31.12.12

Orakelexperte

"Die Zukunft ist das Tolle, das Gefährliche"

Sind Horoskope die Orakel unserer Zeit? Warum wollen wir, dass die Zukunft möglichst aussieht wie unsere Gegenwart? Ein Gespräch mit dem Kulturwissenschaftler und Buchautor Philipp Theisohn.

Von Marc Reichwein
Foto: dpa

In die Zukunft sehen lassen wir uns gehen. Aber mit dem Unvorhergesehenen umgehen können wir seit der Aufklärung nicht mehr, sagt der Orakelspezialist Philipp Theison
In die Zukunft sehen lassen wir uns gehen. Aber mit dem Unvorhergesehenen umgehen können wir seit der Aufklärung nicht mehr, sagt der Orakelspezialist Philipp Theisohn

Zwischen den Jahren werden wir von Vorhersagen, Ausblicken und Horoskopen fürs neue Jahr geradezu überhäuft. Philipp Theisohn hat eine Kulturgeschichte des Orakels geschrieben. Des literarischen Orakels: "Die kommende Dichtung" heißt das Buch (Wilhelm Fink, München). Theisohn untersucht darin durch die Jahrhunderte von Nostradamus bis Pynchon, was Hellseherei und Literatur verbindet. Seine Antwort: Vielleicht die Fähigkeit, Zukunft nicht einfach zu vermessen, sondern sie dunkel zum Sprechen zu bringen.

Die Welt: Sind Horoskope die Orakel unserer Zeit?

Philipp Theisohn: Da sind wir vielleicht schon beim Problem. Wären das die Orakel unserer Zeit, dann dürften sie die Zukunft nicht permanent wie eine Provinz der Gegenwart verwalten. Genau das tun wir aber meistens. Wir erheben Daten und sagen: Wenn dies oder das so weitergeht, dann … Egal wie die Szenarien jeweils aussehen: Zukunft ist für uns heute leider meist nicht mehr als eine Hochrechnung aus der Gegenwart.

Die Welt: Und warum ist das ein Problem?

Theisohn: Ich beschäftige mich sehr gern mit Futurologie. Nur hat sie sich als wissenschaftliche Königsdisziplin, wie wir sie in den Sechzigern hatten, längst erledigt. Die Frage ist, was machen wir jetzt? Die Wissenschaft hat ja nicht aufgehört, Zukunftsszenarien zu extrapolieren. Man muss sich wohl entscheiden: Hat es einen Sinn, mit solch einem Modell immer weiterzuarbeiten? Oder müssten wir nicht kreativer damit umgehen?

Die Welt: Kreativer inwiefern?

Theisohn: Die Frage bei allen futurologischen Geschichten ist ja: Wo ist unser Platz in diesen Geschichten? Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten, mit Zukunft umzugehen. Die eine ist, sie zu objektivieren. Dann haben wir es mit einer narkotisierten Zukunft zu tun, in der wir selbst nicht leben und handeln – mit einer völlig ahistorischen Vorstellung also. In diese Vorstellung kann man alle möglichen Daten hineinpacken, also etwa eine "Erwärmung um fünf Grad". Aber mit dieser Zukunft können wir nicht wirklich etwas anfangen, deswegen hat sie auch selten Handlungskonsequenzen. Die andere Möglichkeit ist die: Derjenige, der über Zukunft spricht, ist der, durch den die Zukunft spricht. Die Zukunft ist kein neutraler Raum, den wir mikroskopieren, um dann entsprechend Konstellationen zu beeinflussen. Tatsächlich liegen wir selbst immer mit unter dem Mikroskop – das ist eben das, was wir nicht realisieren. Von Stanisław Lem stammt der Satz: Eine Futurologie, die sich nicht selbst in dem Szenario verorten kann, das sie schildert, ist nichts wert.

