02.01.13

Kinderfernsehen

40 Jahre Sesamstraße - Wer nicht fragt, bleibt dumm

Wieso, weshalb, warum? Als die Serie aus den USA ins deutsche Fernsehen kam, schlugen Pädagogen Alarm.

Von Peter Zander
Foto: dapd

Frosch Kermit ist Moderator und Reporter. Er erklärt den Kindern Formen und Farben
Frosch Kermit ist Moderator und Reporter. Er erklärt den Kindern Formen und Farben

Sie hat uns das Zählen beigebracht. Und das Alphabet. Sie hat uns vordergründig geometrische Formen und hintergründig soziales Miteinander beigebracht. Vor allem aber hat sie uns viele Freunde geschenkt. Puppenfreunde. Wer Ende der 60er-Jahre geboren wurde, der ist mit der "Sesamstraße" aufgewachsen. Der wurde durch sie sozialisiert. Und der muss jetzt feststellen, wie alt er geworden ist. Denn die "Sesamstraße" in Deutschland wird jetzt 40.

Wer Ende der 60er-Jahre geboren wurde, der konnte freilich nicht ahnen, was für eine erbitterte Fehde, ja was für ein Kulturkampf der ersten Ausstrahlung in der ARD am 8. Januar 1973 um 9.30 Uhr vorausgegangen war. Die "Sesame Street" lief in den USA ab 1969, sie erfreute sich großer Beliebtheit, nicht nur bei den Drei- bis Siebenjährigen, für die sie gedacht war. Sondern auch bei den Müttern und Kindergärtnerinnen, die gerne mitguckten. Es gab sogar eine repräsentative Erhebung, die ergab, dass unterprivilegierte Kinder, die regelmäßig "Sesame Street" guckten, größere Lernerfolge zeigten als Kinder aus besseren Verhältnissen, die nur ab und zu fernsahen. Das deutsche Kinderfernsehen steckte damals noch in den Kinderschuhen. Warum also nicht ein Erfolgsprogramm übernehmen?

Weil das Ganze zu amerikanisch war und zu weit weg vom eigenen Erleben. Das zumindest führten zahlreiche Bescheidwisser an, die natürlich selber amerikanische Serien guckten, aber am besten wussten, was gut für ihr Kind war. Weil "Sesame Street" aber das Erfolgsformat im amerikanischen Fernsehen war, geschah etwas in der deutschen Fernsehgeschichte wohl Einmaliges: Im April 1971 strahlten ein paar dritte Programme ein paar Folgen aus. Und riefen das Publikum auf, sich zu melden, wie sie das fanden. Wann hat es das je gegeben, dass der Fernsehzuschauer selber das Recht bekam, über sein Programm zu entscheiden?

Das Feedback war überwältigend. Und so nahm der NDR seine Tätigkeit auf. Aus den amerikanischen Einstündern wurden Halbstünder gemacht. 70 Prozent der Sendungen wurden übernommen und synchronisiert, 30 Prozent aber eigenproduziert. Damit die Kinder sich auch im eigenen Umfeld wiedererkannten. An besagtem 8. Januar 1973 wurde dann die allererste "Sesamstraße" im Ersten ausgestrahlt. Fast hätten wir geschrieben: bundesweit. Aber dem war nicht so. Die Nordkette sendete, aber außer dem Hessischen Rundfunk boykottierte die gesamte Südkette die Ausstrahlung. Die Sendung spaltete nicht nur Alt und Jung, sondern auch Nord und Süd.

Der, die, das!

Bayern verweigerte sich am längsten. Ein bajuwarischer TV-Pädagoge geißelte die drolligen Puppenmonster als "Schreckgestalten". Dabei waren sie doch gerade geschaffen, um Toleranz für Andersartige zu lehren. Da verstanden die Kinder die Botschaft offensichtlich besser als die, die darüber urteilten. Der BR-Fernsehdirektor Helmut Oeller wehrte sich gar gegen die "kulturelle Überfremdung". Und Harald Hohenacker, Leiter einer Projektgruppe mit dem bürokratisch korrekten Namen Erziehungswissenschaft und musische Programme beim BR, ereiferte sich über die dann viel zitierte "Slumkunde aus dem Kübel".

