24.12.12

Geburt Jesu

So wurde Weihnachten in der Türkei erfunden

Warum feiern wir das Fest eigentlich am 25. Dezember? Der Geburtstag des Herrn war eigentlich im Januar, aber das brachte Terminprobleme.

Von Karl-Heinz Göttert
Foto: Getty Images

Das Kind in der Krippe: Für einen Gott mag das Ambiente bescheiden sein, für ein Menschenkind ist es durchaus angemessen
Das Kind in der Krippe: Für einen Gott mag das Ambiente bescheiden sein, für ein Menschenkind ist es durchaus angemessen

"Ja, is' denn heut' scho' Weihnachten?" fragte einst Franz Beckenbauer und meinte damit, passend zum Werbespot: Haben wir schon den 25. Dezember, an dem die Geschenke verteilt werden? Denn das werden sie ja wirklich immer genau an diesem Tag oder dem Vorabend, Jahr für Jahr zum gleichen Datum. Im Gegensatz zu den Ostereiern, bei denen man schon in den Kalender schauen muss, um zu wissen, wann es sie gibt. Oder Vatertag an Christi Himmelfahrt. Woran liegt das eigentlich, dass die meisten großen Feste durch den Kalender vagabundieren, nur dieses eine nicht: Weihnachten?

Eine gute Antwort würde lauten: In Nicäa, dem heutigen Iznik gegenüber Istanbul in Kleinasient fand im Jahre 325 das vielleicht wichtigste Konzil der noch jungen Christenheit statt und musste einen Streit schlichten, der schon damals fast zur Spaltung geführt hätte: War Christus wirklich ein Mensch, also nicht nur Gott, wie es Arius, das Haupt der Arianer behauptete? Kaiser Konstantin selbst, der seinen Sieg an der Milvischen Brücke dem Bekenntnis zu diesem neuen Gott zugeschrieben hatte, führte in Nicäa den Vorsitz und befürwortete die Doppelnatur. Im Nicäanischen Glaubensbekenntnis steht es seither mit Gültigkeit bis heute.

Na und? Was soll das mit Weihnachten zu tun haben, das es 325 noch gar nicht gab? Eben! Es kam höchstwahrscheinlich deshalb. Christus also war auch ein Mensch. Menschen aber werden geboren. Und wie die junge Kirche angefangen hatte, die großen Ereignisse der Geschichte Jesu Christi in Festen zu feiern, bedurfte es auch dieses Geburtsfestes. In Rom taucht es um 335 auf, also ziemlich dicht bei 325, bei Nicäa. Im damaligen Osten, wo noch lange der Schwerpunkt des neuen Glaubens lag, dauerte es länger. In Konstantinopel findet man Weihnachten erstmals 379 bezeugt, in Palästina im 6., in Jerusalem erst im 7. Jahrhundert.

Warum hat man sich dort so viel Zeit gelassen? Man könnte beinahe sagen: Weil man (theologisch) mehr Ahnung hatte. Es gab nämlich längst ein Geburtsfest. Dieses wurde am 6. Januar gefeiert: als Erscheinung des Herrn, vor dem Publikum der drei "Weisen". So las man es beim Evangelisten Matthäus. Und so wurde es als große Szene Jahrhunderte lang gemalt.

Eintritt in die Welt wie bei Kaisern

Natürlich gab es auch diesen anderen Bericht, den von Lukas mit der (für einen Gott) etwas peinlichen Geburt in einem Stall, wo statt von Gold und Weihrauch die Rede von einer Futterkrippe und Windeln ist. Nein, gefeiert wurde zuerst ein Eintritt in die Welt, wie er Kaisern zustand, zumal auch sonst nichts mit rechten Dingen zugegangen war bei einer Jungfrau als Mutter. Markus, der älteste Evangelist, hatte höflich geschwiegen und Jesus erstmals anlässlich seiner Taufe durch Johannes erwähnt, mit 30 Jahren. Und der jüngste Evangelist, Johannes? Der munkelte über einen "Anfang", der sich dem "Wort" verdankte, das dann "Fleisch" wurde.

