21.12.12

Suhrkamp-Verlag

Wie wollte Unseld sein Lebenswerk bewahren?

Es ist ein Mythos, dass Unselds Witwe Ulla Berkéwicz einst durch den Verzicht auf ihr Erbe Suhrkamp gerettet hat. Damals war der Verlag gar nicht vom Untergang bedroht – anders als heute.

Von Richard Kämmerlings
Foto: picture-alliance / dpa

Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld (1924-2002) und seine Frau Ulla Berkéwicz 1999. Ein Jahr nach seinem Tod trat sie seine Nachfolge an.
Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld (1924-2002) und seine Frau Ulla Berkéwicz 1999. Ein Jahr nach seinem Tod trat sie seine Nachfolge an.

"Arbeit am Mythos" ist einer der vielen zum geflügelten Wort gewordenen Suhrkamp-Titel. Und Mythen haben die jüngere Geschichte des Verlags immer schon umgeben und regen bis heute die Fantasie der Beteiligten wie der Beobachter an. Während die einen von heimlich entwendeten Pullovern erzählen, die einst mit dem Dienstjaguar zu schwarzmagischen Zwecken eiltransportiert worden sein sollen, von einer fest angestellten Verlagshexe aus der Ukraine, spiritistischen Sitzungen und Programmentscheidungen per Pendelschwingen, stilisieren die anderen den Mitgesellschafter Hans Barlach zum Beelzebub, der mit teuflischen Anwaltskünsten und kapitalistischen Schadenszaubereien den Verlag vernichtet.

Um Suhrkamp ranken sich aber auch profanere Mythen. Etwa der, der jetzt in der "FAZ" erneut verbreitet wurde: dass die Witwe nämlich die Fortführung des Verlags nach Unselds Tod 2002 durch ihren selbstlosen Verzicht überhaupt erst möglich gemacht habe: "Den Suhrkamp-Verlag gäbe es schon lange nicht mehr, wenn Ulla Berkéwicz auf den Pflichtteil des Erbes bestanden hätte."

Wozu diente die Stiftungskonstruktion?

Aber warum nicht? Dann hätte sie eben direkt den ihr zustehenden Teil des unseldschen Vermögens und der Verlagsanteile geerbt – und nicht eine Familienstiftung, deren Zweck neben der Wahrung verlegerischer Kontinuität bei Suhrkamp explizit die "angemessene Versorgung" der Witwe ist (die wiederum praktischerweise die Stiftung leitet). Ohne Stiftung hätte aber Unseld-Sohn Joachim stärker berücksichtigt werden müssen, der um die Höhe seines Pflichtteils einen langen Prozess führte (und verlor). Aber auch dies wäre für den Verlag kein Schaden gewesen; schließlich war er schon Gesellschafter.

Wie hatte sich Siegfried Unseld das alles gedacht? Im Rundbrief an die Autoren vom Dezember 2000 beschreibt er erstmals den Plan, seine Anteile an eine Stiftung zu geben. Seine Frau sei mit der Lösung einverstanden und werde "auch später ihr Vermögen der Stiftung übertragen". In ihrem programmatischen "Spiegel"-Interview nach der Übernahme der Geschäftsführung im Oktober 2003 sagte Ulla Berkéwicz: "Wir haben diese ganze Konstruktion ja nur deshalb geschaffen, weil auch ich über meine eigene Lebenszeit hinausdenke. Deshalb habe ich auf mein Erbe verzichtet und auch mein eigenes Vermögen der Stiftung vermacht."

Testamentarisch, so muss man das heute verstehen, denn Geld für ihre Berliner Villa ist ja offensichtlich reichlich vorhanden gewesen. Joachim Unselds Version zufolge wäre freilich das ganze Verzichtsgerede Humbug: Der Vater habe bereits im Ehevertrag mit Ulla Berkéwicz ihren Pflichtteilverzicht festgehalten – weil damals noch Joachim als Nachfolger vorgesehen war.

Wer ist der "legitime" Nachfolger?

Und später? Was Unseld nach dem ewigen Hickhack um potenzielle Kronprinzen in den Neunzigerjahren am Ende wirklich gewollt hat, ist höchst umstritten. Sollte die Witwe ihn auch als Verleger beerben? In einem Brief an die "FAZ", der der "Welt" vorliegt, hat sich Joachim Unseld jetzt gegen die angebliche "historische Klarstellung" der "FAZ" gewendet: "Siegfried Unseld hatte nie vor, Frau Berkéwicz die operative Leitung zu übertragen, sonst hätte er sie ja selbst noch zum Geschäftsführer der Holding bestellt. Mein Vater wollte dagegen, dass Günter Berg diese Position bekommt und hat dies auch schriftlich so festgelegt."

Berg, der damals auch in der Öffentlichkeit als neuer Suhrkamp-Verleger wahrgenommen wurde, ging im Herbst 2003, entmachtet. An die Autoren hatte Unseld noch im Dezember 2000 geschrieben "Die Stiftung wird nicht in die operativen Geschäfte der Verlage eingreifen" und unmittelbar danach Berg zum Verlagsleiter ernannt.

Historische Fragen sind für den aktuellen Streit unerheblich. Ulla Berkéwicz hat die Möglichkeiten, die sich ihr damals boten, genutzt. Ob das "legitim" war? So oder so, es war rechtmäßig. Es hätte andere Optionen gegeben, zu Unselds Lebzeiten und danach. Doch ist es müßig darüber zu spekulieren, ob man damit besser oder schlechter gefahren wäre. Eines steht fest: Dass Suhrkamp vor zehn Jahren hätte untergehen können und von Ulla Berkéwicz selbstlos gerettet wurde, gehört ins Reich der Mythen. Heute ist die Gefahr des Untergangs real.

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