07.01.13

Thriller

Die Viren und der Heilige Krieg im Computer

Er ist der Erzrivale von Cyberpunk William Gibson: Mit "Error" hat Neal Stephenson seinen nächsten großen Thriller geschrieben. Es geht um Internet-Terror. Und um Geldwäsche via Cybercash.

Von Thomas Klingenmaier

In der hügeligen Wildnis der Provinz Torgai liegt Gold offen auf dem Boden herum. Dieser Schatz scheint auf den ersten Blick rein virtuell zu sein, eine luftige Fantasie wie Dagoberts Ducks Fantastilliarden im Entenhausener Geldspeicher. Er ist Requisitenplunder eines Multiplayer-Online-Spiels namens T'Rain, das Neal Stephenson für seinen Thriller "Error" erfunden hat, das aber in Szenarien, Suchtpotenzial und Zeitvertrödelfaktor an "World of Warcraft" erinnert.

An diesem Beispiel legt Stephenson ein Phänomen unserer realen Welt dar, das Hin und Her zwischen realer Währung und fiktivem Spielgold. Betuchtere T'Rain-Teilnehmer erwerben gegen reale Bezahlung von ärmeren Spielern Ressourcen und Ausrüstungsgegenstände zum Einsatz in der Kunstwelt.

Neal Stephenson entwirft einen so gut organisierten Geldfluss zwischen Finanzmarkt und Fantasykosmos, dass T-Rain als Sickerfilter in Geldwäschesystemen dienen kann. Wobei der Buchtitel auf eine kleinkriminelle Begleiterscheinung der Grenzperforation von Wirklichkeit und Fantasie verweist.

Echtes Geld in Entenhausen

Chinesische Hacker streuen einen Virus, der Rechnerinhalte von T'Rain-Spielern unknackbar verschlüsselt und nur nach Ablieferung eines Lösegeldes in Torgai wieder freigibt. Spiel und Wirklichkeit sind dank diverser Hintertüren so offen füreinander, als ließe sich echtes Geld in Entenhausen einlagern oder Dagoberts Vermögen in unsere Realität herüberholen.

Der Kreislauf des Geldes ist auch für Leser ohne Spekulationsinteressen faszinierend. Der Amerikaner Neal Stephenson, 1959 in Fort Meade, Maryland geboren, hat schon mehrfach über Entwicklungen der vernetzten Welt geschrieben. Der Durchbruch gelang ihm 1992 mit "Snow Crash", einem Cyberwelt-Thriller, der Begriff und Konzept der Avatare über die Kreise fanatischer Spieler hinaus populär gemacht hat. Prompt galt der studierte Geograf und Physiker als Erzrivale von William Gibson, als visionärer Pfadfinder neuer Onlinewelten und als ein Hauptvertreter des sogenannten Cyber-Punks.

Allerdings hat sich Stephenson dieser Festlegung als bald entzogen. Er hat verspieltere, ironischere, weltenbaufreudigere Wuchtromane geschrieben als Gibson. Dessen zwischen 2003 und 2010 erschienene Trilogie um den Trendjäger Hubertus Bigend ("Mustererkennung", "Quellcode" und "Systemneustart") umfasst knapp 1170 Seiten. Stephensons Barock-Zyklus dagegen ("Quicksilver", "Confusion", "Principia") breitet sich auf 2700 Seiten aus, kam aber trotzdem sehr viel rascher, zwischen 2003 und 2005, auf den Markt.

Abdallah Jones und der Ex-Spezna-Kämpfer

Auch das Krimi-Einzelstück "Error" bringt es in der deutschen Übersetzung von Nikolaus Stingl und und Juliane Gräbener-Müller auf 1024 Seiten. Verirren allerdings wird sich kaum jemand in diesem Buch, trotz der Grenzübertritte zwischen Spiel- und Körperwelten. Die Kultur der Online-Spiele tritt nämlich bald in den Hintergrund.

Stephenson legt eine breitschultrige, mit ernstem Gehabe durch Pfützen unfreiwilliger Komik stapfende Räubermär vor, in der ein reizbarer Russen-Mafioso mit einem Trupp Ex-Speznas-Kämpfer illegal nach China einreist, um jene Hacker zu liquidieren, die seine Daten geklaut haben. Versehentlich stürmt er dabei die geheime Bombenfabrik eines weltweit gesuchten britischen Dschihadisten namens Abdallah Jones.

Von hier aus entwickelt Neil Stephenson mit großer handwerklicher Präzision und noch größerem Desinteresse an glaubhafter Psychologie und auslotbaren Motivationen eine mehrsträngige Geschichte von Kidnapping, Fluchtunternehmungen, Anschlagsvorbereitungen, Geheimdienstoperationen und Laieneingriffen in die Welt der Schattenpolitik.

Der Tumult als Stilleben

Die Gattung der dickleibigen Agenten-, Weltverschwörungs- und Elitemilitär-Romane samt ihrem Paradoxon der Dauerberieselung mit Nervenkitzel will Stephenson mit "Error" nicht gründlich aufmischen, sondern museumsgerecht ausstopfen. Treulich baut er vor uns auf, was solch einen Schmöker ausmacht, demonstriert zum Beispiel, wie man China betreten und wieder verlassen könnte, ohne mit den Sicherheitsbehörden in Kontakt zu kommen.

Wie man sich als Heiliger Krieger auf Terrormission mit einigen Gleichgesinnten am Unauffälligsten durch Kanada bewegt, bis man endlich eine Übertrittsmöglichkeit in die Vereinigten Staaten von Amerika findet, im großen Wohnmobil nämlich. Und wie man in solch einem Gefährt am besten eine Gefangene transportiert, ohne dass die mit der Außenwelt Kontakt aufnehmen kann, geschweige denn entdeckt wird.

Nie schreibt Neil Stephenson mit jener paranoiden Intensität, die den Roman in ein Handbuch für den Fernstudium-Selbstmordbomber verwandeln könnte, nie mit jener materialverschleißfreudigen Atemlosigkeit, die einschlägige Thriller wie Initiativbewerbungen bei den Produzenten der 007- Filme wirken lässt. Immer wahrt der Autor eine erstaunliche erzählerische Ruhe, die noch aus der Schilderung des mörderischsten Tumults ein Stillleben des Tohuwabohus macht.

Systembedingte Hilflosigkeit

Das Vehikel der Leserfantasieentführung ist zwar da, aber es tuckert träge, allzu träge dahin, als schleppe es all die Roboterarme, Stanzen und Drehbänke, die zu seiner Entstehung nötig waren, hinter sich her. Wohlwollend könnte man sagen, der Cyberpunk Neil Stephenson spiegle so doch noch Online-Spielewelten, deren Weite, Formlosigkeit und Redundanz, die systembedingte Hilflosigkeit, mit der sie Prägnanz und Dramatik durch Überfülle und Hektik ersetzen müssen.

Aber dieser Gedanke kann jenen Wunsch nicht besiegen, der mit jeder Seite von "Error" stärker wird, den nach dem flotten, beschleunigungsstarken Flitzer von drei- bis vierhundert Seiten, den Stephenson leider nicht liefern wollte. Ach, hätte er es doch bloß getan!

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