22.12.12

Kino

Ein neuer Stummfilm als Hommage an Murnau

Mehr als bloß ein gewagtes, rein ästhetisches Konzept: Der Regisseur Miguel Gomes inszeniert Teile seines Schwarzweiß-Liebesfilms "Tabu" ganz ohne Dialoge und lässt stattdessen Blicke sprechen.

Foto: Realfiction

Eine gefährliche Liebe: Aurora und Gian Luca. Die Charaktere auf der Leinwand bewegen ihre Lippen, bleiben aber stumm.
Eine gefährliche Liebe: Aurora und Gian Luca. Die Charaktere auf der Leinwand bewegen ihre Lippen, bleiben aber stumm.

Die Erinnerung spielt uns bisweilen Streiche, das tatsächlich Erlebte vermischt sich im Laufe der Zeit mit dem, was wir glauben, fühlen und auch einfach erfinden, um so die Lücken zu schließen, die durch das Vergessen entstehen.

Und um in der Retrospektive einen Sinn zu schaffen, das eigene Leben zu fassen. Es ist deshalb mehr als bloß ein gewagtes, rein ästhetisches Konzept, wenn der portugiesische Regisseur Miguel Gomes den zweiten, in einer längst vergangenen Epoche angesiedelten Teil seines Schwarzweißfilms "Tabu" ganz ohne Dialoge inszeniert.

Statt an die genauen Worte hat sich Anderes viel mehr eingeprägt – Blicke und Gesten, Geräusche oder ein Stück Musik. Die Charaktere auf der Leinwand bewegen ihre Lippen, bleiben aber stumm. Stattdessen wird die lange zurückliegende und unglücklich endende Liebesgeschichte zwischen einer verheirateten Frau und einem italienischen Draufgänger in einer Kolonie in Afrika von dem mittlerweile greisen Mann als Erinnerung aus dem Off erzählt.

Ehebruch, Portugal und Murnau

Das titelgebende Tabu ist ein mehrfaches. Es spielt auf den Ehebruch zu Beginn der Sechzigerjahre ebenso an wie auf Portugals unrühmliche Vergangenheit als Kolonialmacht. Und auch Murnaus gleichnamiger Stummfilmklassiker schwingt mit, auf den sich Gomes in seiner Hommage immer wieder bezieht.

Dem rätselhaften Prolog, in dem sich ein Entdecker aus Gram um den Tod seiner Frau einem Krokodil zum Fraß vorwirft, folgt der erste, im heutigen Portugal angesiedelte Teil ("verlorenes Paradies" betitelt) über ein paar schwermütige Frauen, darunter die alte, im Sterben liegende und mit Schuldgefühlen hadernde Aurora und ihre gutmütige afrikanische Magd, von der Alten der Hexerei bezichtigt.

Nach der Hälfte des Films springt er dann plötzlich in der Zeit zurück, ins "Paradies", als die junge Aurora, damals eine wohlhabende Farmersfrau in Afrika, sich in den Lebemann verliebte. Diese Umkehrung der Erzählung, bei dem das Ausgelassene des zweiten Teils im Wissen um die spätere Reue getrübt ist, erzeugt eine melancholische Grundstimmung, eine Sehnsucht nach was unwiederbringlich verloren ist, die "Tabu" zu einem traumhaft betörenden, vor Ambivalenzen flirrenden Filmerlebnis macht.

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