29.12.12

Kulturgeschichte

In Deutschland werden 14.800 Tonnen Busen herumgetragen

Sexkolumnistin Paula Lambert widmet sich in ihren neuen Buch ganz dem Busen - von Napoleon über Sophia Loren bis Angela Merkel.

Von Cosima Lutz
Foto: dpa

Ihr Busen erregte die Welt: Hollywood-Legende Marilyn Monro auf einem Foto, das ihre Makeup-Stylistin gemacht hatte und das im April versteigert wurde
Ihr Busen erregte die Welt: Hollywood-Legende Marilyn Monro auf einem Foto, das ihre Makeup-Stylistin gemacht hatte und das im April versteigert wurde

Zur dekolletéreichen Zeit, wenn das alte Jahresrund sich senkt und das neue sich verheißungsvoll am Horizont wölbt, weiß man ja oft gar nicht, wo man überhaupt hinschauen soll, wozu das alles gut ist und wohin das noch führt. Ja, es liegt Großes und Ganzes, vielleicht sogar die ganze Welt in jener Körperausbuchtung, die Frauen nie unbemerkt mit sich herumtragen können, deren Anblick sie aber trotz gleicher frühkindlicher Saug-Prägung nie derart zuversichtlich stimmt oder verunsichert wie den Mann. Brüste. Was soll das?

Nun, man weiß es nicht. Es wurde zwar schon errechnet, dass 14.800 Tonnen Brüste allein durch Deutschland getragen werden; man weiß auch, dass aus dem katholischen Osnabrück landesweit die meisten Google-Suchanfragen zum Thema eingehen und dass es sich mit korrekten Brüsten so verhält wie mit dem Genuss von Martinis: "Einer ist zu wenig, drei sind zuviel". Warum aber der Mensch der einzige Primat ist, bei dem sich der weibliche Busen nicht bloß während der Schwangerschaft und Stillzeit appetitlich wölbt, sondern prinzipiell, ist eines der letzten Rätsel des menschlichen Natur- und Kulturwesens. Und dieses Wesen darf ja wohl, verflixt nochmal, wissen, was es da seit Jahrtausenden verehrt, verdammt, verhüllt und dann, operativ optimiert, wieder entblößt.

Buch über das Wesen und Wirkung der weiblichen Brust

Also gut. Mit frischer Verve angepackt und, wo nötig, zurechtgerückt haben dieses Rätsel nun die Sexkolumnistin Paula Lambert (zuletzt erschien "Eine Frau mit Penetrationshintergrund") und der Kulturjournalist Helmut Ziegler ("Peng, der Pinguin"). "Brüste. Das Buch" enthüllt zwar nicht wirklich "alles, alles, alles" – so die Eigenwerbung – über das verblüffend omnipotente Thema, hält jedoch zwischen seinen zugleich festen und nachgiebigen Pappdeckeln Substanzielles bereit: Überraschendes, Fragwürdiges, Komisches, Trauriges und Herrliches über Wesen, Werk und Wirkung der weiblichen Brust. Es geht um den Busen in der Wissenschaft ("Das Wesen der Brüste"), Titten in der Politik ("Die Macht der Masse") und Möpse in der Kultur ("Marien, Musen und Melonen").

Nichtleser kulturgeschichtlicher Traktate werden nun sagen: Sei's drum, sich mit den so hilflos wie liebevoll als Omsen, Gwastln, Wonnekugeln, Goncks oder Mäusefäustchen titulierten Körperteilen zu befassen, kann nie falsch sein. Stimmt. Außerdem: Mit festem Blick darauf offenbart sich die Zivilgesellschaft zwischen Geschlechterkampf und Bekleidungsindustrie sogar unter neuen Aspekten. Doch Vorsicht: Brüste können die Weltpolitik ins Wanken bringen. Sie sind kommunikativer als zehn PR-Agenturen zusammen. Sie haben Macht. Und auch unsere Bundeskanzlerin hat welche.