Ja, die Sesamstraße spielte nicht auf blitzblanken Spielplätzen. Sondern in einem amerikanischen Stadtviertel, in Hinterhöfen und auf Treppenaufgängen. Hier gab es einen Kramladen von Mr. Hooper, der im Deutschen Herr Huber hieß, hier spielten die Erwachsenen Gordon und Susan mit Kindern, schwarz wie weiß. Von Multikulti sprach damals noch keiner, aber hier wurde das schon vorgelebt. Was war so schlimm daran?

Der Erfolg der "Sesamstraße" basierte im Wesentlichen auf drei Dingen. Eine wichtige Rolle spielten von Anfang an Musik und Lieder. "Der, die, das! Wer, wie, was? Wieso, weshalb, warum? Wer nicht fragt, bleibt dumm": Die Titelmelodie kann jeder mitsingen, der sonst bei der Nationalhymne oder Weihnachtsliedern passen muss. Die große Erkenntnis aber war, dass Kleinkinder, wenn sie denn vor der Glotze sitzen, gar nicht unbedingt Klassiker wie "Lassie" oder "Daktari" sehen wollten. Sie bevorzugten Werbespots. Die waren kurz, die konnte man besser aufnehmen. Und darauf baute die "Sesamstraße" auf: kurze, knappe Filmchen, keines länger als drei Minuten. Die klassischen Werbe-Elemente aber wie Wiederholungen, Zitate, Assoziationen, Übertreibungen und Trickfilme wurden übernommen. Die Geburt der Pädagogik aus dem Geist der Reklame.

Wer, wie, was?

Und dann die Puppen. Wir kannten bislang nur Marionetten. Wie bei der Augsburger Puppenkiste, wo man vor lauter Fäden manchmal die Figuren nicht sah. Oder eben Kasperlefiguren. Die Kreationen von Jim Henson aber waren keine puppets, sondern Muppets: große Figuren, die nicht mit der Hand gespielt wurden, sondern in die man förmlich hineinkriechen musste. Diese Puppen brauchten keine Bühne mehr, die konnten im realen Raum mit echten Menschen auftreten. Und machten den Traum eines jeden Kindes wahr: dass die Puppen scheinbar zum wirklichen Leben erwachten. Sie waren einer von uns.

Jeder hatte da seinen Liebling. Oskar aus der Tonne, ein Bruder im Geiste von Diogenes aus dem Fass, nur dass er den Müll liebte und dies auch hinausbrüllte. Das Krümelmonster, das immer nur Kekse futtern wollte und dabei ein Schlachtfeld hinterließ, wie wir das dann auch, zu Mutters Verdruss, taten. Und natürlich Ernie, der Chaot, die Nervensäge, und niemals Bert, der immer so realistisch und altklug, kurz: erwachsen war. Dabei sind die zwei von jeher eine Einheit, das Yin und Yang der Pädagogik.

Wer Ende der 60er-Jahre geboren wurde, der wusste nicht, wie unsere Eltern darüber stritten, ob so ein Schmuddelding aus der Tonne der richtige Umgang ist und uns ein Krümelmonster die rechten Tischmanieren verleidet. Aber einen positiven Effekt hatte diese kulturpolitische Debatte schon: Das Thema Vorschulfernsehen, bis dahin nur in Fachgremien diskutiert, drang plötzlich in die breite Öffentlichkeit. Und plötzlich wurde dies brachliegende Feld vielfach beackert. So entstanden – Sesam, öffne dich! – auch heimische Produkte wie "Rappelkiste" oder "Das feuerrote Spielmobil". Und die Politik sollte schon bald lernen, wie wichtig das Kinderfernsehen war. Als einmal wegen der Übertragung einer Bundestagsdebatte eine Folge "Sesamstraße" ausgesetzt wurde, hagelte es Proteste. Ob dies auch andersrum passiert wäre, darf man zu Recht bezweifeln.