Die Welt: Sie haben eine ganze Literaturgeschichte über die sogenannte mantische Dichtung geschrieben. Die Orakeltradition der Antike, wie wir sie seit Ödipus kennen, hatte sich im christlichen Mittelalter verloren, um zu Beginn der Neuzeit als Literatur wieder neu aufzuleben?

Theisohn: Solange ich die Heilsgeschichte habe, sind die wesentlichen Zukunftsfragen geklärt – und für meine private Zukunft habe ich die Fortuna. Sieht man einmal vom Bibelstechen ab, wurden die Orakel vom Christentum durch die Prophetie ersetzt, und die Prophetie ist von ihrer Inszenierung her immer ein klares Wissen. Das heißt, der Prophet war am Ende der Zeit, er kann mir in einem biblischen Panoramablick alles ausbreiten, was dort geschehen ist. Die Mantik hingegen ist ein dunkles Wissen, weil sie sagt: Ich kann dir zwar ein Bild aus deiner Zukunft liefern, aber wie es zu lesen ist, wie du dorthin kommst – das kann ich dir nicht sagen.

Die Welt: Orakel produzieren also Leerstellen, und sie haben was tendenziell Irrationales?

Theisohn: Ich würde nicht irrational sagen, weil das im Grunde schon abwertend ist, sondern: prärational. Weil das mantische Bewusstsein genau das ist, was vor der Ratio kommt. Wir bringen ein Gefühl, das wir in einem Raum haben, den wir nicht kennen, gern in Begriffe. Aber das ändert nichts daran, dass wir vorher auch etwas ahnen. Wir haben eine Ahnung. Wir sind nur nicht mehr gewohnt, dieses Gefühl sich in uns ausleben zu lassen.

Die Welt: Ihre Studie beleuchtet, wie raffiniert auch Klassiker mit Motiven der Weissagung und Ahnung arbeiten. In Kleists "Michael Kohlhaas" gibt es diese Prophezeiung einer Zigeunerin, die eigentlich zufällig in die Hände von Kohlhaas gerät, der wegen seiner Selbstjustiz im Konflikt mit der Staatsmacht steht. Und jetzt hat er diesen versiegelten Zettel, der etwas über die Zukunft des sächsischen Herrscherhauses enthalten soll.

Theisohn: Ein Zettel, dessen Inhalt wir nie sehen. Alle scharen sich um diesen Zettel, aber niemand erfährt, was da genau drinsteht. Wir wissen nur, es geht um den letzten Thronfolger aus dem Geschlecht des sächsischen Kurfürsten, das Jahr seines Untergangs und den, der ihm den Untergang bereitet. Alles unausgesprochen – aber an dieser mantischen Notiz geht der riesige Schreibapparat der kurfürstlichen Bürokratie zugrunde.

Die Welt: Kohlhaas isst diesen Zettel der Zigeunerin kurz vor seiner Enthauptung einfach auf.

Theisohn: Das ist ganz, ganz großartig inszeniert.

Die Welt: Den Autoren der Gegenwart stellen Sie kein gutes Zeugnis aus – und berufen sich dabei auf Rainald Goetz. Aber steht der nicht fast manisch für "das einfache Abschreiben der Welt" in ihrer Gegenwart und kritisiert das "Futurogeraune" unserer Zeit?

Theisohn: Aber im Sinne einer negativen Zukunftsästhetik: Wenn wir Zukunftsrede so betreiben, wie wir sie heute in der Regel betreiben, haben wir die Zukunft immer schon im Griff. Dann ist Zukunft weder spannend noch gefährlich, sondern ein Text der Gegenwart. Auch der Klimawandel ist für uns kein Zukunftsszenario, sondern ein Alltagsfragment geworden. Also im Grunde schon Pop. Wir arbeiten eigentlich nur mit Versatzstücken aus Prognostiken. Wenn Goetz sagt: "Futurogeraune" …

Die Welt:… dann kritisiert er diese Versatzstücke?

