02.01.13

Bestseller-Autorin

"Wollen Sie dauernd lesen, wie nett Sie sind?"

Charlotte Link ist Deutschlands erfolgreichste Schriftstellerin. Die ARD hat "Das andere Kind" verfilmt und zeigt den Film am 2. und 3. Januar. Ein Gespräch über Erfolg und die Psychologie der Frauen.

Foto: Katrin Binner

Charlotte Link in ihrem Haus in Wiesbaden. Ihren ersten Roman veröffentlichte sie mit 19 Jahren
Charlotte Link in ihrem Haus in Wiesbaden. Ihren ersten Roman veröffentlichte sie mit 19 Jahren

Mit über 20 Millionen verkauften Büchern ist Charlotte Link wohl Deutschlands erfolgreichste Schriftstellerin. Dabei haben es die Frauen in ihren Psychokrimis schwer, und ein richtiges Happy End gibt es nie. Das gilt auch für ihren neuesten Roman "Im Tal des Fuchses" (Blanvalet, 526 S., 22,99 Euro) und für "Das andere Kind", dessen Verfilmung am 2. und 3. Januar zur Primetime läuft (ARD, 20.15 Uhr).

Erst wenn man ziemlich weit zurückblättert, wird Charlotte Link witzig: 1987 wollte die Frauenzeitschrift "Für Sie" in einem Fragebogen von ihr wissen, was ihr an Frauen nicht gefalle. Ihre Antwort: "Die hausfrauliche Wichtigkeit, mit der sie am Wurststand zehn Sorten Wurst kaufen und für jede Sorte fünf Minuten Entscheidungszeit brauchen." Damals war Charlotte Link 23 Jahre alt und mit historischen Romanen "Deutschlands jüngste Bestsellerautorin" geworden.

Sie war noch zehn weitere Jahre "Deutschlands jüngste Bestsellerautorin", bis sie ihrem Verlag von einem Tag auf den anderen mitteilte, dass sie für Pressearbeit nicht mehr zur Verfügung stehe. Keine Interviews, keine Hausbesuche, nichts. Wegen der Sache mit dem Pferd und dem Abendkleid.

Berliner Morgenpost: Sie wirken in Ihren frühen Interviews viel lockerer, weniger ernsthaft. Hat der Erfolg Sie vorsichtig gemacht?

Charlotte Link: Im Umgang mit den Medien wird man im Laufe der Jahre einfach erfahrener und damit vorsichtiger.

Berliner Morgenpost: Erzählen Sie uns von dem Pferd.

Link: Ein Gesellschaftsmagazin wollte für ein Porträt ein glamouröses Bild von mir, in dem sich auch mein Engagement für den Tierschutz spiegeln sollte. Aber meine Pferde waren ihnen zu hässlich, das waren alte, verkorkste, vom Schlachthof gerettete Tiere. Also hatten sie einen unglaublich schönen schwarzen Hengst organisiert. Und mich steckten sie in ein 15.000 Mark teures Abendkleid. Und am Ende eines langen Tages fand ich mich in dieser Robe neben diesem Rappen wieder und dachte: Das ist furchtbar, das bin ich nicht.

Berliner Morgenpost: Warum haben Sie nicht einfach Nein zu dem Foto gesagt?

Link: Ich hatte schon den ganzen Tag über alle möglichen verkitschten Fotoideen abgelehnt. Die mit dem Abendkleid und einem Löwenbaby im Arm zum Beispiel. Ich kam mir irgendwann wie die ewige Spielverderberin vor. Aber Sie haben natürlich recht: Ich hätte von vornherein ablehnen müssen. Ich hatte mir die Zeitschrift vorher nicht angesehen, die wollten einfach etwas, was zum Blatt passt, aber das passte überhaupt nicht zu mir.

Berliner Morgenpost: Es gibt Schlimmeres, als als Tierschützerin mit einem schönen Kleid und einem schönen Pferd fotografiert zu werden …

Link: Sicher, aber das war wohl der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Damals habe ich mich so falsch, so völlig verdreht dargestellt gefühlt, dass ich dachte: Es funktioniert einfach nicht zwischen mir und den Medien, das hat gar nichts mit dieser einen Zeitschrift zu tun.

