27.12.12

"Life of Pi"

Überirdisch leuchtende Schönheit mit Tiger

Zurück in die Zukunft: Mit seiner Verfilmung von Yann Martels Bestseller "Schiffbruch mit Tiger" schafft Ang Lee ein nie dagewesenes Meisterwerk – und schenkt endlich sogar den Pixeln eine Seele.

Von Hanns-Georg Rodek
Quelle: Fox
22.12.12 2:16 min.
"Life Of Pi" ist 2001 als Roman erschienen. Schriftsteller Yann Martel beschreibt die 227 Tage von Pi Patel, die er nach einem Schiffbruch auf einem Rettungsboot verbringt – mit einem Tiger.

Das Ende des Jahres verführt zum Ziehen von Bilanzen, und so sind heute ein paar Gedanken zum "Fin de cinéma" angebracht, einer Debatte, die es für möglich hält, dass die Zeit des Kinos abgelaufen sein könnte. Es wäre ja auch kein Wunder, bei den Attacken, denen es ausgesetzt ist: dem Raubkopieren, dem legalen Runterladen, den Fernsehserien.

Dann ist da eine weitere, kuriose Beobachtung: Je älter Menschen werden, desto mehr denken sie an ihre Kindheit. Mit "The Artist" gewann 2012 ein Stummfilm den Oscar. Und mit "Hugo Cabret" schuf Martin Scorsese eine Hommage an den Stummfilmmagier Georges Méliès.

Das Kino erinnert sich in seiner existenziellen Krise an seine Anfänge, auch wenn es dazu die allerneuesten Techniken benutzt. Das gilt auch für Ang Lee und sein 120-Millionen-Dollar-Werk "Life of Pi", das – so attestierte Barack Obama Yann Martels Romanvorlage – einen "eleganten Gottesbeweis" führe. Nun muss man dem Titelhelden Pi eine etwas chevalereske Haltung in Sachen Religion unterstellen. Der Junge wächst im südindischen Pondicherry auf, und die Hindu-Gottheiten rezipiert er wie Comic-Superhelden. Später studiert er den Koran und die Kabbala.

Begeisterung für die Bestie

Pi besitzt also eine rosige Weltsicht, wie man sie hat, wenn man in Pondicherry, an Indiens Riviera, aufwächst und einen Vater hat, der Zoodirektor ist. Pi geht Papa manchmal auf die Nerven, und um dessen Begeisterung für den bengalischen Tiger Richard Parker zu dämpfen (der den Namen des Jägers erhielt, der ihn fing), wirft er der Bestie lebendige Ziegen vor.

Pis rosa Brille zerbricht erst, als seine Familie samt Zootieren emigriert, das Schiff im Pazifik versinkt und alle ertrinken, außer ein paar Tieren und dem Halbwüchsigen. Im Rettungsboot frisst die Hyäne das Zebra, der Orang-Utan die Hyäne und der Tiger den Orang-Utan. Nun sind nur Pi und eben Richard Parker übrig.

Dies ist, nach einer Dreiviertelstunde, der Moment, in dem aus einem gefälligen Film ein nie da gewesener wird. Nun gibt es nur noch drei Akteure: den Schauspieldebütanten Suraj Sharma, den dem Computer entsprungenen Richard Parker und das Meer. Es gibt auch drei Themen, nicht das Überleben, wie man vermuten könnte. Das sichern die Wasservorräte und Pis Geschick als Fischer.

Kein Disney-Schmusekurs

Doch wie kommen Mensch und Tier miteinander aus? Bei Disney hätte der Tiger gebrüllt, sich aber irgendwann an seinen Bootsgenossen geschmiegt, der ihm die Filets aus dem Wasser angelt. Ang Lee vermeidet jeglichen Schmusekurs. Mensch und Tier betrachten sich über einen Abgrund des Nichtverstehens.

Der Tiger ist für Pi, was Freitag für Robinson Crusoe und der Volleyball für Tom Hanks in "Cast Away" waren, der Freund in der Einsamkeit. Er hätte ihn gern als Kompagnon, und er erweist ihm Mitgefühl und sogar so etwas wie Liebe, aber er bekommt nichts zurück. Die Anerkennung als gleich starker Rivale im selben Revier ist das Höchste, was Pi erwarten kann.

Dies ist der Einmaligkeitsbeweis des Menschen als empathiebegabtes Wesen. Das mit dem Gottesbeweis ist schon schwieriger. Sind das Ausgesetztsein und die Stürme nur Proben, die Gott Pi auferlegt? Wird Pis Glauben daran, dass einzig der Wille Gottes ihn überleben lässt, mit der Rettung belohnt?

Die Schönheit der Nullen und Einsen

Vielleicht sollte man den Beweis für Gottes Existenz eher im Überfluss an Schönheit suchen, der uns in "Life of Pi" zuteil wird, eine Schönheit, die überirdisch leuchtet. Mensch, Tier, Wasser, Himmel – nie waren sie einander so nahe. Das Wunder aller Wunder ist der Tiger. Jede Falte des Fells, jedes Spannen eines Muskels, jedes Zittern eines Barthaares, alles macht uns glauben, einem echten Tiger gegenüberzusitzen.

Und doch sind alles Nullen und Einsen. Ang Lee ist der Erste in der Geschichte der computergenerierten Filmbilder, der es geschafft hat, sie mit Wärme aufzuladen, 3-D-Pixel mit Seele zu kreieren.

Wie Gott ist auch Richard Parker eine Sache des Glaubens, und dieses Thema kehrt am Ende des Films ein weiteres Mal zurück, wenn der gerettete Pi zwei Agenten der Schiffsversicherung sein Abenteuer schildert und sie ihm keinen Glauben schenken. Er erzählt ihnen dann eine viel prosaischere, versicherungstauglichere Version, und das ist eine Art Anti-Höhepunkt, mit dem man lieber nicht das Kino verlassen hätte. Während die erzählerische Klammer bald vergessen sein wird, dürfte uns die magische Stunde auf See lange im Gedächtnis bleiben. Eine Stunde fast ohne Worte, eine Art Stummfilm mit Geräuschen. Hier ist sie wieder, die Rückbesinnung auf die Macht der Bilder. Wären alle Filme so, um das Kino bräuchten wir uns keine Sorgen zu machen.

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