Theisohn: Genau. Das meiste von dem, was an Zukunftsrede aktuell kursiert, ist nichts anderes als ein Zeichen der Unfähigkeit, sinnvoll von Zukunft zu sprechen. Wir lieben die Zukunft eben möglichst so, wie unsere Gegenwart ist. Die Zukunft ist aber eigentlich das Unbekannte, das Tolle, das Gefährliche, das die Gegenwart mitsamt ihren Kategorien und Vorstellungen auch radikal transformieren oder zerstören kann. Das taucht so gar nicht mehr auf und das wäre meine Kritik an großen Teilen der Gegenwartsliteratur: dass sie die Freude daran vermissen lässt, Zukunft wirklich als etwas Wildes zu schildern, das mir eben nicht auf den ersten Blick einsichtig ist.

Die Welt: Muss Zukunft eine unerhörte Begebenheit sein?

Theisohn: Mit Nietzsche: Sie muss auf jeden Fall etwas sein, das uns übersteigen, zersprengen muss. Es gibt in der Literatur ein paar Gegenwartsautoren, bei denen ich sagen würde: die kapieren das.

Die Welt: Nämlich?

Theisohn: Na ja, Michel Houellebecq. Auch Krachts "Ich werde hier sein im Sonnenschein und Schatten" ist ein Text, der diese Zusammenhänge sehr schön reflektiert. Und der kommende Roman von Georg Klein ("Die Zukunft des Mars") scheint mir ebenfalls ein diesbezüglich vielversprechendes Werk zu werden.

Die Welt: Und was ist mit der eigentlichen Science-Fiction?

Mir liegt unglaublich viel an dem Genre. Gleichwohl muss man mit gutem Urteilsvermögen durch dieses Feld gehen, weil da einfach zu viel Ausschussware produziert wird. Für mich ist es ein Zeichen, dass Autoren wie Kracht, der ja auch diesen Metan-Roman gemacht hat, sich dieser Literatur zuwenden. Oder Dietmar Dath – er ist ja jemand, der das ganz exzeptionell kennt …

Die Welt: … und erst kürzlich wieder verlauten ließ: H.G. Wells wird immer einer meiner Helden sein.

Theisohn: "Time Machine" ist für die Moderne einer der wichtigsten Texte überhaupt. Man muss die ganze Science-Fiction wirklich stärker in die intellektuelle Diskussion über Literatur einbeziehen, zumal es da auch viele großartige unentdeckte deutschsprachige Texte gibt, die im Grunde dadurch, dass man sie als "Paraliteratur" stigmatisiert hat, alle unter den Tisch gefallen sind.

Die Welt: Nach jedem weltbewegenden Ereignis taucht in den Medien jemand auf, der es genau so vorausgesehen oder vorhergesagt hat. Warum fasziniert uns das so sehr?

Theisohn: Im Grunde geht es da um eine Vergewisserungsstrategie. Das Schlimmste, das wir uns vorstellen können, ist ein Ereignis, das mit unserer Logik, Kenntnis und Realität nicht vereinbar ist. Mit dem Unvorhergesehenen können wir nicht mehr umgehen, weil wir seit dem 19. Jahrhundert programmiert sind, unsere soziale Realität präventiv zu steuern. Zu sagen, "9/11" sei etwas, das nicht vorhergesehen werden konnte und deswegen immer wieder geschehen kann, ohne dass wir es vorhersehen können – das wäre im Grunde Kapitulation. Da fallen wir in einen Absolutismus der Wirklichkeit zurück. Das wollen wir so nicht.

Die Welt: Aber die gute Zukunftserzählung darf und muss genau das wollen? Welche würden Sie uns aktuell empfehlen?

Theisohn: "Points Chauds" von Laurent Genefort – eine Zukunft, in der wir mit Außerirdischen leben lernen, die unseren Planeten nur als Transitbahnhof benutzen.

Die Welt: Auf Deutsch?

Theisohn: Gibt es ihn noch nicht. Aber sicher nur eine Frage der Zeit.

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