28.12.12

Neue Pop-CDs

Man kriegt viel Cash für sein Geld

Es gibt zum Jahresende nicht viel Neues, aber Altes, neu verpackt: CD-Editionen von Johnny Cash, den Smashing Pumpkins und Elvis. Die legendären "Nuggets" sind wieder da, dazu wird "Soulfood" serviert.

Von Michael Pilz
Foto: picture alliance / KPA/TopFoto

Ein Million-Dollar-Quartett: Elvis Presley (sitzend) und Johnny Cash (r.) mit Jerry Lee Lewis und Carl Perkins beim spontanen undatierten Jammen. Cashs Hauptwerk gibt es jetzt in einer neuen Sammelbox, von Elvis triumphale Live-Konzerte
Ein Million-Dollar-Quartett: Elvis Presley (sitzend) und Johnny Cash (r.) mit Jerry Lee Lewis und Carl Perkins beim spontanen undatierten Jammen. Cashs Hauptwerk gibt es jetzt in einer neuen Sammelbox, von Elvis triumphale Live-Konzerte

Johnny Cash: The Complete Columbia Album Collection (Columbia)

Namenswitze sollen ja verboten sein in ernsthaften Artikeln, aber Johnny Cash ist immer noch für einen gut: Wer 63 seiner Alben jetzt im Schuber für 240 Euro kauft, kriegt für sein Geld viel Cash. Es fehlt dabei das knappe Frühwerk, das er für die Firma Sun Records in Memphis aufgenommen hatte. Auch das fulminante Alterswerk liegt dem Karton nicht bei. Aber ansonsten alles, was vom Mann in Schwarz je bei Columbia erschienen war, zwischen 1958 und 1985. Das sind nicht die Jahre, die der spätbekehrte Johnny-Cash-Jünger für dessen beste hält. Aber wahrscheinlich würde ohne die "American Recordings" aus den Neunziger- und Nullerjahren heute niemand etwas von den 63 Zwischenplatten wissen wollen. Von den ehrbaren Konzeptalben zum Völkermord an den Indianern und zur Eisenbahn, über die fabelhaften Gospelalben und die legendären Knastmitschnitte bis hin zu den schwiemeligen Nashville-Schlagern, die von seinen späten Fans gering geschätzt werden. Wegen der Streicher. Als hätten Orchester seinen Liedern jemals etwas antun können. Man muss sie nur richtig hören wollen. Was nun nicht mehr teurer ist als eine Bahnfahrt von Berlin nach München und zurück, auch wenn es etwas länger dauern kann.

The Smashing Pumpkins: Mellon Collie And The Infinite Sadness. Limited Deluxe Boxset (Virgin)

Dass die größte Band der Neunziger Nirvana heißt und nicht The Smashing Pumpkins, liegt nicht nur an der Legende Kurt Cobains, an dessen frühem Tod als Märtyrer der Rockmusik. Es hat auch mit den Smashing Pumpkins selbst zu tun. Nach zwei herausragenden Alben, "Gish" und "Siamese Dream", verfiel ihr Sänger, Anführer und Autor Billy Corgan, einem rätselhaften Wahn. Im Sommer 1995 tat er 28 Stücke auf ein Doppelalbum, manche ungekürzt, in nervtötender Breite. Das Album selbst trug den Titel "Mellon Collie and the Infinite Sadness". Jede Platte hatte auch noch ihren eigenen Namen, "Dawn to Dusk" und "Twilight to Starlight". Es war mehr als ein Konzeptalbum. Es ging ums große Ganze, um die Welt, den Kosmos und um Billy Corgans Gottgleichheit. Die Smashing Pumpkins haben anschließend zwar weiter Platten aufgenommen, aber nichts mehr von Belang. Jetzt kommt heraus: Es war nicht einmal alles drauf auf "Mellon Collie..." Corgan hat sogar auf die Veröffentlichung überflüssiger Songs verzichtet. Nun besteht das Werk aus fünf CDs. Drei weitere heißen "Morning Tea", "High Tea" und "Special Tea", und neben zahlreichen Versionen der bekannten Epen gibt es auch fünf bisher unterschlagene Songs. Die Smashing Pumpinks hätten sich damals auch künstlerisch mit einem Dreifachalbum ruinieren können.

