23.12.12

Theaterkritik

Kein Kalauer ist hier zu bekloppt

Helmut Dietl lässt grüßen: Regisseur Herbert Fritsch taucht am Münchner Residenztheater Nikolai Gogols "Revisor" in Aberwitz. Sebastian Blomberg brilliert als Geck im pinken Gewand Chlestakow.

Foto: Wikipedia/ Andreas Praefcke/CC3.0

Das Münchner Residenztheater ist eigentlich eine Kathedrale der Ernsthaftigkeit. Dank Gogols „Revisor“ und den Slapstickeinlagen von Hauptdarsteller Sebastian Blomberg darf jetzt auch gelacht werden
Das Münchner Residenztheater ist eigentlich eine Kathedrale der Ernsthaftigkeit. Dank Gogols "Revisor" und den Slapstickeinlagen von Hauptdarsteller Sebastian Blomberg darf jetzt auch gelacht werden

Die Münchner Spezies des "Stenz" hat Helmut Dietl für Nicht-Bayern einmal so beschrieben: "Von etwas windiger Eleganz, der jeweils herrschenden Mode immer einen Schritt vorausstolzierend, legt er Wert auf Umgangsformen und schafft es, das oberste Ausstrahlungsziel dabei nicht aus den Augen zu verlieren: immer cool und lässig zu sein."

Genau so ein Stenz ist Chlestakow, die Hauptfigur in Nikolai Gogols Komödie "Der Revisor". Zumindest zeichnet ihn Regisseur Herbert Fritsch in seiner Inszenierung am Münchner Residenztheater so: ein Geck im pinken Gewand, abgebrannt und unfähig, seine Rechnung beim Wirt zu bezahlen. Ein Schnorrer vor dem Herrn.

Eine der witzigsten russischen Komödien

Eigentlich erwartet man in der Provinzstadt, in der er gerade Halt macht, einen Revisor, der – inkognito – die Stadtverwaltung auf Herz und Nieren prüft. Nun regieren aber Chaos und Exzess, und weil diese verkommene Stadt überhaupt nur ein Gesetz kennt, das der Korruption, einigen sich die Stadtoberen schnell darauf, ihre Bestechlichkeit mit Bestechung zu vertuschen.

Ihr Opfer ist Chlestakow, den sie für den Revisor halten: Diese simple Verwechslung genügte Gogol, um eine der witzigsten russischen Komödien zu schaffen. Fritsch genügt sie nicht. Der zuletzt für das Zweiwortstück "Murmel Murmel" an der Volksbühne gefeierte Regisseur gibt gleich zu Beginn das Motto des Abends aus: "Heute sinkt für Sie das Niveau".

Der Richter heißt Lap-Top, der Polizeichef Korruptkin

Kein Kalauer ist ihm zu bekloppt. Der Richter heißt Lap-Top, der Polizeichef Korruptkin, der Gutsbesitzer schlägt sich die Nase an einer Wand auf und stimmt den Song "Aua Haus" an. Autsch, denkt man tatsächlich in der ersten Hälfte des Stückes öfter mal.

Andererseits: Sebastian Blomberg als Chlestakow. Sein Feine-Leute-Tamtam! Die Akkuratesse seines Slapsticks! Sein formvollendetes Stenz-Tum!

Eine Stadt voller Hedonisten-Zombies

Kein Wunder, dass die Provinzler regelrecht besoffen von der Idee sind, sich diesen Aufschneider gefügig zu machen. Das Schlechte scheint ihnen aus jeder Pore zu dringen: gelb und teigig sind ihre Gesichter, strähnig ihr Haar, blutunterlaufen die Augen.

Hedonisten-Zombies, Marionetten des Mammons. Ihre Gier ist grenzenlos – und ganz körperlich: es wird gesäuselt, gefletscht, gefaucht. Und nichts ist subtil: die Bestechungsversuche sind dreist offensichtlich, eine Schmiergeld-Orgie, vulgär-grenzenlos.

Der Bürgermeister (Aurel Manthei) hat auch nichts dagegen, dass sich seine Frau (fulminant irre: Barbara Melzl) und Tochter (Britta Hammelstein) dem Neuankömmling an den Hals werfen. Victoria Behr hat den beiden Frauen groteske Puppenkleider auf den Leib geschneidert und Raumschifffrisuren verpasst. Eine großartige Arbeit.

"Achtung, jetzt kommt ein Monolög!"

Besonders gute Laune machen aber Fritschs Spitzen gegen das seriöse Theater: Der Brief, der den Revisor ankündigt, kommt ausgerechnet von Anton "Toni" Tschechow. Kurz bevor Chlestakow in der Versenkung (der Bühne) verschwindet, ruft er: "Achtung, jetzt kommt ein Monolög!"

Gerade am Resi, dieser Kathedrale der Ernsthaftigkeit, ist das erfrischend. Am Ende geht es natürlich um nichts. Die Betrüger werden von einem Betrüger betrogen. Als Chlestakow ihnen am Ende den Spiegel vorhält, sind sie alle um viel Geld ärmer, aber um keine Erkenntnis reicher.

Dass man an Gogols Stück "einen boshaften Kommentar zu den unverdrossenen Finanzspekulationen unserer Tage" ablesen soll, wie es auf der Resi-Website heißt, ist Quatsch. Genau das ist ja das Schöne an Fritschs Inszenierung. Statt Metaebenenschwere eine Arie des Aberwitzes. Und der beste Stenz, der je von einem Preußen gespielt wurde. Sebastian Blomberg kommt aus Bergisch-Gladbach.

Termine: 27., 31. 12.

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