03.01.13

"The Sessions"

Sex mit der Zunge innerhalb von sechs Sitzungen

Der gelähmte Autor Mark O'Brien buchte eine Frau, um ein einziges Mal Sex zu haben. Jetzt kommen seine Erinnerungen als "The Sessions" mit Helen Hunt ins Kino – als faszinierende Dreiecksgeschichte.

Quelle: Fox
22.12.12 1:39 min.
Der Schriftsteller Mark O'Brien ist bewegungsunfähig, seit er an Kinderlähmung erkrankte. Aber er kann Berührungen spüren. Also engagiert er eine Fachfrau für sechs Sitzungen.

Berührend, ergreifend und bewegend sei dieser Film – so wird er jedenfalls beworben. Das Bemerkenswerte daran ist, dass "The Sessions" von einem Mann handelt, der nicht greifen und nur noch seinen Kopf bewegen kann. Um jemanden haptisch zu berühren, bleibt ihm nicht viel mehr als seine Zunge. Das ist schon mal nicht schlecht, schließlich geht es hier eben nicht, wie der deutsche Untertitel "Wenn Worte berühren" ärgerlicherweise nahezulegen scheint, um ein eher allgemeines emotionales Berührtsein, sondern um ganz konkreten Sex.

Erzählt wird die wahre Geschichte aus dem Leben des 1999 im Alter von 49 Jahren verstorbenen amerikanischen Autors Mark O'Brien. An Kinderlähmung erkrankt, war er seit früher Jugend vom Hals ab gelähmt und musste die meiste Zeit in einer Eisernen Lunge liegen.

Die Sexual-Assistentin kann helfen

Mit 38 beschloss er, sich seinen Wunsch nach einer ersten sexuellen Erfahrung offensiv selbst zu erfüllen. Er buchte eine "Sexual-Spezialistin", auf Deutsch normalerweise Sexual-Assistentin, im Englischen Sexual Surrogate genannt – reichlich unzureichende Berufsbezeichnungen, die den Akt zwischen Kunde und Dienstleister zum bloßen Masturbationswerkzeug erklären. Wenn Worte fehlen und technische Beschreibung an die Stelle des Eigentlichen tritt, sind der Erniedrigung eben Tür und Tor geöffnet.

O'Brien jedenfalls beschrieb die mit seiner Sexual-Spezialistin verbrachten Stunden für ein Magazin, und eben diese Reportage liegt nun als Verfilmung vor. Mark, die Hauptrolle, ist kongenial mit John Hawkes besetzt. Der demnächst auch in Steven Spielbergs "Lincoln" auftretende Star aus Miranda Julys "Du und ich und alle die wir kennen" neigt von Haus aus eher zur Introversion, umso mehr transportiert er über Mimik und Stimme.

Kopfmensch und Heilige

Helen Hunt offenbart als Sexual-Spezialistin Cheryl derweil ganz neue Facetten – schließlich gehört es zu ihrem Job, innerhalb von sechs Sitzungen Sex mit ihren Klienten zu haben. Dass es keine Zugaben gibt, gehört zum Berufsethos. Alles weitere, betont Cheryl, wäre Prostitution – oder der Beginn einer Liebesbeziehung, spekuliert nicht nur der Zuschauer.

Die Kehrseite von Cheryls selbstbewusster Körperlichkeit besteht in ihrem merkwürdig heruntergedimmten Eheleben. Rod, Cheryls Mann, bleibt Andeutung. Der aus "Deadwood" bekannte William Earl Brown verleiht ihm eine subtile körperliche Gravität, die alle Leichtigkeit um ihn herum zu absorbieren scheint. Dabei wirkt er nicht mal unsympathisch. "Er ist eben ein Kopfmensch", seufzt Cheryl. Er nennt sie in Anerkennung ihres Berufes eine "Heilige".

Im ambivalent beleuchteten Bett liegen die beiden wie Fremdkörper nebeneinander. Dank Geoffrey Simpson, dem Kameramann von "Grüne Tomaten" und "Shine", lässt sich allein anhand der Beziehung von Rod und Cheryl nachvollziehen, mit welchen Gestaltungsmitteln im gutgemachten Film gearbeitet wird. Wenn Bilder berühren, hat das eben weniger mit 3D zu tun, sondern vielmehr mit der originären Kraft der Kunstform Kino.