Berliner Morgenpost: Dabei steht in jedem Artikel über Sie, wie nett Sie seien.

Link: Wollen Sie dauernd lesen, wie nett Sie sind?

Berliner Morgenpost: Und dann gab es im selben Artikel noch die Geschichte mit dem Lieblingsbuch …

Link: Ich war als Kind eine fanatische Leserin. Wirklich, wenn man mich gelassen hätte, hätte ich nichts anderes getan, gar nichts. Also fragte mich die Journalistin, was mit zwölf, 13 Jahren mein Lieblingsbuch gewesen sei. "Ein Kampf um Rom", antwortete ich wahrheitsgemäß. Und dann stand da – und in der Folge überall, denn diese Dinge tauchen ja immer wieder auf -, das sei mein Lieblingsbuch. Ohne den Zusatz, dass es das mit zwölf gewesen war. Mit 35 Jahren ist das natürlich völlig lächerlich.

Berliner Morgenpost: Der große Wert, den Sie auf Genauigkeit legen, scheint sich auch in Ihren Romanen widerzuspiegeln: Es wird immer alles sehr ausführlich erklärt. Alles wird ausdiskutiert, und eine Figur ist auch nie einfach nur traurig, da hängen gleich die Regenwolken tief am grauen Himmel, und damit es auch jeder kapiert, sinniert die Person noch darüber, wie gut das Wetter zu ihrer trüben Stimmung passt.

Link: Diese Behauptung ist einfach falsch. Sie werden in meinen Romanen mindestens genauso oft die Situation finden, dass jemand traurig und das Wetter aber schön ist, oder das Wetter wird in dem Zusammenhang auch gar nicht erwähnt. Manchmal kriege ich von meiner Lektorin übrigens zu hören, dass ich dieses oder jenes noch etwas verdeutlichen sollte. Aber es stimmt, dass mir viel daran liegt, die Persönlichkeit meiner Figuren so genau wie möglich auszuloten.

Berliner Morgenpost: Sie werden immer wieder für den psychologischen Facettenreichtum ihrer Charaktere gelobt. Auch in Ihrem neuesten Roman "Das Tal des Fuchses" gibt es keine eindeutig guten und schon gar keine eindeutig bösen Helden. Es geht um eine Frau, die vor drei Jahren entführt wurde und nie wieder auftauchte. Im Mittelpunkt steht die neue Freundin des Ehemannes dieser Frau – und der Kidnapper. Und nebenbei geht es um die Vereinbarkeit von Familie und Karriere, um das Helfersyndrom, die Ansprüche an den modernen Ehemann, um das ehemalige Partygirl mit Kinderwunsch, um Machogebaren im Berufsalltag – es gibt wohl kaum eine Leserin, die sich nicht wiederfinden dürfte.

Link: Die Probleme der Frauen in meinen Büchern sind auch meine Probleme. Natürlich nicht jedes einzelne Ereignis, aber der Kern einer Geschichte – das ist durchaus die eigene Erfahrung. Ich schreibe über die im tiefsten Inneren unsicheren, die verletzten Frauen. Die höchstens scheinbar taffen.

Berliner Morgenpost: Es gibt in Ihren Romanen auch kein Happy End, es wird höchstens die Möglichkeit eines solchen angedeutet …

Link: Wenn ich mir die Welt so ansehe, habe ich keinen Grund, an ein ,Und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende' zu glauben.

Berliner Morgenpost: Wer also meint, Charlotte Link, unglaublich erfolgreiche Schriftstellerin, glücklich verheiratet, Mutter einer zwölfjährigen Adoptivtochter und Besitzerin dreier Hunde, hat ein perfektes Leben, irrt sich?

