28.12.12

Kulturhauptstadt

Košice verbirgt seine entsetzlichen Brüche

Früher wüteten in der slowakischen Stadt die Nazis, nun ist Košice "Europäische Kulturhauptstadt" 2013. Doch der geehrte Ort zeigt seinen Besuchern lieber Multikulti als die düstere Vergangenheit.

Von Marko Martin
Foto: picture alliance / HELMUT FOHRIN

Košice, das frühere Kaschau, ist Europas Kulturhauptstadt 2013.

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Košice, die zweitgrößte Stadt der Slowakei, ist vom 1. Januar an "Europäische Kulturhauptstadt". Wer bereits zuvor in der Stadt am Rande der Karpaten ein wenig herumspaziert, wird sich jedoch vor allem eine Frage stellen: Hatte die Brüsseler Kulturbürokratie in ihrer Vergabe-Prozedur auch anderes berücksichtigt als den üblichen Nationen-Proporz?

Schließlich besitzt die Stadt eine höchst ambivalente Vergangenheit. Ihr berühmtester Sohn ist der Ungar Sándor Márai, der 1900 hier geboren wurde, als Košice noch Kaschau hieß und Teil des multi-ethnischen k.u.k. Reichs war.

Im Westen wurde Márai vor einem Jahrzehnt als großer Chronist des krisengeschüttelten 20. Jahrhunderts wiederentdeckt, mit Werken wie "Die Glut". Doch in der Ost-Slowakei scheint die Erinnerung an den antitotalitären Romancier, der 1989 im kalifornischen Exil starb, eher vage.

"Kafka von Košice"

Dabei hätte die Biografie dieses hellwachen Weltbürgers im kommenden Ehrenjahr so manche Einsichten vermitteln können: Bereits in seinem frühen, 1930 erschienenen und in Košice spielenden Roman "Die jungen Rebellen" hatte Márai jenen ennui an der saturierten Gesellschaft beschrieben, der dann alsbald in gewaltbereiten Nihilismus abkippte, Vorbote jener Gestimmtheit, die schließlich in ganz Mittelosteuropa tabula rasa machen würde.

Leider existiert in der Stadt bis heute lediglich ein karges, temporär geöffnetes "Gedenkzimmer" in Márais Elternhaus und dazu eine erzkonventionelle Statue, die – so eine auf deutsch verfasste Werbebroschüre in unfreiwilliger Komik – "den Dichter zeigt, wie er über die Belange des Lebens nachsinnt". Wenigstens soll es 2013 die eine oder andere Lesung zu Ehren des Romanciers geben, wird er doch immerhin – sozusagen in absurder Alliterations-Amnesie – als der "Kafka von Košice" vermarktet.

"Transgender" fehlt

Die Brüsseler Subventionsmillionen, mit deren Hilfe die postkommunistisch forsche Rathaus-Elite um Vizebürgermeisterin Renáta Lenártová nun aus einer alten Schwimm- eine "multifunktionale" Kunsthalle werkeln lässt, zeitigen ebenfalls Resultate, zumindest in der Rhetorik.

Kaum ein Kultur-Event, das der offizielle Veranstaltungskatalog ankündigt, welches nicht "sustainable" wäre – von diversen "Installationsprojekten", Klanganlagen und internationalen Jazzabenden über jüdische Folklore und Zigeunertänze, pardon: Sinti- und Roma-Kunst im Rahmen eines "Festival of Diversity and Tolerance".

In der Tat fehlt außer "Transgender" nichts, um einer EU-kompatiblen Multi-sonstwas-Projektmania zu genügen. Und was die einst in realsozialistischer Zeit beargwöhnte Minderheit der alteingesessenen "Karpatendeutschen" betrifft: Deren betulich monatliches "Karpatenblatt" wird vom slowakischen Staat unterstützt, während sich die Bundesrepublik der prosperierenden Germanistik-Forschung der hiesigen Universität annimmt, damit auch weiterhin voluminöse Bücher zum aussterbenden Dialekt der "Zipser Sachsen" publiziert werden können.

Globalisierte Wellness

Für die etwas Heutigeren gibt es dagegen einen vom Goethe-Institut gesponserten Fototextband zu "Urban Art", deren Autoren dann seitenweise darüber nachsinnen, weshalb sie das heruntergekommene, an der Peripherie gelegene Sinti- und Roma-Ghetto mit dem wie von Tarkowski erfundenen Namen "Lunik 9" besser nicht porträtieren.

Auch hier scheint zu gelten: Für das Ausblenden der Vergangenheit ist ein hoher Gegenwartspreis zu entrichten – eine amorphe Schluffigkeit, die sich nun auch um die aktuellen Probleme und Ausgrenzungen eher herum mogelt.

