04.01.13

"Krekeler killt"

Lisbeth Salander hat eine Schwester in Bochum

Auch in der Grönemeyer-Stadt wird gemordet. Und ermittelt. Lila Ziegler heißt die schräge Detektivin. Lucie Flebbe hat sie erfunden. Ein schicker Charakter, der (leider) seine Klappe nicht halten kann.

Von Elmar Krekeler
Foto: Infografik Die Welt

Lucie Flebbe (Jg. 1977) wurde in Hameln geboren. Ben Danner und Lila Ziegler, ihre Detektive, lässt sie in der Ruhrgebietsmetropole ermitteln. Gern undercover. Diesmal sind sie mit einem ambulanten Pflegedienst unterwegs. Dem sterben die Kunden vor der Zeit weg
Lucie Flebbe (Jg. 1977) wurde in Hameln geboren. Ben Danner und Lila Ziegler, ihre Detektive, lässt sie in der Ruhrgebietsmetropole ermitteln. Gern undercover. Diesmal sind sie mit einem ambulanten Pflegedienst unterwegs. Dem sterben die Kunden vor der Zeit weg

In Bochum – keine Weltstadt, keine Schönheit, Herz aus Stahl, ständig auf Koks, tief im Westen, da, wo die Sonne verstaubt – sterben mehr Menschen als anderswo. Das haben wir uns nicht ausgedacht, das steht da in diesem Buch. "77 Tage" heißt es.

Und Herbert Grönemeyer hin oder her: Wir glauben's, seit wir die Uni gesehen haben, diese unbedingt abzureißende Wissensmaschine mit der höchsten Selbstmordrate aller deutschen Unis. Bevor wir uns jetzt in einen ungesunden Bochum-Hass steigern (was macht eigentlich der VfL, dieser Meister der Fahrstuhlmannschaften – von wegen mit dem Doppelpass alle Gegner nass machen) und wieder einmal einen gepflegten Shitstorm auslösen, möchten wir betonen, dass es sich bei dem Buch, in dem der Satz mit dem Sterben steht, nicht um eine Stadtbiografie, sondern um einen Krimi handelt.

Das relativiert das mit dem Sterben in Bochum, weil in Krimis sowieso mehr gestorben wird als in anderen Büchern. Außerdem ist dieser Krimi Teil einer Serie, die sich die 1977 (nein, nicht Bochum) in Hameln gebürtige ehemalige Nachwuchs-Glauser-Preisträgerin Lucie Flebbe ausgedacht hat und vor drei Romanen losging.

Lila Ziegler ist Lisbeth Salanders Schwester

Sie dreht sich vor allem um die zwanzig Jahre junge Liliana-Cassandra Simanowski-Ziegler und darum, wie die in immer neue (Mord-)Fälle und sozial immer neue fremde Welten taumelt. Lila Ziegler, wie sich das widerborstige, von Alpträumen heimgesuchte Wesen nennt, ist sozusagen die ein wenig naive, wenig computersichere und ein bisschen bravere Schwester der Lisbeth Salander, die es in die Detektei des hartgekochten Ermittlers Ben Danner verschlagen hat.

In der fremden Welt, in die es sie "77 Tage" lang verschlägt, wohnen giftige alte Frauen, hemmungslos geile alte Männer, verwirrt Greisinnen, geprügelte Frauen. Es riecht nach Tod, und der riecht nicht gut.

Lila und Ben, mit dem sie eine Beziehung pflegt, von der sie nicht weiß, ob sie wirklich eine ist, was zum Teil daran liegt, dass sie – das von ihrem Vater, dem großen Staatsanwalt, missbrauchte und verfolgte Mädchen – nicht ganz genau weiß, was eine Beziehung überhaupt ist. Von Liebe gar nicht zu reden.

Einem Pflegedienst sterben die Kunden weg

In dem unbedingt marlowesken Büro von Lucie und Ben jedenfalls sitzt eines Tages eine kleine, stämmige Dame, die als kaufmännische Leiterin eines ambulanten Pflegedienstes mit dem perversen, aber nicht untypischen Namen Sonnnenschein tätig ist.

Und die nun hat festgestellt, dass in Bochum anscheinend auf durchaus perfide Art tatsächlich das Herz noch zu zählen scheint, weil nämlich deutlich mehr der Sonnenschein-Pflege bedürftige Menschen von Gott oder einer mehr oder weniger mildtätigen menschlichen Hand ins Jenseits verbracht werden als beispielsweise in Essen oder Gelsenkirchen.

Sollte es sich dabei nicht um statistischen Zufall, sondern mörderische Absicht eines Pflegedienstleisters handeln, schadet das natürlich nicht nur den ehemals Pflegebedürftigen, sondern eben auch dem Geschäftsmodell von Sonnenschein, wenn es ruchbar wird.

Alte pflegen ist nichts für Feiglinge

Begeistert sind Ben und Lila nicht, als sie sich verpflichten, undercover als Pflegehelfer in den Autos vom Sonnenschein mitzufahren, Windeln zu wechseln, müffelnde Körper zu baden und das Personal auszuhorchen. Aber was tut man nicht alles, um die Miete der kommenden sechs Monate zu zahlen.

Drei Erzählflüsse führt Lucie Flebbe in Lila Zieglers viertem Fall zusammen. Und je länger, je mehr beschleunigen sie sich gegenseitig kurz bevor sie zusammenschießen. Ziemlich zäh erst stochern Ben und Lila im Pflegenebel, wissen nicht, ob sie es überhaupt mit einem Fall zu tun haben, ob sie nicht missbraucht werden von der Pflegechefin.

Parallel geschnitten werden Auszüge eines ebenfalls erst zäh anlaufenden, aber absehbar katastrophisch endenden Blogs einer Pflegekraft namens Bella, die sich wider besseren Wissens in eine gewaltsame Beziehung verstrickt, und Lilas nicht weniger gewaltsame Biografie, was damit seinen Ausgang nimmt, dass ihr gewaltiger Bruder Claudius vor der Tür steht und sie heimschleifen will zum teuflischen Vater.

Ohne Schminke erzählt und ohne Geheimnis

Ist 'ne ehrliche Haut, dieser Roman. Ohne Schminke und vielleicht ein bisschen zu bescheiden, literarisch zu ambitionslos erzählt Lucie Flebbe. Sie kann einen Plot bauen, sie hat sorgfältig recherchiert, sie weiß viel.

Dass weder Altwerden noch Altepflegen etwas für Feiglinge ist, wird einem wieder einmal sehr deutlich gemacht. Trotzdem erreicht schafft es Lucie Flebbe, dass ihr Themenroman moralinmäßig niemals Pflegestufe drei erreicht.

Sie macht sich nämlich insofern des Pflegemissbrauchs schuldig, als das ganze Altenthema gewissermaßen als Pflegecremeschicht über einem ganz anderen, noch größeren gesellschaftlichen Thema liegt.

Würde sie sich jetzt noch mehr trauen, mehr Bilder, mehr Atmosphäre, mehr Stadt, mehr Geheimnis auch, würde sie ihre stoppelhaarige Ermittlerin, die tatsächlich kein Opfer ist, sondern eine ernst zu nehmende Gegnerin für alle ist, die ihr übel wollen, würde sie die nicht alles auserzählen lassen, was sie weiß, würde das Lila und Ben und Lucie dahin bringen, wo auch der VfL wieder hin will. In die erste Liga.

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