Mitten in der Kirche wird übers Sexleben geplaudert

Für eine eher skurrile Perspektive sorgen zwischendurch Marks andere "Sessions", die Beichtgespräche mit Pater Brendan (William H. Macy). Weil im Beichtstuhl für eine Krankenliege zu wenig Platz ist, plaudern die beiden katholischen Männer mitten in der Kirche, gut hörbar für jedermann, über die Fortschritte von Marks Sexleben.

Sie tun es mit Witz und Empathie, womit ganz nebenbei der Beweis erbracht wäre, dass der Austausch über einen gemeinsamen Glauben erst dann zu einem wirklichen Gespräch wird, wenn sich beide Partner auch auf anderen Ebenen begegnen können, auf der des Humors beispielsweise. Sonst könnte man Pater Brendan ja auch schlicht als "Religions-Assistenten" oder gar "Glaubens-Surrogat" bezeichnen.

Das Nebeneinander von einem Mann, der Sex will, aber kaum haben kann, einem anderen, der Sex haben könnte, aber das Zölibat vorzieht, und einer verheirateten Frau, die ihre Lust am Sex nur in ihrem Beruf auslebt, stellt eine Konstruktion von hohem Unterhaltungswert dar.

Vom Kampf um Liebe und Autarkie

Trotzdem bleibt "The Sessions" in erster Linie ein Drama. Es erzählt vom Kampf eines Mannes um Liebe und Autarkie. Auch mit behinderten Protagonisten ist davon im Kino immer wieder erzählt worden, wenn auch nie zuvor mit einem so breiten Erfolg beim Publikum, wie es "Ziemlich beste Freunde" gelang, und auffällig selten nur mit einer weiblichen Hauptrolle (siehe Helena Bonham Carter in "Vom Fliegen und anderen Träumen").

Um auf der Suche nach Sex zum Ziel zu kommen, wurde dabei schon Etliches erprobt. Unvergessen, wie in Jean-Pierre Sinapis "Uneasy Rider", einem Publikumshit der Berlinale 2000, fast ein ganzes Behindertenheim einen Tagesausflug zu einer Prostituierten machte. In "Mein Bruder der Vampir", dem Regiedebüt von Sven Taddicken, übergab eine eigenwillige Teenagerin ihrem spastisch gelähmten Bruder ihre Jungfräulichkeit als Geschenk.

An diesen beiden Filmen gemessen, macht es "The Sessions" seinem Publikum relativ leicht. Er regelt ein intimes Dilemma über die Mechanismen der Marktwirtschaft, wonach überall dort, wo ein Bedarf vorhanden ist, auch jemand wartet, der eine Lösung feil bietet. Und Mark O'Brien ist eben ein Kunde, der immerhin autark denkt, seine Wünsche mit Charme formulieren und sie sich dann auch erfüllen kann.

Eine Provokation, die für Diskussionsstoff sorgt

Man könnte "The Sessions" zwar vorwerfen, dass er sich letztlich in einer fast märchenhaften Harmonie auflöst. Doch die Fragen, die er aufwirft, etwa wie ein anderes Ende hätte aussehen können, dürften für viel Diskussionsstoff nach dem Kinobesuch sorgen. Schließlich geht es hier auch und nicht zuletzt darum, welchen Stellenwert wir sexueller Erfüllung in unserem Leben einräumen.

Eine Frage, wie geschaffen für den 1946 in Polen geborenen, australischen Regisseur Ben Lewin, der vor 22 Jahren mit "Der Gefallen, die Uhr und ein sehr großer Fisch" schon einmal mit viel Lust und Witz dieses Themenfeld bearbeitete. "The Sessions", mit seinen zwei Golden-Globe-Nominierungen für John Hawkes und Helen Hunt, wird nun auch für Lewin endlich der verdiente Erfolg. Er mag berührend, ergreifend und bewegend sein. Sein provozierendes Potenzial bleibt am Ende seine größte Qualität.

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