30.12.12

Konzert

Bei den Toten Hosen weiß man, was man bekommt

Die Punk-Rocker aus Düsseldorf in Berlin: Erst als Bengalos im Zuschauerraum angezündet werden, hören sie auf zu spielen.

Von Birgit Fuß
Foto: dpa

Campino, der Sänger der Toten Hosen, beim ersten von zwei Berliner Auftritten am Sonnabend in der Max-Schmeling-Halle
Campino, der Sänger der Toten Hosen, beim ersten von zwei Berliner Auftritten am Sonnabend in der Max-Schmeling-Halle

An Silvester sollen alle mit Brummschädel im Bett liegen, zu keiner Feier mehr imstande: So haben sich die Toten Hosen das wohl ausgemalt. Gleich an zwei Abenden spielen sie in der ausverkauften Max-Schmeling-Halle – und schon am ersten fordern sie ihrem Publikum alle Energie ab, die es nach den Feiertagen noch übrig hat. Sich selbst schonen die Düsseldorfer allerdings auch nicht.

Mit dem Titelsong ihres aktuellen Albums, "Ballast der Republik", geht es los, und von der ersten Minute stehen alle Zuhörer. Wenn die Toten Hosen auftreten, weiß man, was man bekommt. Es geht nicht um Überraschungen oder Effekte, um Variationen oder Erneuerung, sondern um Bestätigung: Wir sind alle noch da, wir können noch feiern, so schlimm kann das Leben also nicht sein. Krise? Welche Krise?

Die häufig gestellten Fragen, "wann man zu alt ist für sowas" oder "ob das noch Punkrock ist", werden während des mehr als zweistündigen Konzerts am Sonnabend in der dicken Hallenluft erstickt. Es gibt Dinge, die erlebt man nur bei den Hosen: dass zu Hannes Waders "Heute hier, morgen dort" Pogo getanzt wird, zum Beispiel. Sie holen sich sogar die härteste Konkurrenz auf die Bühne: "Schrei nach Liebe" spielen sie gemeinsam mit Ärzte-Bassist Rod González.

Bei "Bonnie & Clyde" zündet einer mitten in der Arena ein bengalisches Feuer an. Wenn es zu wild wird, macht Campino eine Handbewegung, und die anderen hören sofort auf zu spielen. Dann wird erst mal die Lage sondiert: Sind alle auf den Beinen? Keiner verletzt? Dann weiter im Text. Bei "Hier kommt Alex" passiert das gleich zweimal.

Auch sonst hat Campino alles im Griff. Für die Ballade "Alles wird vorübergehen" wagt er sich mit Bassist Andi sogar mitten ins Publikum. Das muss vorher allerdings erst mal auf dem Hallenboden Platz nehmen. "Hinsetzen!" brüllt er im Befehlston, als einige nicht gleich mitziehen. Und natürlich hören alle auf sein Kommando, als der Refrain von "Steh auf, wenn du am Boden bist" beginnt.

"Whoa-whoa"-Chöre funktionieren jedes Mal, Fußballkommentare gehen immer. Und einige Kracher dürfen niemals fehlen: "Wünsch dir was", die "Freunde"-Hymne, ihr vielleicht bester Song "Pushed Again" und zum Abschied "Schönen Gruß, auf Wiedersehen" – bevor sie schließlich zu einer weiteren Zugabe zurückkommen.

Es hat einen guten Grund, dass die Band so in Feierlaune ist: 2012 war kein gewöhnliches Jahr für die Toten Hosen. Ihr 30. Jubiläum hatten sie sich selbst in ihren kühnsten Träumen nicht so vorgestellt. Ein Nummer-eins-Album: Okay, das kennen sie. Eine ausverkaufte Tournee: Na ja, das war zuletzt meistens so. Aber dass sie im fortgeschrittenen Alter noch einmal einen Hit schreiben würden: Das war dann doch nicht zu erwarten.

Man kann alles Mögliche gegen "Tage wie diese" einwenden: das Schlagerhafte, die Klischees, die Silbermondisierung. Aber wehren kann man sich nicht gegen einen solchen Ohrwurm, der den Hosen noch einmal viele neue, jüngere Zuhörer beschert hat.

Vielleicht ist dieses Lied auch die Rache Campinos am Grafen: Wenn Unheilig dank einer Hosen-artigen Hymne wie "Geboren um zu leben" berühmt werden, können die auch mit einem generationenübergreifenden Gassenhauer zurückschlagen – das Thema Vergänglichkeit ist schließlich ihr ureigenes Metier. Eigentlich geht es in jedem zweiten Song darum, wie schnell alles vorbei ist, was am Ende übrig bleibt, ob und wie es weitergehen könnte.

Auch im 30. Karrierejahr wird das drohende Ende immer mitgedacht. Allerdings sieht Campino in der Max-Schmeling-Halle lauter "lachende Fressen" – und solange das so bleibt, wird den Toten Hosen die Kraft nicht ausgehen. Sie seien jetzt wohl am Ende der zweiten Halbzeit angelangt, behauptete der Sänger in diesem Jahr. Aber als alter Fußballfan weiß er ja, dass Verlängerungen möglich sind.

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