03.01.13

"Silver Linings"

Zu zweit ist man weniger verrückt

Man muss so lachen, dass man das Weinen fast vergisst: Im Oscar-Anwärter "Silver Linings" spielt Bradley Cooper einen Liebeskranken, der den normalen Menschen vorführt, wie unnormal sie sind.

Quelle: Senator
22.12.12 2:00 min.
Pat Solitano steckt nach dem Verlust seines Jobs und seiner Frau in einer tiefen Lebenskrise. Er trifft auf Tiffany, die selbst psychische Probleme hat. Beide treffen eine Vereinbarung.

Pat und Tiffany haben wenig zu lachen. Er ist manisch-depressiv, neigt zu Gewaltausbrüchen und hat gerade acht Monate in der geschlossenen Psychiatrie verbracht. Sie ist über den Tod ihres Mannes so verzweifelt, dass sie nur mit Psychopharmaka einigermaßen klar kommt. Doch Regisseur David O. Russell ist es gelungen, mit diesen Figuren eine romantische Komödie zu erzählen, die den Zuschauer so zum Lachen bringt, dass er das Weinen darüber fast vergisst.

Ein Anwärter auf den Oscar

In den USA ist "Silver Linings", eine Adaption des gleichnamigen Romans von Matthew Quick, mit Begeisterung aufgenommen worden. Er ist für vier Golden Globes nominiert (Bester Film, Bestes Drehbuch, Beste männliche und weibliche Hauptrolle) und einer der heißesten Anwärter auf den Oscar.

Die wenigen negativen Kritiken haben dem Film vorgeworfen, er verharmlose seelische Störungen. Doch als Komödie muss "Silver Linings Playbook" das tun. Wo ein Drama in die psychischen Abgründe seiner Figuren stürzt, darf eine Komödie nur am Rande des Abgrundes tänzeln. Und Russel beweist bei diesem Tanz einen hervorragenden Gleichgewichtssinn.

Pat Soltano, gespielt von Bradley Cooper, ist alles andere als ein klassischer romantischer Held. Seine Wahrnehmung von sich und seiner Umwelt unterscheidet sich eklatant von der aller anderen – inklusive der Zuschauer. Er ist auf einem manischen Hoch, hält sich für geheilt und glaubt mehr an die Kraft des positiven Denkens als an die Wirkung seiner Pillen. Diese Kraft setzt er ganz für eine Aussöhnung mit seiner Ehefrau Nikki ein. Dass Nikki eine einstweilige Verfügung gegen ihn erwirkt hat und unbekannt verzogen ist, ist nur ein kleines Hindernis für ihn. Es ist rührend tragisch und sehr komisch, Pat bei seiner Selbstverblendung zuzusehen.

Bradley Cooper in seiner besten Rolle

Bradley Cooper, bekannt aus "Hangover" liefert hier seine bisher beste Performance ab. Er spielt Pat voll überbordender Energie, die schnell in Gewalt umkippen kann, mal unberechenbar, mal hilfsbedürftig, aber immer sympathisch.

Seinen Gegenpart findet Pat in Tiffany (Jennifer Lawrence), die er bei einem Abendessen kennen lernt. Sie erkennt in ihm sofort eine verwandte Seele, er sieht in ihr erst mal nur eine störende Ablenkung von seinem Ziel, der Versöhnung mit seiner Ehefrau. Tiffany versteckt ihre Verlorenheit hinter schnippischen Sprüchen und Aufdringlichkeit. Hartnäckig verfolgt sie Pat, lauert ihm beim Joggen auf, bis sie ihn überredet hat, mit ihr an einem Tanzwettbewerb teilzunehmen. Sie verspricht im Gegenzug, Pats Frau einen Brief von ihm zuzuspielen.

Jennifer Lawrence überzeugt als aufsässige Witwe

Jennifer Lawrence, die eben noch als Teenager in "Die Tribute von Panem" um ihr Leben kämpfte, schafft mühelos den Sprung in die Rolle der verwitweten Frau, ihre Tiffany ist verletzlich, aufsässig und gnadenlos ehrlich. Diese Ehrlichkeit führt zu wunderbar offenherzigen Dialogen mit Pat, die an beste Screwball-Komödien heranreichen.

Die meisten romantischen Komödien steuern auf Versöhnung und Normalität als Ideal zu. Doch, und das ist das Besondere an diesem Film, "Silver Linings" erklärt die Verrücktheit kurzerhand zur Norm. Er nimmt die Figuren mit ihren Problemen ernst und lässt sie in ihren Widersprüchen zu.

Verrückt ist das neue Normal

Der Film ist bevölkert von dysfunktionalen Typen. Pats Vater (großartig schrullig: Robert De Niro), ein obsessiver Football-Fan, hat wegen seiner Gewaltausbrüche Stadionverbot und muss die Spiele zu Hause sehen, wo er zwanghaft seine Fernbedienungen sortiert. Das Verrückte ist normal und wie verrückt die vermeintliche Normalität ist, das zeigt sich in Pats Freund Ronnie (John Ortiz). Er lebt Pat vor, was dieser verloren hat und zurückhaben will: hübsche Frau, großes Haus, guter Job.

Doch Ronnie steht kurz vor dem Zusammenbruch. Einzig Pats Mutter Dolores (Jacki Weaver) scheint dem Irrsinn standzuhalten und es ist rührend, wie sie sich um die verrückten Männer im Haus kümmert. Dieser liebevolle Blick der Mutter und Ehefrau ist auch der Blick des Films auf seine Figuren. Wenn für Pat, Tiffany und die anderen schon keine Normalität möglich ist, dann wenigstens ein bisschen Glück.

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