07.01.13

Psychoanalyse

Warum wir das Böse auf die Couch legen

Irvin D. Yalom, einer der bedeutendsten Psychoanalytiker Amerikas, hat sich mit Mördern und Psychopathen beschäftigt: Manchen war zu helfen, doch das wirklich Böse lässt sich schwer therapieren.

Von Hannes Stein
Foto: Wikipedia/Namophoto/CC3.0

Der Sigmund-Freud-Bart täuscht: Yalom lebt im kalifornischen Stanford, nicht im Wien der Jahrhundertwende
Der Sigmund-Freud-Bart täuscht: Irvin D. Yalom lebt im kalifornischen Stanford, nicht im Wien der Jahrhundertwende

Wer Irvin D. Yalom besuchen will, muss etliche Stufen überwinden – jedenfalls wenn er die ziemlich blöde Idee hatte, den Cable Car zu nehmen, jenes so charmante wie langsame Verkehrsmittel, das von einem Kabel über die Straßen von San Francisco gezogen wird. Das Haus mit Yaloms Wohnung befindet sich am Gipfel eines steilen Hügels; der Cable Car aber hält leider an dessen Fuß. Also gilt es, den Höhenunterschied zu überwinden: eine Treppe, zwei Treppen, gerade wenn man denkt, man kann nicht mehr, kommt die dritte lange Treppe. Oben angekommen, gibt der Gast schweißtropfend die Nummer des Apartments in die Tastatur der Gegensprechanlage ein. Es knackt, dann sagt eine Stimme: "Ich hole Sie ab."

Als der Psychotherapeut, der im Nebenberuf erfolgreicher Schriftsteller ist, dann ins Foyer läuft, wirkt er, als habe er sich eben von einem Fauteuil im Wien der Jahrhundertwende erhoben: beinahe kahl, vom Alter gebeugt, mit einem angedeuteten Sigmund-Freud-Bart, freundlich die Hand zum Gruß vorgestreckt.

Berühmtheit hilft beim Therapieren

Am liebsten würde er sich mit seinem Gast im Behandlungszimmer unterhalten, aber dort ist nicht genug Platz. Yaloms Behandlungszimmer: Das sind zwei bequeme Stühle, halb liegend, so montiert, dass Patient und Therapeut einander ins Gesicht schauen können, kahle, weiße Wände, viel indirektes Licht – nichts, was beim therapeutischen Gespräch ablenken könnte.

Gleich daneben liegt Yaloms Wohnzimmer, der Gast kann ein begeistertes "Wow!" nicht zurückhalten: Ein großes Panoramafenster gibt den Blick frei über die Hügel von San Francisco, in der Ferne glitzert sanft das Meer in der Bucht. Seit vierzig Jahren hat Irvin D. Yalom jetzt diese Wohnung, die wie etwas Geträumtes wirkt, aber er ist nur noch an wenigen Tagen in der Woche hier – dann, wenn er seine Patienten behandelt. Meistens wohnt er im nahen Palo Alto, das neben der Universität Stanford liegt, deren Professor Emeritus er ist.

Wie wird man Patient von Irvin D. Yalom? "Sie rufen bei mir an", antwortet er, "dann unterhalte ich mich mit Ihnen. Fünf Minuten, zehn Minuten lang. Ich frage, was Sie bedrückt, dann erkundige ich mich nach Ihren persönlichen Umständen. Je nachdem entscheide ich, ob ich Sie als Patienten annehme oder nicht. Wenn nein, verweise ich Sie an einen Kollegen weiter." Er behandelt nicht mehr viele Menschen. Hilft ihm seine Berühmtheit bei der Therapie oder ist sie ein Hindernis? "Sie hilft. Die Leute halten mich für bedeutend. Wenn ich sie therapiere, glauben sie also, dass sie selbst auch bedeutend seien – auf diese Weise habe ich schon viel Gutes bewirken können."

Seine Romane wurden zu Bestsellern

Eigentlich hat Yalom seine Romane, von denen viele zu Bestsellern wurden, als Anleitung für jüngere Therapeuten geschrieben – "Die rote Couch", ein Buch, das mit Anthony Hopkins in der Hauptrolle verfilmt werden soll, "Die Schopenhauer-Kur", aber auch sein vielleicht berühmtestes Werk: "Und Nietzsche weinte". Der Erfolg beim breiten Publikum, sagt Yalom, sei nicht beabsichtigt, aber durchaus willkommen gewesen. Er lächelt. Wer sagt, dass Psychotherapeuten nicht auch das Recht haben, eitel zu sein?

Vor Kurzem ist nun ein neues Buch von Irvin D. Yalom herausgekommen: "Das Spinoza-Problem" (btb, 22,99 Euro). Es ist ein Roman, der auf zwei Ebenen spielt: Einerseits handelt er von dem Philosophen jüdisch-portugiesischer Herkunft, der von der jüdischen Gemeinde in Amsterdam mit einem "Cherem", einem Bannfluch belegt wurde; andererseits geht es um Alfred Rosenberg, den Nazi-Ideologen, der 300 Jahre danach Spinozas gesamte Bibliothek plündern ließ.

Der Buchtitel hat eine dreifache Bedeutung. Erstens verweist er auf das philosophische Problem, das Spinoza lösen wollte: Wie kann die menschliche Vernunft jene Aufgaben übernehmen, die bisher von der Religion gelöst wurden? Wie kann sie zu einer Leidenschaft werden? Zweitens geht es um das Problem, das manche Juden seiner Zeit mit ihrem Glaubensgenossen – oder: Unglaubensgenossen – hatten. Drittens geht es um das Problem der Nazis. Rosenberg, der an die Überlegenheit der "arischen Rasse" und die absolute Minderwertigkeit der Juden glaubte, litt wie ein Hund darunter, dass Goethe – den er doch für den größten deutsche Dichter aller Zeiten hielt – Spinoza verehrte.

Yaloms Feld ist die Gesprächstherapie

In Yaloms Roman wird Rosenberg auf die Couch gelegt und psychotherapiert; die Therapie scheitert schon nach ein paar Buchseiten grandios. "Ich habe Alfred wirklich jede Chance gegeben", sagt Yalom und grinst maliziös. "Es hat nicht funktioniert." Dies öffnet natürlich die Tür zu einer tiefen philosophischen Frage: Ist das Böse therapierbar? Wenn jetzt etwa Mahmud Ahmadinedschad hier zur Tür hereinkäme, könnte Yalom dann etwas für ihn tun? "Ich bezweifle es", sagt er, wird plötzlich sehr ernst und berichtet, er habe früher Mörder im Gefängnis besucht.

Den Affekttätern – in dem Fall Mördern aus plötzlich entflammter Eifersucht – habe er manchmal wirklich helfen können, die meisten Verbrecher aber seien nun einmal Psychopathen. Allerdings schränkt Yalom das dann gleich wieder ein: Nur seine spezifische Form der Therapie sei für Psychopathen nicht geeignet. Medikamente könnten vielleicht doch helfen. Aber Medikamente verschreibt Irvin D. Yalom kaum noch, sein Feld ist die Gesprächstherapie.

Damit wären wir bei der Gretchenfrage nach der psychologischen Religion angelangt. Professor Yalom, wie halten Sie es mit Dr. Freud? Und können Sie uns bitte die Aggressionen erklären, die Freud auch bei klugen Leuten hervorruft, etwa dem großen Schriftsteller Vladimir Nabokov? Yalom seufzt. "Als ich noch im Lehrbetrieb aktiv war, habe ich in Stanford mal ein Seminar mit dem Titel gegeben: 'Freud hatte nicht in allem Unrecht'".