Link: Wer hat schon ein perfektes Leben? Nehmen Sie nur die Hunde: Ich selbst hole ja immer die alten, kranken Tiere aus dem Heim, die sonst keiner mehr nimmt und die nicht mehr lange zu leben haben. Das heißt, mein Leben als Haustierbesitzerin ist ein einziges Abschiednehmen. Und für die drei Hunde, die ich aufnehme – mehr macht mein Mann nicht mit - habe ich 100 andere ablehnen müssen. Allein, was ich im Tierschutz erlebe, ist so grauenhaft, dass ich es mir nie für Bücher ausdenken könnte. Das belastet mein Leben durchaus.

Berliner Morgenpost: Sie wurden als Kind Vegetarierin und engagieren sich intensiv im Tierschutz. Vor allem die Kastration und die Unterbringung von Europas Straßenhunden in Tierheimen liegen Ihnen am Herzen, und die Vermittlung von Tieren aus dem Heim. In Ihren Romanen spielt dieses große Engagement aber keine Rolle.

Link: Ich mag selbst auch keine zu missionarischen Bücher. Ich las zum Beispiel wirklich gerne Henning Mankells Krimis, aber irgendwann wurde mir sein Afrika-Anliegen, so richtig es ist, einfach zu intensiv. Es macht keinen Sinn, die Leser mit der eigenen Überzeugung zu nerven und irgendwann zu vertreiben.

Berliner Morgenpost: Seit Ihrem ersten Roman 1985 erscheint alle zwei Jahre, manchmal jährlich, ein neues Buch von Ihnen. Sie scheinen sich von der Leseratte zu einer "Schreibratte" entwickelt zu haben.

Link: Das würden meine Freunde vermutlich ähnlich sehen. Die verstehen das gar nicht, wenn ich manchmal Verabredungen mit der Begründung absage "im Herbst erscheint mein neues Buch". Aber ich plane sehr genau. Ich berechne, wie viel Zeit bis zum Abgabetermin ist, kalkuliere Ausfälle ein, und weiß genau, wann ich mit einem neuen Roman anfangen muss. Mein Pensum sind zwei Seiten täglich, von 8 Uhr, wenn meine Tochter aus dem Haus geht, bis 16 Uhr, wenn sie aus der Schule kommt.

Berliner Morgenpost: Im Februar 2012 starb Ihre Schwester, zu der Sie ein sehr enges Verhältnis hatten, an Krebs.

Link: Meine Schwester war meine engste Vertraute, meine beste Freundin. Ein Teil von mir. Ihr Tod ist die große Katastrophe in meinem Leben. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.

Berliner Morgenpost: Sie haben Ihren ersten Roman mit 19 veröffentlicht: "Cromwells Traum oder Die schöne Helena". Im Grunde waren Sie Deutschlands erstes Fräuleinwunder …

Link: Jugend war das, womit ich mich gegen die anderen abheben konnte. Deshalb hatte ich so ein großes Medienecho, ohne dass das Buch – ein historischer Roman – eine völlig ungewöhnliche Thematik hatte. Das Besondere war eine 19-Jährige, die einen Roman über England im 17. Jahrhundert geschrieben hat. Und keinen Tagebuchroman à la ,Meine schwere Jugend'". Ich habe als Leserin angefangen zu schreiben – und damals las ich am liebsten historische Romane.

Berliner Morgenpost: Schwer wurde die Jugend eigentlich erst mit dem Erfolg. Der komplizierte Ihr Leben so sehr, dass Ihr Verlag Ihnen nach dem fünften Buch zu einem Agenten riet. Auch damit dürften Sie wohl eine Vorreiterrolle gespielt haben – ganz zu schweigen von der Tatsache, dass Verlage sich den Berufsstand eigentlich lieber vom Leibe halten.

Link: Das war auch so ein Vorteil der Jugend: Meine Lektorin wollte ihr Schriftstellerküken beschützen. "Die schöne Helena" hatte sich auf Anhieb 25.000 Mal verkauft – Erstlingswerke hatten damals eher eine Auflage von 2000 Stück. Ich verdiente plötzlich Geld und bekam langfristige vertragliche Angebote. Irgendwie fühlte ich mich überfordert. Meine damalige Lektorin hatte Angst, dass ich im Gefängnis lande, weil ich die Steuererklärungen immer vor mir herschob und empfahl mir einen Agenten, weil der sich für seine Autoren auch um die Steuer kümmere.