Elvis: Prince From Another Planet (RCA)

"Aloha From Hawaii", die Satelliten-Fernsehschau im Januar 1973, war der Anfang vom Ende des Stars und Sängers Elvis Presley. "Prince From Another Planet" war das Ende vom Anfang: Vom 9. bis 11. Juni 1972 trat Elvis im New Yorker Madison Square Garden auf, bereits im weißen Hosenanzug und mit einem goldenen Königsumhang, aber noch nah am Normalgewicht und nur in Maßen schwitzend. Elvis war zurück seit seiner weihnachtlichen Wiederauferstehung im Jahr 1968. Es gab keine Beatles mehr, aber er war noch da und hatte das Geschrei der Frauen wieder für sich. Beweise gab es anschließend in Form einer EP mit fünf Konzertmitschnitten und im Film "Elvis On Tour". Nach 40 Jahren sind nun zwei komplette Auftritte zu hören, die Nachmittags- und Abendshow vom 10. Juni 1972: Elvis triumphiert, er singt sich durch seine Geschichte. Er erscheint zur Straussens Zarathustra-Ouvertüre aus dem Film "2001", dann singt er "That's All Right" von Arthur Crudup, seine erste Single aus dem Sommer 1954, und kommt schließlich bei "Can't Help Falling In Love" an, also im Herbst 1961 - und es ist, als sei die Popmusik damit bereits beendet worden. Erst zum Ende hin wirkt Elvis etwas kurzatmig, und weil Geschichte nachher immer schlauer ist, ahnt man beim Hören, was aus Elvis danach werden wird.

Nuggets – Original Artyfacts From The First Psychedelic Era 1965-1968 (Elektra)

Die wahrscheinlich einflussreichste Sammlung aufgenommener Songs wird 40 Jahre alt. Das Album "Nuggets" stammt aus einer Zeit, als alle Autos plötzlich Radios hatten, und die Mittelwellensender die Musikprogramme überdachten. Sie verlangten, dass die Stücke wieder kürzer wurden und die drei Minuten unterschritten. Lästige Gitarrensoli wurden aus den Songs entfernt. Jac Holzman von Elektra Records suchte lieber passende Originale aus den Sechzigern zusammen. Er gab Bands wie den Electric Prunes, den Standells, den Barbarians, den Premiers und den Magic Mushrooms eine zweite Chance mit ihren bündig krachenden Gitarren und verwegen rasenden Orgeln. Lenny Kaye, der spätere Gitarrist der Patti Smith Group, half dem Plattenpatriarchen bei der Auswahl. "Die Blitzschläge der Brillanz", von denen Kaye im Vorwort ihrer Neuauflage schreibt, prägten den Punk und die New Wave. Vor 14 Jahren war das Album bereits neu erscheinen, aufgebläht zu einer Box mit vier CDs. Jetzt ist es wieder eingedampft auf die Essenz von 27 Songs, von analogen Masterbändern digitalisiert und hübsch verpackt wie eine Miniatur-LP. Das was ja auch die Botschaft, die aus "Nuggets" 1972 dröhnte: Weniger ist mehr.

Soulfood. Food & Music, Fat & Yummy (Trikont)

Man nehme: ein halbes Kilogramm gehackte Schweinehaut, ein Kilogramm Alligatorfleisch und zwei Eichhörnchen. Die schwarze Küche der amerikanischen Südstaaten ist deutschen Kochkünstlern nur schwer vermittelbar. Sie ist vor allem reichhaltig, viel Fleisch und Fett und Zucker, aber sie ist keineswegs kulturlos. Jeder gegrillte Schweinsfuß, jedes Bierhuhn, jeder Wurst-und-Muschel-Eintopf schmeckt nach amerikanischer Geschichte, nach dem Energiebedarf der Sklaverei und schlecht bezahlter Landarbeit. Das schönste aber ist: Wer "Soulfood" kocht, schmeckt ,wie Bob Diddleys "Soul Food" klingt. Bei Trikont in der Münchner Kistlerstraße legen sie dem Kochbuch mit 68 Rezepten eine Platte bei mit 18 Stücken. Echter Soul ist schwere kulinarische Musik. Willie Bobo singt "Fried Neck Bones And Some Homefries", Dr. John singt "Pots On Fyo (Filé Gumbo)", The Carter Brothers singen "Roast Possum". Alle haben dabei reichlich Schmalz im Hals und winden sich im Zuckerschock. Die Töpfe sind so groß wie ihre Herzen und so tief wie ihre Seelen. In modernen deutschen Küchen läuft dafür zum Downcooking verhärmter Indiepop, schlanke Lounge-Musik und Minimal Techno. Pop ohne Kulturgeschichte, nichts Erwähnenswertes.

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