Es gab also schon ein Geburtsfest. Der Tag der Feier war entsprechend ausgewählt. Am 6. Januar wurde in Ägypten immer schon die Geburt des göttlichen Äonskindes gefeiert, übrigens von einer Jungfrau geboren. Die Feier der Erscheinung des Herrn war theologisch schön, praktisch jedoch defizitär. Vor allem, als die Menschheit Jesu ins Visier genommen wurde und nach einer echten Geburt verlangte. Nun hatte Lukas zwar etwas über eine Steuerschätzung (von der es mehrere gab) und das 15. Regierungsjahr des Tiberius gesagt (bei dem man nicht wusste, ob dabei die Regentschaft als Kaiser oder die Mitregentschaft unter Augustus gemeint war), aber nichts über den Tag, nicht einmal die Jahreszeit. Wann also feiern?

Man musste in den Kalender schauen. Ostern hing am jüdischen Passahfest, gefeiert bei Eintritt des ersten Vollmonds im Frühling. Die Christen gingen nur vom Schlachten des Lammes am Freitag zur Auferstehung am Sonntag über, blieben aber bei der Berechnung nach dem Mond. Das fand seinen klaren Grund im Alten Testament, wo es in Psalm 104 heißt: "Er hat den Mond zur Bestimmung von Zeiträumen geschaffen." Übrigens hielt sich daran auch Mohammed: Nach der 10. Sure des Korans ist der Mond der Zeitgeber, sind die muslimischen Feste monddatiert.

Aber das Christentum suchte auch Abstand zur jüdischen Vergangenheit. Die Feste der Heiligen wurden von Anfang an solar gefeiert: am Datum ihres Todestags bzw. ihres Martyriums im römischen Kalender, der seit Julius Cäsars Reform ein Sonnenkalender geworden war. Allmählich entstand so das christliche Jahr mit dem Kranz der beweglichen "Herrenfeste" (also Karfreitag/Ostern, Himmelfahrt, Pfingsten) und den unbeweglichen Heiligenfesten. Was tun mit der Geburt? Schon für die "Erscheinung" existierte ja ein solares Datum.

Den 6. Januar degradiert

Um gegen den 6. Januar bestehen zu können, musste man theologisch etwas bieten. Das war beim 25. Dezember der Fall. Denn an diesem Tag, auf den damals die Wintersonnwende fiel (heute am 21./22. Dezember), beging man in Rom den Tag desSol invictus, des unbesiegten Sonnengottes, den Kaiser Konstantin einst regelrecht durch Christus ersetzt hatte. Weiter war die Biologie zu bedenken: Wenn richtige Geburt, dann auch Schwangerschaft. Neun Monate zuvor musste also die Zeugung liegen, die nach dem Evangelium als die Botschaft des Engels an Maria gedeutet war. Mit Weihnachten am 25. Dezember wurde also die "Verkündigung" auf den 25. März festgelegt. Damit hatte man ausgesprochenes Glück, galt doch dieser Tag als der der Erschaffung Adams, des "Ersten der Schöpfungsgeschichte".

Wir Heutigen sind an Weihnachten gewöhnt, haben den 6. Januar längst umfunktioniert zum bloßen Dreikönigsfest. Aber die katholische Liturgie hält die Erinnerung an die alte Irritation der Göttlichkeit und Menschlichkeit noch fest. Das Lukasevangelium wird in der Mitternachtsmesse gelesen. Im Hochamt am Ersten Tag ist es dann aus mit der Biologie: Es kommt Johannes mit dem "Wort". Wetten, dass die Kirchgänger, auch die treuen, Lukas besser verstehen?

Der Autor Karl-Heinz Göttert veröffentlichte unter anderem "Alle unsere Feste. Ihre Herkunft und Bedeutung" (2007)

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