07.01.13

Film-Porträt

Hannah Arendt und die heftigste Holocaust-Debatte

Zwischen den Welten, zwischen den Männern: Margarethe von Trottas Kinofilm "Hannah Arendt" erzählt die Lebensgeschichte der Philosophin, die vom Eichmann-Prozess berichtete und Heidegger liebte.

Von Mara Delius
Quelle: Heimatfilm
06.01.13 2:21 min.
Wie die Publizistin ihre These von der "Banalität des Bösen" entwickelt und wie schockiert ihr Umfeld darauf reagiert, zeigt der Film von Margarethe von Trotta mit Barbara Sukowa als Titelfigur.

Die Denkerin liegt da und raucht, sie ist allein. Nur die Ruhe der Nacht umgibt sie, unten glimmen die Lichter Manhattans, der Hudson glitzert dunkel. Wie zeigt man eine Frau, die im Denken lebt? Mit einer Zigarette, an der sie gedankenverloren zieht, während sie durch Manuskriptseiten blättert? Auf einer Récamiere ausgestreckt, mit flackernden Lidern und nach innen gewendetem Blick? In entschlossenen Gesten, mit denen sie sich in ein Gespräch einmischt?

"Nimm einen Mann, wie er ist, oder du bleibst allein", sagt Hannah Arendt lachend zu ihrer Freundin Mary McCarthy, klonkt einen Schwung Rosen in die Vase und läuft in Richtung Schreibmaschine, beschwingt. Das ist die erste Szene, die von der Essayistin, Theoretikerin und Philosophin erzählt, und schon ist die Figur einem fremd: War ihre Weltsicht eingefasst von einem Blick auf Männer, in dem sich patente Rüstigkeit und devote Abgeklärtheit mischen, gefiltert durch das Negativbild, niemanden an ihrer Seite zu haben; Beisichselbstsein, war das nicht das absolute Ziel ihres Denkens?

Sie hat den Drang, Denken zu wollen

Auch wenn es in den ersten Minuten von Margarethe von Trottas Kinofilm scheint, Hannah Arendt werde zum lebensnahen Philosophiemuttchen umgedeutet: Die Denkerin tritt auf im Kontext der Männer, denen sie verbunden ist – Martin Heidegger, mit dem sie als Studentin in Marburg eine längere Affäre hat, und Heinrich Blücher, ihrem zweiten Ehemann. Doch hinter den Liebesbeziehungen liegt noch ein anderes Begehren: die Leidenschaft eines Denkens, das sich aus dem Leben selbst entwickelt und aus Beobachtungen der Wirklichkeit sein Abstraktionsgerüst formt.

Ein inneres Drängen, zu erkunden, was Denken überhaupt sei, eröffnet der Zwanzigjährigen den Zugang zum intellektuellen Universum der Zeit, in dem die Vorlesungen von Husserl, Jaspers und Heidegger Material bieten, eigene Theorien zu entwickeln. Die Geschichte, die der Kinofilm erzählt, setzt später an, nämlich an dem Moment, als dieses Selbstdenken auf die Probe gestellt wird.

Die Schlagzeile: Eichmann ist gefasst

Es ist das Jahr 1961 und Arendt lebt mit Blücher am Riverside Drive, sie ist eine geachtete Professorin an der New School for Social Sciences, als die "New York Times" auf der Fußmatte liegt mit der Schlagzeile: Adolf Eichmann ist gefasst worden. Kurzerhand bietet sie, die in den letzten Jahren Werke über die Ursprünge totalitärer Systeme verfasst hat und ein flüssiges, aber deutsch durchtränktes Amerikanisch spricht, dem "New Yorker" an, vom Prozess in Jerusalem zu berichten.