Susan, Gordon und Herr Huber sollten schon bald von den deutschen Bildschirmen verschwinden. Auch der amerikanische Hinterhof. Ab 2. Januar 1978 hatte die Sesamstraße eine eigene deutsche Kulisse, extra für den hiesigen Markt produziert. Die wurde von Lilo Pulver und Henning Venske bewohnt, von dem dicken Samson und der tuffigen Tiffy, die eine Geschmacksdiskussion auslöste wie kein anderer Muppet. So kann die deutsche "Sesamstraße" gleich zwei Jubiläen feiern, das 35. am heutigen 2. Januar und das 40. am 8. Januar.

Wer Ende der 60er-Jahre geboren wurde, der hat diese "neue", hauseigene Sesamstraße schon nicht mehr mitgemacht. Der war einfach zu alt und guckte lieber die erwachsenere "Muppet-Show". Doch die jüngeren Geschwister sprachen nur noch von Samson und Tiffy. Längst sind wir selber Eltern. Längst gucken unsere eigenen Kinder "Sesamstraße". Und immer mal wieder gucken auch wir noch mal rein, wie bei guten alten Bekannten. Es gibt inzwischen zahllose Konkurrenz, auf dem Bildschirm wimmelt es von Teletubbies, Bernd das Brot und vielen anderen. Die "Sesamstraße" ist jetzt die alte Tante des Kinderprogramms.

Aber während sonst jede Kindergeneration ihre eigenen Fernsehhelden hat, einen Ernie und Bert die ganze Familie. In Deutschland wurden bislang über 2770 Folgen gezeigt, weltweit wird die "Sesamstraße" in 140 Ländern ausgestrahlt. Sie eint selbst verfeindete Lager. Israelis wie Palästinenser liebten auf gleiche Art das israelische Stachelschwein Kipi und den palästinensischen Hahn Karim in der Nahost-Version. Und einmal hat sogar Kofi Annan höchstselbst die "Sesamstraße" besucht und einen Streit zwischen sechs Muppets, wer denn das Alphabetlied singen dürfe, UN-gerecht geschlichtet, indem er anregte, sie sollten alle zusammen singen.

Wieso, weshalb, warum?

Einmal noch hat die große Politik versucht, die "Sesamstraße" zu instrumentalisieren. Das war jüngst im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf. Da meinte der Kandidat der Republikaner, er wolle dem mit Steuergeldern unterstützten Sender PBS, in dem die "Sesame Street" läuft, den Geldhahn zudrehen. Prompt konterte Barack Obama mit einem Bibo-Spot und spielte sich als Retter der "Sesamstraße" auf. Die Macher der Sendung fanden beides nicht komisch. "Wir unterstützen keine Kandidaten", ließen sie selbstbewusst wissen. Und baten Obama darum, den Spot abzusetzen. Immerhin: GeorgeW. Bush gilt als der texanische, Jimmy Carter als der Baptisten-Präsident, Obama aber als der erste Präsident aus der "Sesamstraße". Einer, der mit dieser Sendung aufgewachsen ist und ihre Botschaft des sozialen Miteinanders lebt und verkörpert.

Jetzt, zum 40. in Deutschland, stehen zahlreiche Festakte an. Am 8. Januar gibt es eine Jubiläumssendung auf Kika, am 12. eine lange "Sesamstraßen-Nacht" im NDR. Ab März gibt es eine Präsentation im Haus der Geschichte in Bonn, ab Ostern einen Langfilm des "Sesamstraßen"-Spin-offs "Eine Möhre für Zwei". Und bereits seit Mitte Dezember läuft im Berliner Museum für Film und Fernsehen eine kleine Ausstellung, in der ein paar der legendären Puppen zu bestaunen sind. Da sitzen die Kids zwischen Ernie und Bert in einer Buchte und gucken alte Folgen an, in der Buchte nebenan gucken die Eltern und sind plötzlich selber wieder Kind. Und manchmal sitzt in einer dritten auch eine Oma. Und ist genauso glücklich.

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