Mit dem Busen gegen Vorurteile

Reden wir also erst einmal über Manipulation. Es habe eine Phase in ihrem Leben gegeben, bekennt die Herausgeberin Paula Lambert in ihrem Vorwort, da habe sie "das Tal meines Busens eingesetzt, um Vorteile zu erwirken". Darin ist sie übrigens Königin Luise nicht unähnlich, der sogar ganz Preußen am Herzen lag, als sie in Tilsit nach der Niederlage gegen Napoleon mit ihrem Gegner über einen Friedensschluss verhandelte. Sie trat vor den ausgewiesenen Brust-Fetischisten mit dem "tiefsten und vollsten Dekolleté, das eine Deutsche je zeigte", notierte danach Napoleons Chefdiplomat Talleyrand überrascht. Luises modisches Erbe, bedauert Ziegler, sei dann in der Geschichtsschreibung wesentlich intensiver beachtet worden als ihr weit blickender Einsatz für die Reformer Hardenberg und Stein, mit denen Preußen seinen ruhmreichen Wiederaufstieg eingeleitet habe.

Königin Luise und Paula Lambert wissen ebenso gut wie barbusige Demonstrantinnen der 68er bis heute um das Dilemma, das eine in den Dienst der politischen Sache gestellte entblößte Oberweite mit sich bringt: Sie generiert zwar erfolgreich Aufmerksamkeit, dennoch sind zwei hübsche Brüste in erster Linie einfach zwei hübsche Brüste. Stets verkünden sie lautstark ihre eigene Botschaft und laden recht herzlich zu Projektionen ein, da kann die Trägerin machen, was sie will. "Merkel will Großmacht werden!" spöttelte denn auch die "Zeit", nachdem das tief ausgeschnittene Kanzlerinnen-Kleid bei der Eröffnung der neuen Oper in Oslo 2008 bewies, dass Merkel "weiblich" sei. Was aber vor allem enthüllte, so die Autoren, dass "der Grad an ,Weiblichkeit' für Spitzenpolitikerinnen daran gemessen wird, wie viel man von ihren Brüsten zu sehen bekommt".

Busenkritik-Kritik bleibt Sprachkritik

Busenkritik-Kritik ist Gesellschaftskritik. Dabei unternimmt das Buch den heroischen Versuch, sich aus dem Dunst biologistischer Theorien zu lösen, "welche mit Erkenntnissen aus der Tierwelt die vermeintliche Naturgesetzlichkeit unserer Gesellschaft begründen, um so ihre Unveränderbarkeit zu zementieren". Dazu gehört, in Varianten, die hartnäckige ",Frauen haben Brüste, weil Männer das geil finden'-Theorie". Wie etwa die noch immer kursierende Annahme, Brüste ahmten die Hinterbacken nach, um dem Mann auch von Angesicht zu Angesicht den ursprünglichen Reiz aus wilden Steinzeittagen bieten zu können, in denen es der Mensch wie die Hunde trieb. Eine Betrachtungsweise passend in ein Weltbild, "das die Frau vor allem in ihrem Bezug zum Mann hin denkt, ausgestattet mit starken visuellen Reizen, damit der instinktgesteuerte Partner auch ja die Fortpflanzung und Versorgung des Weibchens nicht vergisst".

Erstaunlich, auf wie viele Arten Frauen die Deutungshoheit über die eigene Brust entrissen wurde – von blöde bis brutal. Ob auf Nazipropaganda-Plakaten, auf denen stets stillende blonde Mütter dem Soldaten sowohl die Rettung der einheimischen Brust als auch die Brust als Belohnung nahelegten; ob in Gestalt des Korsetts, das als einer der vielen Vorläufer von Silikon und Push-Up-BH (und noch vor seiner Belegung mit erotischer Bedeutung) suggerierte: Die Frau sei Verfügungs- und Verformungsmasse ohne eigene Haltung. Nicht wirklich erkennen mag sich manche Brustbesitzerin auch als Werbefläche für Unterwäschefabrikanten, die es bis heute nicht geschafft haben, wirklich passende Büstenhalter herzustellen. Dass man in Deutschland in anatomischer Irrigkeit von der Brust-"Warze" spricht, wo die Franzosen vornehm indirekt, aber wahr das "Ende der Brust" (bout de sein) im Blick haben, ist ausgerechnet einem Beschluss der Deutschen Anatomischen Gesellschaft Ende des 19. Jahrhunderts zu verdanken. Busenkritik-Kritik bleibt Sprachkritik.