Vielleicht hätte das im Stadtzentrum rund um den gotischen Dom gutbürgerlich aufgehübschte Košice ja auch eher einen Preis für globalisierte Wellness erhalten sollen – untermalt von jenen "Yesterday"- und "I just called to say I love you"-Melodien, die als Glockenklang zusammen mit den Wasserfontänen im Park an der Hlavná-Promenade aufsteigen, während Erasmus-Studenten der nächsten türkischen Pizzeria oder ihren Laptop-Lounges zustreben.

Entsetzliche Brüche

In Wirklichkeit aber steht die Geschichte von Košice nicht für idyllisch-multikulturelle Kontinuität, sondern pars pro toto für die entsetzlichen Brüche des 20. Jahrhunderts. Nach dem Ersten Weltkrieg der neugegründeten Tschechoslowakei zugeschlagen, ergriff nach Hitlers Einmarsch 1938 das unter Horthy diktatorisch regierte Ungarn ebenfalls die Chance und verleibte sich die alte Handelsstadt wieder ein, die nun auf ungarisch "Kassa" hieß. Im Frühjahr 1944 kamen dann Wehrmacht und SS und starteten sofort Razzien, um die bereits zuvor entrechtete jüdische Gemeinde zu vernichten.

Und so rollten dann vom Bahnhof der Stadt – in den Jahren der Belle Epoque noch ein beliebtes Postkartenmotiv – bald die Züge nach Auschwitz, fahrplangenau nach den Plänen von Eichmanns "Transportabkommen von Kassa".

Etwa 380.000 deportierte ungarische und slowakische Juden wurden an diesem "zentralen Umschlagplatz" in die Viehwaggons gestoßen, die erst bei der Rampe des Vernichtungslagers wieder hielten. Eli Wiesel erinnert in seiner Autobiografie daran, wie hier in Košice Wehrmachtsoffiziere ein letztes Mal nach verborgenen Wertsachen forschten, ehe die Wagontüren zufielen.

Wo blieben die Bomben?

Inzwischen ist die größte Synagoge der Stadt wieder im maurisch-orientalischen Originalstil restauriert und für die Gottesdienste der winzigkleinen Gemeinde geöffnet – übers Wochenende kommt aus Budapest ein junger Rabbi. Dennoch.

In einer zweiten Synagoge muss die Lehrerin Jana Tesserová mit ihren Besuchern weiterhin über den kieseligen Sandboden kraxeln, während nur noch abblätternde Wandbemalungen und Emporen an die einstige kulturelle Blütezeit erinnern – im Sozialismus hatte man das Gebetshaus zu einem Warenlager zweckentfremdet.

Die Tochter zweier Shoa-Überlebender erinnert daran, dass es der aus Košice stammende KZ-Flüchtling Arnost Rosin gewesen war, der 1944 seine geheimen Aufzeichnungen außer Landes geschmuggelt und die Alliierten informiert hatte. "Die inzwischen so oft zitierte unterlassene Bombardierung der Gleise nach Auschwitz – hier gleich hinter Košice hätte sie beginnen müssen..."

Flucht aus der Geschichte

Auch davon aber im großformatigen Projektekatalog kein einziges Wort. Man darf spekulieren, aus welchen Gründen man hier Kultur allein als Event buchstabiert – von Weinfesten bis zu Stadtmarathons und Vernissagen. Bereits vor Jahren hatte es der regierungskritische Intellektuelle Peter Zajac auf diese Weise formuliert: "Die osteuropäische Postmoderne ist ein Ahistorismus, eine Flucht aus der Geschichte."

Damit aber wird die einmalige Chance vertan, die Geschichte von Košice als epochen- und länderübergreifendes Exempel zu erzählen – das 20. Jahrhundert in einer Nussschale. Denn niemand wird im Stadtzentrum darauf aufmerksam gemacht, dass sich unweit des zum Türmchenkitsch gewordenen Architektentraums "Neu-Schwanstein" auch die Gestapo-Zentrale befunden hatte – und vis-á-vis das Haus, in dem der legendäre Pál Maléter aufgewachsen war, 1956 als Imre Nagys Verteidigungsminister einer der Helden des Budapester Aufstands?

Offensiver Eskapismus

Und wer erinnert daran, dass im April 1945 die aus London zurückgekehrte tschechische Exilregierung just hier mit dem "Kaschauer Programm" das Fundament für die berüchtigten "Beneš-Dekrete" gelegt hatte, welche die Vertreibung der Sudentendeutschen anordneten?

All die wahnwitzigen Zickzack- und Bruchlinien – sie scheinen in der "Kulturhauptstadt 2013" einer eventseligen Aufgeräumtheit gewichen zu sein, die sich zwar slowakisch nationalistischer Engstirnigkeit enthält, aber nicht minder geschichtslos wirkt.

Ironischerweise existiert gegenüber des Theaters – Schauplatz von Márais "Jungen Rebellen" – der trendige Schwulenclub "Marseille", wo man Eskapismus wenigstens offensiv betreibt: Provokativ benannt nach der anderen, womöglich etwas weniger vergesslichen Europäischen Kulturhauptstadt des kommenden Jahres.

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