04.01.13

Russland

Die Melonen des Präsidenten Medwedjew

Dies ist keine Parodie: Eine Berliner Ausstellung zeigt Fotos des ehemaligen russischen Präsidenten Dmitri Medwedjew, auf denen er sich Dinge ansieht. Melonen zum Beispiel. Oder Weinflaschen.

Von Philipp Kohl
Foto: Yekaterina Shtukina
Melonen für Millionen: Der frühere russische Präsident Medwedjew bei einem Besuch auf einer Plantage
Melonen für Millionen: Der frühere russische Präsident Medwedjew bei einem Besuch auf einer Plantage

Von den Werksbesuchen des verstorbenen nordkoreanischen Diktators Kim Jong-il gibt es unzählige Fotos: Man sieht ihn, wie er durch seine Sonnenbrille auf Käselaibe blickt, auf Safttüten, Schuhsohlen, Fischkonserven, Gurkenkisten, Gummischläuche, Taschentücher, Dachziegel. Berühmt gemacht hat sie das Blog "Kim Jong-il Looking at Things", längst gibt es Pendants mit allen möglichen Politikern.

Ohne parodistische Absicht, aber mit ganz ähnlicher Ästhetik verfährt eine gerade in Berlin eröffnete Fotoausstellung im Russischen Haus über den ehemaligen russischen Präsidenten Dmitri Medwedjew. Ihr Titel suggeriert epische Breite: "1461 Tage des Präsidenten Dmitri Medwedew". Dabei war Medwedjews Zeit als Staatsoberhaupt zwischen 2008 bis 2012 im historischen Vergleich eher kurz.

247 Fotos sollen seine Präsidentschaft dokumentieren

247 Fotos sollen seine Präsidentschaft dokumentieren. Neben Aufnahmen mit Vertretern der internationalen Spitzenpolitik fallen vor allem die Dinge auf, die sich Medwedjew ansieht: Spaniens König Juan Carlos zeigt ihm Weinflaschen, ein Soldat seinen Gürtel, eine Lebensmittelverkäuferin ihr Sortiment.

Die Ausstellung lief im Sommer bereits in Moskau, wurde von Ministerpräsident Medwedjew persönlich abgenommen und eröffnet. Sie erregte kaum Aufsehen, in den wenigen Rezensionen wird ihr "demonstrativ-pseudopositiver" Gestus kritisiert, dafür aber eine Bilderchronik mit Fotos der Nachrichtenagentur RIA Nowosti gelobt, die auch die Wirtschaftskrise und Festnahmen Oppositioneller thematisiert. Dass die offiziöse Schau noch nicht einmal Russen interessiert, hat einen einfachen Grund: Sie ist nichtssagend im Vergleich zu der Fülle an Fotos, die Medwedjew selbst regelmäßig ins Internet stellen lässt.

Seine offizielle Facebook-Seite hat derzeit gut 850.000 Abonnenten, hier werden fast täglich neue Motive aus dem Alltag des Politikers veröffentlicht: beim Begutachten von Rohren, Computerpanels, Ölsaaten, am Bahnschalter oder im Lebensmittelladen. Den Treffen mit Prominenten gewinnt er meistens eine alltägliche Seite ab: Man sieht ihn mit Angela Merkel vor einer Fußballübertragung, am Kraftgerät mit Arnold Schwarzenegger, beim Tee mit seiner Lieblingsband Deep Purple oder mit Facebook-Chef Mark Zuckerberg, der ihm ein T-Shirt mit der Adresse seiner Seite überreicht.

Berühmt ist seine Seite auf Facebook

Die Bilder stammen nicht nur von akkreditierten Fotografen, sondern auch von Medwedjew selbst. 2010 präsentierte der damalige Präsident sogar eigene Arbeiten bei einer Moskauer Freiluftausstellung für Amateurfotografen. Seine Lieblingssujets sind Landschaften: verschneite Gipfel, imposante Wolkendecken, Jahreszeitenfotos.

Dabei ist nicht alles schön und friedlich im Portfolio des Ministerpräsidenten. Immer wieder mischen sich Industrieschornsteine und Plattenbauten unter die Eisblumen und Sonnenuntergänge. Groß ist das Produktionspathos: Der Dampf von Kühltürmen leuchtet in satten Kontrasten, die Bildüberschrift nennt die Kernkraft eine der "Prioritäten bei der Modernisierung". Mehrere Fotos zeigen Medwedjew beim Schießen mit einer neuen Pistole, laut Überschrift eine "perspektivreiche Entwicklung unserer Waffenhersteller".

Reklame für Wurst am Stängel

Es kommt selten vor, dass sich ein Medwedjew-Foto mit der virilen Ikonografie seines Amtsvorgängers und -nachfolgers Wladimir Putin überschneidet. Während sich jener immer wieder mit kraftmeiernden Oben-ohne-Motiven ablichten lässt, behält Medwedjew das Hemd an, meist auch das Sakko. Die Botschaft lautet: Arbeit für Russland, Kontrolle der Modernisierung, sparsamer Umgang mit Symbolen.

Dass es so viel "Dmitri Medwedjew Looking at Things" gibt, hat mit seinem Verzicht auf charismatische Inszenierung zu tun. Die Köpfe von Lenin und Stalin prangten auf Plakaten hoch über Feldern und Fabriken, Breschnew ließ sich höchstens privat mit seinen Trophäen nach der Wildschweinjagd fotografieren. Nur Nikita Chruschtschow entzauberte sich konsequent durch Alltagsdinge, wenn auch mit Hang zu derber Theatralik. Im Zuge einer Agrarkampagne ließ er sich mehrfach mit Maiskolben in der Hand abbilden, die er als "Wurst am Stängel" pries.

Zum Schluss ein Biss ins rote Fleisch

Eine Collage im Netz bringt die Beziehung der ungleichen Anticharismatiker zu ihren Lieblingsdingen auf den Punkt: Links reckt Chruschtschow grinsend einen Maiskolben in die Höhe, rechts hält Medwedjew – ebenfalls grinsend – sein iPhone hoch. Der russische Ministerpräsident schwärmt für Apple-Produkte, scheint aber auch Interesse an realexistierenden Früchten zu haben.

Ein Bild der Ausstellung zeigt ihn auf einer südrussischen Plantage, lächelnd, mit einem Stück Wassermelone in der Hand, den Daumen der anderen nach oben haltend. Im Internet findet sich ein weiteres Foto dieser Szene. Darauf beißt Medwedjew mit Wonne in die Melone. Es ist so kanonisch geworden, dass bereits eine Montage davon kursiert: Hier hat das rote Fruchtfleisch die Umrisse Russlands.

Bis 13. Januar im Russischen Haus Berlin

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