31.12.12

"Das Himbeerreich"

Theatermacher Veiel über die Menschen hinter der Finanzkrise

Der Dokumentarfilmer und Theatermacher Andres Veiel schreibt und inszeniert mit "Das Himbeerreich" das spannendste Stück der Bühnensaison.

Von Stefan Kirschner
Foto: Amin Akhtar

Theaterautor und -regisseur Andres Veiel im gläsernen Fahrstuhl, der Teil des Bühnenbildes für seine Inszenierung des Doku-Dramas „Das Himbeerreich“ ist.
Theaterautor und -regisseur Andres Veiel im gläsernen Fahrstuhl, der Teil des Bühnenbildes für seine Inszenierung des Doku-Dramas "Das Himbeerreich" ist.

Andres Veiel pendelt momentan zwischen Baden-Württemberg und Berlin, denn sein neues Doku-Drama wird als Koprodution an zwei Bühnen gezeigt: Die Uraufführung kommt am 11. Januar am Staatstheater Stuttgart heraus, am 16. Januar hat die Produktion Premiere am Deutschen Theater Berlin. Geprobt wird an beiden Orten.

"Das Himbeerreich" – eine poetische Umschreibung für einen sorgenfreien Ort – basiert auf Interviews mit zwei Dutzend Top-Bankern, es geht um die Finanzkrise und die Menschen dahinter. Veil (53), der in Berlin lebt und als Dokumentarfilmer ("Black Box BRD") bekannt geworden ist, wurde 2005 für sein Dokumentartheater-Stück "Der Kick" über einen brutalen Mord an einem Jugendlichen in der Uckermark mit dem Friedrich-Luft-Preis der Berliner Morgenpost ausgezeichnet.

Berliner Morgenpost: Herr Veiel, Sie sind tief eingetaucht in die Welt der Banker und Broker. Was für Erfahrungen haben Sie gemacht?

Andres Veiel: Es waren überwiegend Interviewpartner, darunter auch frühere Vorstände, die nicht mehr aktiv am Berufsleben teilnehmen, sondern quasi an der Seitenlinie stehen und draufschauen. Die sind sehr dicht dran am Geschehen, haben über viele Jahre die Entwicklung des Investmentbankings begleitet und teilweise auch selbst initiiert – und haben zusammen mit der Politik den Geist aus der Flasche gelassen. Und sehen jetzt deutlich, wohin die Entwicklung geht. Einige beurteilen das sehr kritisch. Als ich nachgefragt habe, warum sagen sie das nicht öffentlich, kam so etwas wie "Die Bank ist gut zu mir." Alt-Vorstände haben lebenslang ein Anrecht auf einen Fahrer, Etagendiener, auf Büro und Sekretärin. Nicht nur diese Privilegien wären weg, wenn sie sich öffentlich kritisch zur Bank äußern würden, sondern auch die Optionen auf Altersversorgung. Und möglicherweise würde die Bank einen materiellen oder immateriellen Vermögensschaden geltend machen, also Schadenersatz einklagen.

Da kann es um ziemlich hohe Summen gehen...

....das kann dann auch die Kapazitäten eines Alt-Vorstandes deutlich übersteigen.

Deshalb mussten Sie den Befragten Anonymität zusichern.

Genau. Ich versuche, die Strukturen des Systems sichtbar machen, die sich hinter diesen Glasfassaden entwickelt haben. Es sind schließlich Menschen, die diese Entwicklung mit begleitet, die in ganz konkreten Situationen für etwas gestimmt haben, wider besseren Wissen, wider besserer Einsicht. Mir geht es darum, dieses System herunterzubrechen und zu sagen, es ist durchaus veränderbar. Es sind immer Menschen, die Entscheidungen treffen, auch die Computer werden von Menschen programmiert, Vorgaben werden gemacht. Es ist politisch gewünscht und diese Renditeforderungen werden nur erfüllt, wenn man hoch ins Risiko geht.

Wie ausgeprägt ist die Selbstkritik in der Branche?

Sehr unterschiedlich. Es gibt auch einige, die das mit großer Vehemenz verteidigen und deutlich machen, dass sie es ablehnen, als Investment-Banker "gebasht" zu werden. Und mit einem Argument haben Sie auch recht: das Investment-Banking braucht Partner in der Gesellschaft. Da laufen Geschäfte mit unsinnigen Summen und der Staat muss dann retten. Allein in Deutschland sind 100 Milliarden Euro durch den Kamin gerauscht, das ist ein Drittel des Bundeshaushaltes. Aber für die Geschäfte, die ein Investment-Banker macht, braucht er Partner. Also beispielsweise einen Stadtkämmerer der sagt, ich bin bereit, Straßenbahn oder Bäder an einen Investor zu verkaufen und dann für 99 Jahre zurück zu leasen. Oder einen Zahnarzt, der sich nicht mit zwei Prozent begnügen will und in Steuersparmodelle einsteigt. Das Investment-Banking ist eine Art Blase, die in einer fettigen Suppe schwimmt, die von uns allen gewürzt ist. Wenn der gesellschaftliche Nährboden nicht da wäre, würde das Investment-Banking in kürzester Zeit austrocknen.

Die Gier nach Geld als gesellschaftlicher Konsens.

Und deswegen ist es heuchlerisch, nur auf die einen zu zeigen. Gleichwohl habe ich bei meiner Recherche in Abgründe gesehen, die mich zornig machten.

Warum hat die Politik diese Form des Bankings gefördert?