Arendt fährt nach Israel, als ehemalige Deutsche, europäische Neuamerikanerin, aufgeklärte Jüdin und vor allem als Denkerin, die nicht gefertigte Muster ausmalt, sondern versucht, ihre eigenen zu schaffen, auch weil sie eine Heimat allein in den Gedanken hat: Die Emigrantin ist nirgendwo festgehalten und schreibt in der spannungsvollen Rolle des geachteten Außenseiters über den Prozess gegen den größten lebenden Verbrecher des Jahrhunderts.

Als die letzte der Reportagen gedruckt worden ist, wird aus der intellektuellen Berühmtheit eine umstrittene Figur: Arendts These, Eichmann habe gedankenlos gehandelt und stehe für eine "Banalität des Bösen", vor der das Wort versage und an der das Denken scheitere, entfacht die heftigste Debatte über den Holocaust, Israel verbietet die Veröffentlichung der Artikel, die 1963 als Buch in Amerika erschienen sind.

Verstehen ist nicht Vergeben

Verstehen sei nicht Vergeben, heißt es in Arendts Überlegungen zu Eichmann, und an dieser Stelle beginnt der Film, sich zu entfalten und noch eine andere Geschichte mitzuerzählen, jenseits des Biopics: Es ist die Geschichte vom Denken als privatem Ort.

"Pärödeis", antwortet Arendt in ihrem schnarrenden Akzent auf die Frage, was ihr erster Eindruck von Amerika gewesen sei, als sie über Paris nach New York kam. Die Wirklichkeit war, wie ihre Briefe zeigen, nicht so strahlend. Es ist eine der Zuspitzungen des Films, die das hervorheben, was Arendt als Denkende ausmachte und antrieb: die schöne Utopie, einen paradiesischen Zustand in Gedanken zu schaffen.

Sicher, man kann einen solchen Entwurf für sphärischen Denkerkitsch halten oder für den durchromantisierten Blick auf eine Ideenwelt, die doch nur eine frauliche Variante der Kniebundhosenhaftigkeit der Philosophie Heideggers darstellt. Sicher, man kann auch schlicht eine in milden, komponierten, fernsehdreiteilerartigen Bildern erzählte Biografie sehen, angereichert mit den Schlagworten der politischen Theorie der Fünfziger- und Sechzigerjahre, vom Totalitarismus über das Böse bis zur Vita activa, dargestellt von den gängigen Darstellern des deutschen Spielfilm-Kosmos.

Die Würde der Abstraktion

Ihre Essays seien brillant, aber abstrakt, sagt ein Leser einmal zu Arendt. Die Würde der Abstraktion – das ist es, was der Film, ohne es auszuführen, entwirft. Wahrscheinlich muss man, um das Abstrakte als Ort mit seiner eigenen Architektur zu begreifen, selbst eine trockene Unabhängigkeit besitzen, und dieses Wesen wird von Barbara Sukowa als Arendt nicht ganz ausgefüllt. Ihre Entschlossenheit ist rüstig statt entschieden, ihre Zugewandtheit nicht sanft, sondern buttrig. Und sind es nicht die Untertöne, in denen die Umrisse einer Denkeridentität erkennbar werden?

Ganz bestimmt ist die historische Figur der Hannah Arendt faszinierender als der Film über sie. Aber weil er elegant jene kurzbeinige Haltung umläuft, die Theoretisches für zu hoch erklärt, gelingt es ihm, das stille Pathos des Denkens zu zeigen.

"Sie wollen bei mir das Denken lernen, Fräulein Arendt", sagt Heidegger zu seiner jungen Studentin. "Denken ist ein einsames Geschäft", fügt er hinzu, er klingt dröhnend und melancholisch. Ein halbes Jahrhundert später, in der Neuen Welt, hallt der Satz wie ein erfülltes Versprechen nach: Denken ist die lebendigste Einsamkeit, die man sich vorstellen kann. Es gibt Dinge, die stärker sind als ein einzelner Mensch, so sagt es Arendt.

Ab Donnerstag, 10. Januar 2012, im Kino.

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