28.12.12

Berlinale-Sieger

Schwerverbrecher proben Shakespeare im Knast

Die Doku "Cäsar muss sterben" beobachtet Häftlinge beim Theaterspielen. Doch der Berlinale-Sieger der Gebrüder Taviani ist keine Sozialarbeiter-Doku, sondern interpretiert Ehre und Männlichkeit neu.

Von Cosima Lutz
Quelle: Camino
22.12.12 1:28 min.
"Cäsar muss sterben" war der Gewinner des Goldenen Bären. Gezeigt wird der turbulente Weg einer Gruppe italienischer Gefängnisinsassen, die Shakespeares Drama "Julius Cäsar" aufführen wollen.

Nimmt man das Kino als Spiegel der Gesellschaft, tritt der Zwiespalt offen zu Tage: Als Täter ist der Verbrecher eine faszinierende Gestalt. Seine Vorgehensweisen, sein Geschick und seine Motivationen bieten zahlreichen Genrefilmen und Dramen reichen Stoff für Spekulation und Fantasie.

Als Häftling aber büßt der Verbrecher jede Aura vergleichbarer Art ein und bildet allenfalls noch für Sozialarbeiter oder Dokumentarfilmer ein Subjekt von Interesse.

Wer von der Kurzbeschreibung des diesjährigen Berlinale-Gewinners "Cäsar muss sterben" ausgeht – Häftlinge bei den Proben zu einem Theaterstück –, ist nicht zuletzt deshalb versucht, den Film ins Langweilerfach der "Gutmenschen"-Produktion abzutun. Doch das wäre eine radikale Fehleinschätzung des neuesten Werks von Paolo und Vittorio Taviani.

Nachdenken in alle Richtungen

Darin nämlich bringen die italienischen Regie-Altmeister, inzwischen beide über 80, Dokumentation und Drama auf eine Weise zusammen, die das Nachdenken in alle Richtungen anregt – nicht nur über Verbrechen und Haftbedingungen, sondern auch über die Rolle, die Kunst, Literatur und Theater in unserer Gesellschaft spielen.

Die Idee, mit Gefängnisinsassen Theater zu machen, ist keineswegs neu. Der italienische Theatermann Fabio Cavalli etwa inszeniert seit gut zehn Jahren mit den Insassen des Hochsicherheitstrakts im römischen Rebibbia Stücke von Dante über Shakespeare bis Genet. Von einer Bekannten darauf aufmerksam gemacht, haben die Brüder Paolo und Vittorio Taviani beschlossen, deren jüngste Inszenierung, Shakespeares Römertragödie "Julius Cäsar", als Ausgangspunkt eines "Making-of" der besonderen Art zu nehmen.

Weit entfernt von Reality-TV

Die eigentliche Theaterinszenierung im Sinne einer Aufführung vor Publikum zeigen sie in "Cäsar muss sterben" nur zu Beginn und am Ende des Films, in kurzen, farbigen Sequenzen. Die Szenen bilden lediglich die Klammer für das, was sich in Schwarzweiß dazwischen abspielt und was als Genre gar nicht so leicht auf einen Nenner zu bringen ist.

Einerseits kommen die Aufnahmen als simple Dokumentation des Probenprozesses daher. Andererseits sorgen das verfremdende Schwarzweiß und die offensichtliche Ausgesuchtheit der Kameraeinstellungen von Anfang an dafür, dass man sich hier nicht im Reality-TV wähnt. Knapp gehaltene Szenen zeigen Cavalli beim schwierigen Prozess des Castings.

Mörder, Mafiosi und Drogenhändler auf der Bühne

Männer, die das sichtlich nicht gewöhnt sind, werden da zum Vorsprechen und Vormachen aufgefordert. Sie straucheln mit der Theatersprache und vor allem der Darstellung von Emotionen sehr viel weniger, als man erwartet. Ganz nebenbei bekommt der Zuschauer mit, dass Cavalli seine Laienspieler bewusst in ihren verschiedenen Dialekten sprechen lässt – und dass das sowohl ihrer Natürlichkeit als auch der Komplexität des Stückes dient.

Bevor man sich jedoch allzu sehr für die Protagonisten erwärmt, klärt eine Sequenz darüber auf, dass es sich bei den Darstellern der geplanten "Julius-Cäsar"-Inszenierung ausnahmslos um Schwerverbrecher handelt, um größtenteils zu lebenslänglichen Haftstrafen verurteilte Mörder, Mafiosi und Drogenhändler.

Ein Ex-Häftling ist heute professioneller Schauspieler

Viel mehr als ihre Namen und ihre jeweiligen Urteile erfährt man über die Männer allerdings nicht. Auch Regisseur Cavalli tritt nicht weiter in den Vordergrund. Dass es sich bei dem Darsteller des Brutus, Salvatore Striano, um einen begnadigten Exhäftling handelt, der inzwischen professionell als Schauspieler unterwegs ist, wird ebenfalls nicht weiter verhandelt.

Diese Zurückhaltung gehört wesentlich zur Methode des Films, der fast gänzlich auf die sonst im Dokumentargenre so verbreiteten Erläuterungen durch Interviews verzichtet. Die Tavianis konzentrieren sich auf die Probenszenen des Stücks, diese sind jedoch mit einer Raffinesse gefilmt, die den Dokumentations-Charakter zum Verschwinden bringt.

Gefängnishöfe sind ideale Filmkulissen

Die Höfe, Korridore und Zellen des Gefängnisses werden so zur idealen Theater- bzw. Filmkulisse. Wenn etwa der Darsteller des Marc Anton seine berühmte Rede übt, verrät die choreographierte Platzierung derer, die ihm zuhören, dass hier die Dokumentation längst in Inszenierung übergegangen ist. Wie überhaupt die Häftlinge in ihren Auftritten eine Dichte und Intensität erreichen, die Shakespeares Drama in absoluter Modernität erstrahlen lässt.

Es sind die Übergange und Überlagerungen von Drama und Dokumentation, die "Cäsar muss sterben" zu einem herausfordernden Erlebnis machen. Eingestreute Szenen aus dem Gefängnisalltag brechen die Fiktion des Römerdramas und zeigen zugleich Parallelen auf.

Dass in Marc Antons Rede nebenbei der Begriff des "ehrenwerten Mannes" dekonstruiert wird, während eine ähnliche "Ehrenwertigkeit" zu den Schlüsselbegriffen des Mafiositums gehört, bildet einen der plakativeren augenöffnenden Momente des Films.

Und nach der Vorstellung zurück in die Zelle

Andere, wie die Sequenz, in der man sieht, wie die Schauspieler nach der Vorstellung einzeln wieder in ihre Zellen gesperrt werden, bringen sowohl Darsteller wie Zuschauer auf betroffen machende Weise von den Höhen Shakespeare'scher Dramatik wieder auf den Boden der Realitäten zurück.

"Seit ich die Welt der Kunst kennengelernt habe, ist mir meine Zelle zum Gefängnis geworden", hört man gen Ende einen der Theater spielenden Gefängnisinsassen sagen. Der Satz hat es in sich, gerade weil er einmal nicht die Kunst als Fluchtmöglichkeit, sondern als Quelle einer Untröstlichkeit benennt.

"Cäsar muss sterben" wirkt deshalb lange nach, weil der Film in seltener Deutlichkeit aufzeigt, dass "Haft" viel mehr als bloß Freiheitsentzug bedeutet – und dass sich unsere Gesellschaft zu wenig Gedanken macht über die Auswirkung dieser Verurteilung zu Anonymität und Unsichtbarkeit.

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