"Busenduell" zwischen Loren und Mansfield

Die Geschichte der Brust zeigt: Die Frau ist keineswegs mit sich eins, wie Freud noch gehofft hat. Zu sehr entfremdet der ausmessend-anmaßende Blick von außen gerade Heranwachsende von diesem Teil ihrer selbst. Paula Lambert beantwortete diese Erfahrung mit der Entwicklung eines Rundrückens. Doch sogar für Männer gibt es längst kein Verstecken mehr: Im Kino läuft der entblößte jungmännliche Oberkörper inzwischen dem weiblichen den Rang ab, vor allem in der "Twilight"-Saga. Toll. Nun dürfen sich also auch die Jungs unter einem Konkurrenzdruck ihrer Oberkörper bewusst werden, wie ihn die Frauen in den Fünfzigern erlebten: Damals waren es künstlich angeheizte "Busenduelle", etwa zwischen Sophia Loren und Jane Mansfield, die reihenweise Komplexe erzeugten. Heute lassen sich in Deutschland bereits 10.000 Männer pro Jahr ihre Brüste verkleinern.

Immer ist da dieses gefährliche Funkeln zwischen Gift und Gabe. Als Speicher von Dioxin und anderen Alltagschemikalien, deren eventuelle Rolle bei der Entstehung von Brustkrebs noch frappierend schlecht erforscht ist, erscheint der Busen ja tatsächlich nicht nur als Privatangelegenheit, er geht die Gesellschaft etwas an. In den Siebzigerjahren dachten Mediziner allen Ernstes darüber nach, diese uns alle betreffende Problemzone am besten gleich vorsorglich zu entfernen – mit dem Argument, sie sei biologisch komplett überflüssig und diene allenfalls und auf unnatürliche Weise dem Vergnügen des Mannes.

Lexikon von A bis DD

Heute ist man weiter: Nach jahrzehntelanger Vernachlässigung erlebt etwa die Analyse der Muttermilch im Zuge der Stammzellenforschung derzeit einen Höhepunkt. Lambert und Ziegler erörtern mysteriöse Inhaltsstoffe, die offenbar den kindlichen Organismus programmieren und reparieren. Literatur, Kunst, Kino, Werbung und schlechte Witze werden in Zukunft sowieso nicht ohne Brüste auskommen. Unverzichtbar bleiben sie als oftmals heimliches, aber immer eigentliches Bildzentrum, von der altsteinzeitlichen Venus von Willendorf über den vermutlich ersten von einer Frau gemalten weiblichen Akt (Artemisia Gentileschis "Susanna" von 1610) bis hin zu Martin Eders zerfließenden Nackten in Aquarell.

Den durchaus auch optischen Spaß an dem Buch trübt beinahe nichts. Sogar ein Lexikon "von A bis DD" ist angehängt, über eine kurze Nippel-Geschichte der Albumcover oder Busladungen voller einheimischer Männer in Goa mit dem Ziel Touristinnen-Brüste-Watching bis hin zu "Facebooks Angst vorm Stillen": eine Fülle an historischem und popkulturellem Wissen, dem eigentlich nur noch ein Stichwort- oder Namensregister fehlt, um zum Nachschlage- und Standardwerk zu werden. Nun ja, dass die Medienkünstlerin und "Tapp- und Tastkino"-Erfinderin VALIE EXPORT, die sich stets in Großbuchstaben geschrieben wissen will, zu "Valerie Export" einerseits gestreckt und andererseits eingedampft wird, oder dass Paula Modersohn-Beckers Nachnamendoppel zu Becker-Modersohn durcheinander kullert, mag der Abgelenktheit der am Buch Beteiligten geschuldet sein. "Ich sehe doppelt", kalauert Ziegler, der ansonsten nie auch nur einen Witz auf Kosten der offensiv verehrten Weiblichkeit macht, wofür er hier ausdrücklich gelobt sei.

Bleibt noch festzuhalten, dass ernsthaft lustige Aufklärungs-Bücher wie dieses ein Glücksfall für das Fortschreiten von Humanismus und Genussfähigkeit sind. Denn auch wenn die Eingangsfrage: Brüste – wozu das denn? wohl nie beantwortet werden kann: Vielleicht besteht ihr vornehmster Sinn eben doch darin, eine alte Erinnerung wachzurufen: dass die Verschmelzung von Hinschauen- und Begreifenwollen nicht das Schlechteste am Menschen ist.

Paula Lambert u. Helmut Ziegler (Hg.):Brüste. Rogner & Bernhard, Berlin. 304 S., 29,95 €.

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