22.12.12

Mit 90 Jahren

Mediävist Peter Wapnewski ist tot

Der Mediävist Peter Wapnewskis ist gestorben. Keines seiner Worte konnte man vergessen – und keinen Satz wiederholen. Er kannte aber auch den Unterschied zwischen einem Hattrick und einem Hackentrick.

Von Wolf Lepenies
Foto: picture-alliance/ ZB

Starb im Alter von 90 Jahren: Peter Wapnewski
Starb im Alter von 90 Jahren: Peter Wapnewski

Unweit des Don, südöstlich von Rostow, wurde am 30. Juli 1942 der Ladeschütze Peter Wapnewski in seinem Panzer durch eine explodierende Granate so schwer verletzt, dass er sein linkes Auge verlor. Als sich der kriegsverwundete Student an der Berliner Universität um Aufnahme in ein Platon-Seminar bewarb, tröstete ihn Eduard Spranger: "Ein Freund von mir hat mit einem Auge ein langes reiches Gelehrtenleben gelebt."

Trost wurde Voraussage: Peter Wapnewski hat ein langes reiches Gelehrtenleben gelebt. Die Universitäten Heidelberg und Freiburg verliehen ihm die Würde eines Ehrendoktors. Im Alter von 90 Jahren ist Peter Wapnewski in der Nacht zu Samstag in Berlin gestorben.

Peter Wapnewski war ein großer Altgermanist, der durch philologische Leidenschaft, strenge Deutung und einfühlendes Lesen die Dichtungen des Mittelalters auch für unsere Zeit bewahrte. Er war ein Wagner-Interpret, der das Werk des von ihm so genannten "großen, wenngleich schwierig zu fassenden Lehrmeisters" bewunderte, ohne ihn kritiklos zu verehren.

Als Vizepräsident des Goethe-Instituts und des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) wirkte er mitbestimmend in der deutschen Kulturaußenpolitik. Und als er 1986 sein Amt als Rektor des Wissenschaftskollegs zu Berlin an seinen Nachfolger übergab, hatte er zu Recht das Gefühl, "etwas von dauerndem Nutzen getan zu haben".

Er war etwas Einmaliges

Zum 70. Geburtstag Peter Huchels schrieb Peter Wapnewski, der Dichter sei "ein Eigener immer in ganz besonders eigentümlichem Maße gewesen". Diese Charakteristik galt auch für ihn – und sie galt insbesondere für den Redner Wapnewski. Er war etwas Einmaliges, ein Causeur deutscher Sprache, bei dem die Intelligenz schon im Tonfall lag. Wer Peter Wapnewski hörte, machte eine eigentümliche Erfahrung: Man konnte keines seiner Worte vergessen und keinen seiner Sätze wiederholen.

Peter Wapnewski wurde am 7. September 1922 in Kiel geboren. Der Vater, ein Marineoffizier, starb früh. Die Mutter war Schauspielerin. Wapnewski wuchs in einem Haushalt auf, in dem es ausreichend Personal gab und zugleich "präzise Sparsamkeit" die Regel war.

Er gehörte zu jener Generation, die ohne Begeisterung in den Nationalsozialismus und in die Kriegsteilnahme hineinwuchs. Als er in die Hitlerjugend eintreten musste, reagierte er, wie viele seiner Altersgenossen, auf Drill und Parolen nicht mit Widerstand, sondern mit vorsichtigem Abstand.

Mutig war bereits, wer beim Bäcker nicht mit dem vorgeschriebenen Hitler-Gruß, sondern mit einem "Guten Morgen" eintrat. Der Gymnasiast Wapnewski besuchte die "Alte Kieler Gelehrtenschule", deren Namen der Professor immer noch mit nostalgischer Wärme aussprach. Im Rückblick erschrak er darüber, wie leicht es den meisten Lehrern gefallen war, den klassischen deutschen Bildungskanon mit nationalsozialistischem Gedankengut zu vereinbaren.

Soldat ohne Begeisterung

Nach dem Abitur 1941 meldete sich Wapnewski "zur Fahne". Im Reichsarbeitsdienst - "Den Spaten – Über!" - exerzierte und schaufelte er zusammen mit Nicolaus Sombart am Weichseldamm. Dann kam er mit einer Panzerdivision der Heeresgruppe Süd an die Front – immer noch ohne Begeisterung und doch mit dem Willen, ein guter Soldat zu sein. Auf Befehl seines Kompaniechefs musste er die Beileidsbriefe an die Angehörigen seiner gefallenen Kameraden formulieren.

Nach der Verwundung begann Wapnewski sein Studium in Berlin. Ein Privatdozent begeisterte ihn für mittelhochdeutsche Lyrik und stellte die Weichen für seine akademische Laufbahn als Mediävist. In der Neueren Literaturwissenschaft störten Wapnewski Gerede und Jargon – die Mediävistik dagegen faszinierte ihn, weil die notwendige Kenntnis des Gotischen, Alt- und Mittelhochdeutschen zu philologischer Präzision erzog.

Dann kam der 11. Juni 1943 und eine akademische Laufbahn schien zu Ende, bevor sie begonnen hatte. Der Kriegsverwundete wurde wegen Wehrkraftzersetzung verhaftet. Ihm drohte die Todesstrafe. Mit Horst Lange, dem bekannten Autor der Romane "Schwarze Weide" und "Ulanenpatrouille", hatte Wapnewski in einer Bar am Kurfürstendamm gezecht und sich anscheinend wenig euphorisch über das NS-Regime und den Kriegsausgang geäußert.

