29.12.12

Wiener Sängerknaben

Mit dem "Spaceship" Richtung Neuanfang

Die Wiener Sängerknaben sind trotz Skandalen ein Nationalheiligtum Österreichs. Mit der Eröffnung ihres ersten eigenen Konzertsaals soll nun eine neue Ära beginnen.

Von Kai Luehrs-Kaiser
Foto: dpa
Wiener Sängerknaben eröffnen eigenen Konzertsaal
Die Wiener Sängerknaben eröffnen ihren eigenen Konzertsaal

Neben Sacher-Torte und Lipizzanern gelten die Wiener Sängerknaben als eines der großen Nationalheiligtümer Österreichs. Der Schein trügt. In ihrer Heimat selber sind die Wiener Sängerknaben fast umstritten, unerkannt, unterschätzt.

Im Lande Mozarts wird die Milchzahn-Brigade eher als Sondereinheit für Touristen und für Uniformfetischisten betrachtet – und damit eher akzeptiert als gefeiert. Bislang wurden die Buben im ungeeigneten, weil zu schmalen Brahms-Saal des Musikvereins unter Wert verkauft. Und auf Tournee geschickt. In Japan reichen die Begeisterungsschreie, die den Chor empfangen, mühelos in höhere Register als ein Knabensopran.

Jetzt endlich und erstmals in seiner über 500-jährigen Geschichte wurde für den Chor ein eigener Konzertsaal gebaut. Das ist schön und bitter nötig so. Nicht nur eignet sich die gefällige, kristallförmige Holzschale am Wiener Augarten für szenische Produktionen ebenso wie für Konzerte.

"Spaceship" statt Großmutter-Schwarm

Der 400-Plätze-Saal gibt den im Jahr 1498 von Kaiser Maximilian I. begründeten "Hofcapell-Singknaben" die Chance, nicht nur als Großmutter-Schwarm, nicht nur als Pralinenschachtel voll vokalen Zuckerwerks wahrgenommen zu werden. Sondern als jene weltweit singuläre und konkurrenzlose Kulturinstitution, um die es sich in Wirklichkeit handelt.

Mit Spaceship-Anmutung weckt der asymmetrische Bau der Architekten Johannes Kraus und Michael Lawugger Erinnerungen an moderne Räume wie die Berliner Philharmonie, verzichtet aber auf dessen Weinbergarchitektur. Das Streifenhörnchen-Holz lädt zu Kinderopern ebenso ein wie zu Schauspiel und Streichquartett.

"Ich muss in die Offensive gehen!", sagt Geschäftsführerin Elke Hesse, die dem Saal auch den Namen "MuTh" verpasste. Man will sich der Stadt massiv öffnen. Und schuldet dies in gewisser Weise sogar dem Rang eines Ensembles, das zu den ältesten und musikhistorisch einschlägigsten der Welt zählt.

Tortendeko und Weihnachtsgebäck

Nicht nur die "Zauberflöten"-Gesamtaufnahmen von Georg Solti bis Nikolaus Harnoncourt wurden mit Knaben des Chors besetzt. Werke wie Schuberts Es-Dur-Messe sowie zahlreiche Bach-Kantaten und Sakralwerke von Mozart sind ohne Kinderchöre wie die Wiener Sängerknaben kaum authentisch aufführbar. Mozart, Gluck und Biber musizierten persönlich mit ihnen. Vieles bis hin zu Gottfried von Einem und Benjamin Britten wurde eigens für sie komponiert.

Das Image von Großmuttis Liebling indes hat dafür gesorgt, dass die 100 Knaben im Matrosenhabit, die sich in Wirklichkeit aus vier Chören zusammensetzen, immer aufseiten von Tortendeko und Weihnachtsgebäck verortet wurden.

Auch die Liste berühmter Ex-Mitglieder hat daran nichts geändert – von Franz Schubert bis Norbert Balatsch und Friedrich Haider, von Tenor Herbert Lippert bis Georg Nigl und Max Emanuel Cencic. Auch die Schauspieler Peter Weck und Peter Kern waren früher Wiener Sängerknaben.