Früher mied er das Thema Holocaust

Die Leute würden sich nämlich nicht klarmachen, fährt er fort, dass es vor Freud und Josef Breuer überhaupt keine Form der Gesprächstherapie gab. Gemütskranke wurden weggesperrt, mit Elektroschocks behandelt, mit kalten Wasserstrahlen abgespritzt, das war's. Die Abneigung gegen Freud rühre vielleicht daher, meint Yalom, dass er eine Autoritätsfigur war: ein absolutistischer Herrscher in seinem ideologischen Reich. "Aber was für ein Kopf! Ein solcher Denker kommt doch nur alle hundert Jahre einmal vor."

Irvin D. Yalom wurde in Washington D.C. geboren, seine Vorfahren stammen aus einem "Schtetl" in jenem Teil Polens, der vor 1918 russisch war; viele Mitglieder seiner Familie wurden im Holocaust ermordet. Was bedeutet es für ihn, dass seine Romane gerade in Deutschland so beliebt sind? "Es berührt mich", antwortet er. Noch beliebter als in Deutschland seien seine Romane allerdings in Griechenland, berichtet er dann. Die Griechen seien immer überrascht, wenn er ihr Land besuche und sie darauf kämen, dass er kein Griechisch könne: "Wahrscheinlich könnte ich jetzt auf der Stelle Bürgermeister von Athen werden."

Yalom macht eine Pause, dann sagt er: "Wissen Sie, ich habe mich in Bezug auf dieses Thema immer phobisch verhalten." Mit "dieses Thema" meint er den Holocaust. "Ich wollte früher möglichst wenig darüber wissen. Als 'Schindlers Liste' in den Kinos lief, fuhren meine Frau und ich in getrennten Autos hin. Und es kam, wie es kommen musste: Ich ging in der Mitte der Vorstellung raus und fuhr nach Hause." Er wollte nicht, dass die Leichenberge in seinen Träumen seien. Mit seinem neuen Roman habe er zum ersten Mal gewagt, sich "diesem Thema" zu nähern.

Psychotherapie ist für ihn eine Kunst

Zurück zur Psychotherapie: Beruht sie nicht auf der Grundannahme, dass Selbsterkenntnis dem Patienten hilft, dass sie unbedingt heilend wirkt? Was sagt Irvin D. Yalom aber jemandem, der diese Annahme nicht teilt? Vielleicht bringt Selbsterkenntnis am Ende nur eines: nämlich eben Selbsterkenntnis – und nichts weiter. "Aber es geht außerdem ja noch um etwas Zweites: um die Beziehung des Therapeuten zum Patienten", erwidert Yalom.

Deshalb die zwei Stühle in seiner Praxis, die so fixiert seien, dass die beiden einander anschauen können. Nein, selbstverständlich sei die Psychotherapie keine Wissenschaft; es handle sich vielmehr um eine Kunst. "Ich glaube schon sehr lange daran, dass es eigentlich nicht darum geht, Psychotherapeuten auszubilden, sondern darum, sie zu erkennen, sie auszuwählen."

Braucht jeder Mensch Psychotherapie? Oder andersherum gefragt, gibt es aus Yaloms Sicht überhaupt Leute, die psychisch gesund sind? Er grinst sehr breit und antwortet: "Jedenfalls braucht jeder Psychotherapeut Psychotherapie." Und es möge zwar geistig gesunde Psychotherapeuten geben – besser seien aber eigentlich immer diejenigen, die selbst an einem Leiden herumlaborieren. "Mir gefällt das Wort vom 'verwundeten Heiler', das C. G. Jung geprägt hat", sagt Yalom. "Mir scheint, dass gerade in der Wunde oft die Kraft liegt."

Plötzlich ist es vier Uhr. Die unentgeltliche Stunde, die der Gast bei Irvin D. Yalom verbringen durfte, ist auf einen Schlag herum: Der nächste Patient steht schon vor der Tür. Yalom lässt es sich aber nicht nehmen, uns schnell noch zum Aufzug zu bringen. "Wenn Sie damit ganz hinunterfahren, sparen Sie sich drei Treppen", sagt er zum Abschied, dann streckt der gebeugte Mann mit dem Freud-Bärtchen uns die Hand entgegen: "Take care. Geben Sie auf sich acht."

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