden Gesichter der Stars sind nämlich auf die Dummys projiziert.

Im Klamotten-Gespräch mit Martin Scorsese

An Konferenztischen kann man als LCD-Stelen Martin Scorsese und seiner Kostümbildnerin Sandy Powell oder Tim Burton und Colleen Atwood lauschen, wie sie über die Klamotten für "Gangs of New York" und "Sweeney Todd", diskutieren; die Figurinen schwirren virtuell über weiße Blätter auf den Tischplatten, und neben einem sitzen die belebten Puppen mit den Originalanzügen von Daniel Day-Lewis oder Johnny Depp.

Meryl Streep und Robert De Niro kann man gleich durch eine ganze Abfolge von Kostümen wie durch ihre Biografie begleiten. Von Charlie Chaplin Stummfilmtramp-Fetzen über Audrey Hepburns Original-"Tiffany"-Schwarzes made by Givenchy bis zu aktuellen Keira Knightlys "Anna Karenina"-Eleganz spannt sich der Kostümbogen, auch wenn vieles leider im Orkus der Atelierfunduse und -Abverkäufe untergegangen ist.

Viel konservativer, in elfenbeinfarbenen Kisten und unter seltsamen Plexiglasglocken, waren im gleichen Museum in der renovierten Dauerausstellung der Fashion Galleries zudem "Ballgowns: British Glamour Since 1950" zu sehen. Auch hier wird das Interesse mit dem Außergewöhnlichen angeheizt, mit kostbaren Debütantinnenroben aus Tüll und Taft, für die es kaum noch die entsprechenden Ballsäle, geschweige die passende Society gibt. Die Rechnung mit der kleinen Ausstellungsflucht in der Angestelltenmittagspause scheint ebenfalls aufzugehen.

Eine Wuschelpuschelrobe von Alexander McQueen

Das Prunkstück war eine der seine Trägerin als Zauberwesen aus Regentin und Tier aussehen lassende Wuschelpuschelrobe von Alexander McQueen. Als dessen Werkschau als bisher erfolgreichste Ausstellung in der Geschichte des New Yorker Metropolitan Museums kurz nach seinem Freitod 2010 ihre Pforten öffnete, schien diese makabre PR-Koinzidenz den Besucherinnensturm noch einmal anschwellen zu lassen.

Dort und anderswo, seltsamerweise nur nicht in Deutschland mit seinen vielen Kunstgewerbemuseen von München über Frankfurt, Dresden, Berlin bis Hamburg, hat man längst erkannt, dass die Kleiderparaden die Massen anziehen. Freilich opulent vorgeführt müssen sie sein. Was im Charity-süchtigen New York jährlich durch die medial mit einer Starparade ausinszenierte Party des Costume Institutes weiter angefacht wird.

In Paris zeigt man im Musée Orsay "Kleider der Impressionisten" und paktiert gleich in zwei Modemuseen, dem städtischen Palais Galliera und dem Musée des Arts decorartives im Rivoli-Louvreflügel gerne auch mit der Industrie. Man lässt sich Glamour sponsern, von dem jeder was hat: der Hersteller die Rendite, das Kunsthaus die Zahlen.

Valentino feiert sich selbst

Und so gibt es gleichzeitig auch noch in Londons privat geführtem Somerset House in einträchtiger Konkurrenz "Valentino: Master of Couture" als souveräne Selbstfeier zu bestaunen. Gerahmt zu ebener Erde von Werbematerial und Dankesbriefen Liza Minnellis sowie dem Spitzenzauberbrautkleid Chantal von Griechenlands als Musterstück handwerklicher Kunstfertigkeit, lässt der italienische Modeschöpfer, der sich 2008 aus dem Kleiderzirkus zurückzog, die Besucher im gewölbten Zwischenstock über einen grauen Catwalk trippeln.

Links und rechts, zwischen cremefarbenen Stühlchen mit den Namen legendäre Fashionistas von Gestern bis Heute, stehen in bunter Chronologie die zeitlos edlen Modelle. Und dazwischen das berühmteste, ein schwarzes, damals schon neun Jahre altes Vintage-Seiden-Etuikleid mit weißen, sich zum Signatur-V fügenden Streifen, in dem Julia Roberts 2001 ihren Oscar küsste. So schließt sich der einträgliche Kleiderkreis.

Victoria and Albert Museum: "Hollywood Costumes" bis 27. Januar. Außerdem als ständige Ausstellung: "Ballgowns: British Glamour Since 1950". Öffnungszeiten täglich von 10 bis 17.45 Uhr, Freitags bis 22 Uhr. Somerset House: "Valentino: Master of Couture" bis 3. März. Öffnungszeiten täglich 10 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 21 Uhr

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