Dankbar, dass er verschont wurde

In Wapnewskis Erinnerungen kann man nachlesen, unter welch abenteuerlichen Umständen er Kriegsgericht und Hinrichtung entging. "Bis zu meinem Tod", schrieb Wapnewski, "werde ich dankbar staunen, dass ich damals verschont wurde."

Die Verhaftung, drohende Hinrichtung und überraschende Rettung wurden zum Schlüsselereignis in Wapnewskis Leben. Deshalb traf die Anschuldigung, seine Mitgliedschaft in der NSDAP verschwiegen zu haben, den 81-Jährigen so tief. Er war, wie Walter Jens und andere, ein "nicht wissender PG" gewesen, der von einem Vorgesetzten zum Parteimitglied vorgeschlagen worden war, sich dem nicht widersetzt, aber nie ein Parteibuch erhalten hatte, das Ausweis seiner Mitgliedschaft gewesen wäre.

Die Kampagne gegen ihn schmerzte – und konnte seiner Lebensleistung nichts anhaben. Wie nur wenige Kollegen seiner Generation blieb Peter Wapnewski sich bewusst, dass die NS-Vergangenheit nicht hinter den Deutschen lag – sie lag auf ihnen.

Nach Kriegsende machte Wapnewski eine glänzende akademische Karriere – in der von ihm stets so genannten "alten deutschen Universität", die nur noch kurze Zeit Bestand haben sollte. Von 1949 bis 1958 war er in Heidelberg Privatdozent und gehörte neben Alexander Rüstow und Alfred Weber zum Salon Marianne Webers. Solange, bis er die alte Dame durch die Antwort auf ihre Frage, was er zu einem Vortrag zu sagen habe, verärgerte: "Nichts, Gnädige Frau!" Einen Ruf nach Harvard lehnte er ab und konnte so in Heidelberg, seiner eigenen Universität, Ordinarius werden.

Beeindruckt von Heidegger

Die Heidelberger Universität war immer noch ein bedeutendes geistiges Zentrum, Philosophen wie Gadamer und Löwith setzten den Maßstab. Den jungen Dozenten beeindruckte auch Martin Heidegger – dessen schändliche Freiburger Rektoratsrede von 1933 war ihm damals noch nicht präsent. Einladungen zum Abendbrot im Kollegenkreis verliefen nicht ohne kulinarische Komik: "Abseits stand, bereits präpariert, die als Dessert gedachte Schüssel mit Birnenkompott."

1966/67 nahm Wapnewski einen Ruf an die FU an – und verließ sie 1971 wieder, vertrieben durch einen Studentenprotest, der Maß und Fairness vermissen ließ. An der TU Karlsruhe fand er eine neue akademische Heimat. Und immer wieder schrieb er über Richard Wagner, selbstbewusst genug, um sein eigenes Urteil gegenüber "irrtumsfrohen Köpfen der Kulturgeschichte" zu behaupten. Er verfiel keinem Wahnfried-Wahn, genoss aber die Rituale Bayreuths und freute sich über das Urteil Richard von Weizsäckers: "Wagner wird durch Wapnewski erst erträglich."

Im Kulturleben der Bundesrepublik hatte Peter Wapnewski eine starke Präsenz: Er konnte nur an einer Sitzung der Gruppe 47 teilnehmen, gehörte aber zum engeren Kreis um Hans Werner Richter, der sich nach Auflösung der Gruppe formte. Über einhundert Ausgaben der Fernsehsendung "Notenschlüssel" machten Wapnewski einem breiten Publikum bekannt. Seine Hörbücher wurden Bestseller, als Redner war er begehrt. Er war alles andere als ein Langweiler – die Madame Verdurins der bundesdeutschen Gesellschaft rissen sich um ihn.

1979 berief der Senator Peter Glotz Wapnewski an die Technische Universität und zum Gründungsrektor des Wissenschaftskollegs zu Berlin. Peter Wapnewski prägte das Wissenschaftskolleg, das sich Weltgeltung erwarb, aus Formwillen und Stilgefühl heraus. Die durch ihn geschaffene Originalität machte dann später notwendige Veränderungen leicht: Nur persönlichkeitsgeprägte Institutionen provozieren jene Veränderungslust, die sie lebendig erhält. Hinzu kam Fortüne.

Genießer der "plaisirs innocents"

Mit der Gründung des Kollegs hatte Peter Glotz auch wissenschaftsmoralische Ziele verbunden: In Berlin sollten geistige Verbindungen wieder geknüpft werden, die durch die Vernichtung und Vertreibung jüdischer, deutscher Wissenschaftler abgebrochen worden waren. Es war ein Glücksfall, dass es Wapnewski gelang, im ersten Jahr des Wissenschaftskollegs als den Ersten seiner Fellows Gershom Scholem zu berufen. Und welcher Weitblick, im Gründungsjahr des Kollegs, das auch das Gründungsjahr der Gewerkschaft Solidarnošc war, nicht weniger als vier der achtzehn Fellows aus Polen einzuladen!

Wer sich an Peter Wapnewski erinnert, wird nicht nur Walter von der Vogelweide und Wagner assoziieren. Wapnewski genoss die "plaisirs innocents", es gab in Deutschland nicht viele Gelehrte seines Ranges, die einen Hattrick von einem Hackentrick unterscheiden konnten. Peter Wapnewski hing an seinen kleinen Vorurteilen und war schon frühmorgens zu reizender Bosheit fähig.

Seine Haltung und sein unbedingter Stilwille erwuchsen aus Skepsis, sie waren ein Schutzschild. Wer das Glück hatte, ihn länger zu kennen, staunte, wie naiv dieser Spötter sein konnte. Auch ihn verlangte es, wie Nietzsche an Burckhardt schrieb, nach jener alten, vergangenen Welt, "für die die Menschen nicht einfach und still genug gewesen sind."

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