Berliner Morgenpost: Und dann gab es da noch diesen Stalker, gegen den Sie aber Ihr Onkel beschützte.

Link: Der Mann hatte "Sturmzeit" gelesen …

Berliner Morgenpost: … den ersten Band einer historischen Trilogie über eine ostpreußische Familie, erschienen 1989 und zehn Jahre später vom ZDF höchst quotenträchtig verfilmt.

Link: Er identifizierte sich mit einem der männlichen Helden, setzte mich mit der Hauptfigur Felicia gleich und war davon überzeugt, wir seien füreinander bestimmt. Damals war meine Adresse noch nicht geheim, und er bombardierte mich mit Briefen, auf die ich irgendwann nicht mehr reagierte. Ich bin dann umgezogen- zufällig, nicht wegen ihm – und habe meine Adresse endlich sperren lassen. Aber er hatte sich bei meinem alten Postamt meine Nachsendeadresse erschlichen. Eines Nachts dann rief mich eine Freundin aus meiner Wohnung an, weil sie während meiner Abwesenheit auf meine Hündin aufpasste und meinte:"Da randaliert ein Mann vor der Tür und glaubt mir nicht, dass du nicht da bist." Da habe ich den Bruder meiner Mutter, der Anwalt war, um Rat gefragt. Fortan haben die zwei sich die Briefe geschrieben. Bis es plötzlich aufhörte: Der Mann hatte sich erhängt.

Berliner Morgenpost: 1993 erschien Ihr erster Psychokrimi "Schattenspiel". Was war der Grund für Ihren Wechsel vom historischen Genre?

Link: Es war wohl einfach das Bedürfnis, noch etwas anderes auszuprobieren. Meine Lust am historischen Roman hatte ich abgearbeitet, und gleichzeitig entdeckte ich eine spezielle Tücke des Erfolgs: Dass man nämlich, wenn etwas gut läuft, leicht auf Lebzeiten darauf festgelegt wird, in meinem Fall eben auf historische Themen. Ich wollte aber nicht plötzlich feststellen müssen, dass ich mit 60 noch dasselbe mache wie mit 16.

Berliner Morgenpost: 1996 dann, kurz bevor Ihr neuer Roman "Das Haus der Schwestern" erscheinen sollte, kündigten Sie ihrem entsetzten Verlag nach der Sache mit dem Pferd an, künftig auf Pressearbeit verzichten zu wollen.

Link: Es gab für mich damals nur noch zwei Möglichkeiten: entweder das funktioniert, oder ich suche mir eben einen anderen Job.

Berliner Morgenpost: Es funktionierte.

Link: Ja, "Das Haus der Schwestern" war mein persönlicher Durchbruch: das erste Buch unter den Top zehn der "Spiegel"-Bestsellerliste – ausschließlich durch Mund-zu-Mund-Propaganda der Buchhändler und Leser.

Berliner Morgenpost: Was ist das Geheimnis Ihres Erfolgs?

Link: Ich kann da wirklich nur vermuten. Es gibt vor allem zwei Aussagen, die ich von Lesern immer wieder höre. Die eine lautet: "Ich konnte zwei Tage lang einfach nicht aufhören zu lesen, bis ich mit dem Buch fertig war." Offensichtlich fesseln also Themen und Erzählweise. Die andere Aussage ist die, dass sich Leser sehr genau mit den Protagonisten identifizieren können und vieles von sich selbst in ihnen wiederfinden. Auch darin könnte also ein Grund für den Erfolg liegen.

Berliner Morgenpost: 2009 fand sogar eine Tagung der Wolfenbütteler Akademie über Sie statt: "Bestseller – Das Beispiel Charlotte Link". Gab es da Antworten?

Link: Eigentlich nur die, dass Bestseller wirklich nicht planbar sind.

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