04.01.13

Comeback

Lawrence Norfolk feiert die englische Küche

Mit "Lempriéres Wörterbuch" wurde er berühmt – einem Roman ohne Sex über ein vergessenes Nachschlagewerk. Diesmal setzt Lawrence Norfolk auf die Sinne. Nach elf Jahren Pause lädt er zum Essen.

Foto: picture alliance / akg-images

Ein Bacchantenfest, so wie es sich Arnold Böcklin 1856 vorstellte. Lawernce Norfolk verlegt seines ins englische Buckland
Ein Bacchantenfest, so wie es sich Arnold Böcklin 1856 vorstellte. Lawernce Norfolk verlegt seines ins englische Buckland

Im Teich schwimmt der Tand eines Königs, eine funkelnde Krone, ein Ring mit einem Rubin, eine Handvoll blinkender Münzen. Der Teich aber ist aus bernsteinfarbenem Gelee, ungenießbarer Reichtum wurde zu schmackhafter Süßspeise, die Krone zu einem Traum aus Gebäck und Schaum, überzogen mit gesponnenem Zucker und gekrönt von glasierten Kirschen, die Münzen sind aus zwiefach gebackenem Teig von goldenem Glanz.

"Eines Königs würdig", befindet der Haushofmeister. Wer aber ist der Koch, der den königlichen Gaumen mit ungeahnten Aromen verwöhnen darf, wer ist dieser John Sandall, auch Saturnall genannt? Und was hat es mit dem Festmahl auf sich, das der Brite Lawrence Norfolk mit seinem neuen Roman für uns Leser angerichtet hat?

Unglaublich! Englische Küche?

Elf Jahre sind seit Erscheinen des letzten Romans jenes Autors vergangen, der fulminanten Ruhm mit seinem Erstlingswerk "Lemprières Wörterbuch" erlangte, einem Buch ohne Sex, wie der Autor später spöttisch bemerkte, über den längst verstorbenen Verfasser eines klassischen Nachschlagewerkes. Das Buch stürmte die Bestsellerlisten, doch sagt man ihm nach, dass nur wenige es auch gelesen haben, da die eigentliche Geschichte in allzu viel Gelehrsamkeit ertrinke.

Für "Das Festmahl des John Saturnall" allerdings stimmen die Ingredienzien, sie kitzeln den Gaumen und beköstigen aufs Angenehmste die Sinne des Lesers mit einer Geschichte über eine unglückliche Liebe, über uralte Mythen und ein geheimnisvolles Buch, über die Gräuel des Krieges und Intrigen in Herrenhäusern, über die unfassbar vielfältigen Arbeiten in einer Großküche vor vierhundert Jahren und natürlich über das Kochen sowie über das, dem man gern nachsagt, dass es gar nicht existiere, nämlich die englische Küche.

Ein Garten namens Eden

Noch einmal: Wer ist dieser John Sandall, auch Saturnall genannt? In einem kleinen Dorf im englischen Buckland wächst er zu Beginn des siebzehnten Jahrhunderts auf. Seiner Mutter, einer Heilerin und Hebamme, sagt man hinter dem Rücken nach, eine Hexe zu sein. Als sich unter den Kinder des Dorfes dann eine tödliche Krankheit ausbreitet, gibt man ihr die Schuld, zündet ihr Haus an und jagt sie aus dem Dorf. Sie flieht in jenen Wald, von dem es heißt, einst hätte die Göttin Buccla dort den allerersten Garten angelegt, einen Garten des Überflusses, später auch Eden genannt, dennoch verhungert die Mutter.

Ehe sie stirbt, sorgt sie dafür, dass ihr Junge zum Herrensitz Buckland Manor gebracht wird, wo man den Dorfjungen in der Küche einstellt. John hat einen Dämon in der Kehle, der es ihm erlaubt, aus jedem Gericht die Zutaten herausriechen zu können, und dank dieser einzigartigen Begabung, gelingt es ihm rasch, in der Hierarchie der Küche aufzusteigen. Unterdessen soll die verwöhnte Tochter des Hauses, Lady Lucretia, mit dem wenige Jahre älteren Lord Piers vermählt werden, einem verarmten Adligen mit dem Gesicht einer Wasserpastinake.

Liebe geht durch den Magen

Von dieser Aussicht ist Lady Lucretia so wenig angetan, dass sie aus Protest zu hungern beschließt. Dem frisch zum Koch beförderten John Saturnall fällt es nun zu, diese herrschaftliche Rebellion mit Gerichten zu brechen, die derart appetitlich duften, dass die Dame des Hauses ihnen nicht widerstehen kann. Also geschieht, was geschehen muss, der Koch verfällt der Schönen, und auch Lady Lucretia hat keine Chance, da Liebe nun mal durch den Magen geht. Trotzdem wäre es wohl zur Eheschließung mit der Wasserpastinake gekommen, wäre nicht am Tag ihrer Hochzeit der Krieg ausgebrochen. Unter Oliver Cromwell begehrt das überwiegend puritanische Parlament gegen den mit einer Katholikin verheirateten König Karl I. auf.

In den Küchen erzählte man sich damals wundersame Geschichten von einem überwältigenden Festmahl, einem Festmahl aus dem Garten Eden, vielleicht auch von jenem, das uns im Paradies erwartet. Manch ein Koch war überzeugt, dass diese Geschichten auf eine wahre Begebenheit zurückgingen, auf ein römisches Fest zu Ehren des Gottes Saturn, jenen Saturnalien eben, bei denen alle Menschen, ob dienend oder herrschend, gleichgestellt zu Tische saßen.

Das harte Brot der Puritaner

Die Puritaner unter Cromwells Führung aber ziehen brandschatzend durchs Land und verbreiten erneut die Kunde, dass der Herr es dem Menschen auferlegte, sich mit Mühsal vom Acker zu nähren und sein Brot im Schweiße seines Angesichtes zu essen. Am Ende der Geschichte aber siegt natürlich die Liebe.

Der Lebenslauf von John Sandall, genannt Saturnall, führt den Leser heim in die heidnischen Gärten, verführt ihn, indem er Bilder und Gerüche etwa von "konfierten Rosenblättern und Quittenpaste" heraufbeschwört, von 'Pfirsichen in Schneecreme und Gewürzwein, vermengt mit Honig, Safran, Zimt und Muskatblüte', so dass, wer dieses Buch nicht mit wohlgefülltem Magen liest, die köstlichen Qualen eines Tantalus leidet, der, umgeben von herrschaftlichem Tand, hungernd im bernsteinfarbenen Teich kulinarischer Sinnesfreuden steht.

Könige erbauten Schlösser, heißt es an einer Stelle, Bischöfe errichteten Kathedralen. Köche hatte es schon vor ihnen gegeben. Aber worin bestand deren Denkmal? Nun, mit "Das Festmahl des John Saturnall" hat Lawrence Norfolk ihnen eines errichtet.

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