Internatsleben ist streng geregelt

Gewiss richtig, dass man seit einigen Jahren die Missbrauchsproblematiken aufarbeitet, von denen auch die Wiener Sängerknaben nicht verschont geblieben sind. Im März 2010 wurden entsprechende Fälle bekannt, die mehr als 40 Jahre zurückliegen und zumeist eher im Bereich zu rigider Erziehungsmethoden angesiedelt waren.

Das Internatsleben im Palais Augarten ist streng geregelt. Statt Gruppenschlafsälen gibt es inzwischen Drei-Bett-Zimmer. Längst ist die Schule mit Mädchen koedukativ durchmischt. Der Sohn von Elke Hesse, so erzählt diese, meldete sich selber in der Schule an, deswegen, weil die sportlichen Möglichkeiten im Augarten-Gelände unschlagbar sind.

Grotesker Streit

Wie labil die Anerkennung der Sängerknaben in Österreich ist, zeigte sich zuletzt am grotesken Streit um den Bau des Saales. Es war ein Politikum, und noch immer steht das Protest-Zeltlager. Mahnwachen, Resolutionen und politische Aufrufe lassen sich vielleicht mit denen um die "Republik Freies Wendland" in den 80er-Jahren vergleichen.

Streitpunkt war jener schmale, südlichste Zipfel des historischen Wiener Augartens, auf dem der Saal wie ein kleines Gürteltier hockt. Ein winziges Grundstück. Doch Parolen wie "Rettet den Augartenspitz!", "Augarten statt Baugarten" und die Warnung vor einer "Betonpolitik" wurden erbittert verfochten – und lassen sich dennoch Außenstehenden schon heute kaum noch begreiflich machen.

Ressentiments gegen den "Kapitaljongleur"

Gewiss speiste sich dieser Streit auch durch Ressentiments gegen den ostdeutschen Mäzen Peter Pühringer. Als "einer der 40 reichsten Österreicher" finanzierte er den Saal mit einer Spende von zehn Millionen Euro (und kommt für Folgekosten auf).

Dass er aus Sachsen-Anhalt stammt, ließ manchen ihn reflexartig zum Kapitaljongleur stempeln, der mit Ost-Geld historische Wiener Bausubstanz antaste. Baumpaten wie Robert Menasse und Otto Lechner polemisierten mit. Sie traten öffentlich gegen den neuen Saal und für den Erhalt des Augartenspitzes ein.

Wer freilich den Wiener Augarten kennt, kann sich des Eindrucks vollendeter Verlogenheit der Debatte kaum erwehren. Nicht nur, dass das Bauprojekt eine verschwindend geringe Fläche am äußersten, durch das Filmarchiv Austria ohnehin abgeschnittenen Rand des Parkes besetzt.

Hoffnung auf den Neuanfang

Durch zwei gigantische Flaktürme aus dem Zweiten Weltkrieg ist der Augarten seit Jahrzehnten ohnehin so nachhaltig und entsetzlich verschandelt, dass sein Zustand von keiner noch so abscheulichen Bausünde substanziell verschlimmert werden könnte. Wer sich gruseln möchte, wage im Schatten der 13-stöckigen Gefechtstürme einen Spaziergang.

Dass mit dem neuen "MuTh"-Saal ein Neuaufbruch für eine der unterschätztesten Musikinstitutionen der Welt verbunden sein möge, kann man nur hoffen. Da der Chor als Bestandteils des Hofes bei Ende des Ersten Weltkrieges heimatlos wurde und eine öffentliche Förderung versäumt wurde, ist er bis heute unsubventioniert.

Er läuft und läuft. Weil er tourt und tourt. So berühmt sie sein mögen: Die Wiener Sängerknaben sind eines bestgehüteten Tabus an der schönen blauen Donau. Wer sie glockenklar singen hört im neuen Saal, ahnt vom Stimmbruch der Geschichte nichts. Auch das ist ihr Verdienst.

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