Das ging schon unter Rot-Grün los. Man hatte Angst, dass Frankfurt als Bankenplatz abgehängt wird. Und diese Geschäfte laufen noch heute weiter: Die meisten Investment-Banken sind ja größer als vor der Krise. Die haben nicht nur aus den Fehlern nicht gelernt, sondern wissen dank des Gütesiegels "too big to fail, dass sie auf jeden Fall gerettet werden.

Sie glauben trotzdem, dass dieses System veränderbar ist?

Ja, aber es braucht einen ungeheuren politischen Willen, politische Stärke. Man sieht das gerade in Amerika, da gab es von Obama ein sehr klares Programm, das Investment-Banking vom Privatkundengeschäft zu trennen. Das bedeutet, dass die Investmentbanken im Zweifel auch pleite gehen können, weil dann Privat- oder Geschäftskundengelder nicht mitbetroffen wären. Die Idee war gut, aber dann haben die Lobbyisten intensiv gearbeitet. Die Wall-Street war ja ein Hauptsponsor von Obamas Wahlkampf. Im Gestrüpp der Ausführungsbestimmungen ist das Gesetz ausgehöhlt worden. Wahrscheinlich muss erst die nächste große Krise kommen, damit sich wirklich etwas ändert.

Viele Menschen kapitulieren vor diesem Themenbereich, weil er so komplex ist.

Das kann ich sehr gut verstehen. Eine Haltung, die ich bei mir auch so erlebt habe. Der Komplexitätsverdacht ist erst mal niederschmetternd: Das fängt bei den Produkten an, bei den Begrifflichkeiten, eine Sprache, die sich auch aktiv elitär gegen jede Verständlichkeit sperrt: stochastische Volatilität, das ist schon ein Zungenbrecher.

Was verbirgt sich dahinter?

Stochastik ist eine eigene Wissenschaft, sie beschäftigt sich experimentell mit der Rolle des Zufalls. Kann man den Zufall mathematisch im Sinne einer Wahrscheinlichkeitsrechnung beschreibbar machen? Volatilität ist ein Maß für die Schwankungen, etwa von Aktienkursen und Zinsen. Stochastische Volatilität will den Zufall bei diesen Schwankungen erfassen und berechenbar machen. Märkte reagieren irrational, der Faktor Mensch mit seinen Ängsten ist damit die eigentliche Herausforderung. Wenn man weiß, wann Menschen panisch reagieren, kann man rechtzeitig dagegen wetten. Ich habe in der Arbeit versucht, eine Übersetzung für solche mathematischen Modelle zu finden, ohne zu vereinfachen. Ich wollte begreifen, was die Menschen antreibt, sich in dieser Welt zu bewegen – das ist mehr als Gier. Diese Leute haben ja schon eine Yacht und ein Haus in San Tropez, eine weitere steigert das Glücksgefühl nicht wirklich.

Und was treibt die dann an?

Ich glaube, es geht um Anerkennung. Wenn der Kollege in New York 12 Mio. bekommt, und ich nur neun Mio., obwohl unsere Bilanzsumme größer ist, bin ich dann schlechter? Das bedeutet doch, dass meine Arbeit vom Aufsichtsrat weniger wertgeschätzt wird. Also will ich mehr, drohe mit Weggang. So schraubt sich das immer mehr in die Höhe jenseits von jeglicher Vernunft. De facto ist es ja so, dass sich der Kapitalismus selbst abschafft. Eine kleine Kaste von 2000 Leuten bedient sich gnadenlos und vorbei an den Aktionären. Und Leute, die früher bei Goldman Sachs waren, spielen jetzt in der EZB oder anderen Einrichtungen eine Schlüsselrolle. Jenseits von irgendeiner demokratischen Kontrolle.

Ist das Theater der richtige Ort für so einen Stoff?

Ich kann mir keinen besseren vorstellen. Als Dokumentarfilm wäre es nicht denkbar, wegen der Anonymisierung, nur verstellte Stimmen und Leute von hinten, das geht nicht. Das Stück ist ein Diagnoseinstrument, die goldenen Lösungsvorschläge habe ich nicht.

Wie sind Sie denn auf den Titel "Das Himbeerreich" gekommen?

Das hat für mich eine ganz eigene Poesie. Als Gudrun Ensslin nach einem Brandanschlag auf ein Kaufhaus im Gefängnis saß, bat sie ihren damaligen Verlobten Bernward Vesper um die "Früchte des Himbeerreiches": das war beispielsweise eine exklusive Lederjacke und eine ganz spezielle Salami, wohl alles aus dem KaDeWe. Ich fand das interessant: Jetzt hat sich gewissermaßen das System selbst angezündet, gleichzeitig ist der Wunsch da, im Sinne der Versorgung die Früchte des Himbeerreiches weiter zu ernten.

In Ihrem Stück wird häufiger von der "Organisation" geredet, das erinnert an die Mafia

Ein Begriff, den einige Mitarbeiter der Bank benutzen. Es geschehen in Geldinstituten ja auch Dinge jenseits des rechtsstaatlichen Rahmens, denken Sie nur an die Durchsuchungen wegen des Handels mit CO2-Zertifikaten. In meinen Interviews haben Mitarbeiter auch von Abhörmaßnahmen berichtet. Insofern war ich nicht überrascht, dass einige nicht mehr von einer Bank, sondern ganz bewusst von einer Organisation sprechen.

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Infizierte Pfleger Bentley darf leben - Hund hat kein Ebola
Sonnenfinsternis "Man muss das sehen, um es zu glauben!"
Terror in Kanada Überwachungskameras zeigen Angriff auf Parlament
Gasexplosion Explosion verwüstet ganze Straße in Ludwigshafen
Top Bildershows mehr
Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Trend

Die schönsten Fotobomben der Stars

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote