28.12.12

Gerhart Hauptmann

Die Verzweiflungsschreie beim Jüngsten Gericht

Hauptmann-Dramen satt: Aus Anlass des 150. Geburtstags des großen Theaterautors bringt der Hörverlag 6 CDs mit Rundfunk-Bearbeitungen aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren. Ein Fest der Sprache.

Von Reinhard Wengierek
Foto: picture-alliance / Eventpress Ho

Gerhart Hauptmanns „Die Weber“, in einer Inszenierung von Michael Thalheimer im Deutschen Theater in Berlin
Gerhart Hauptmanns "Die Weber", in einer Inszenierung von Michael Thalheimer im Deutschen Theater in Berlin

Donner grollt aus dem Player. Wie aus weiter Ferne unaufhaltsam anschwellend, näher und näher kommend. Dann kracht's. Die Weber im schlesischen Eulengebirge anno 1844 schlagen um sich. Und hauen zu (Tumult auf CD, das Hauptmann-Drama als Hörspiel).

Denn: Noch schwerer schuften geht nicht. Noch weniger Geld heißt verhungern. Sie sind ganz unten. Wie gerade noch Lebende, schon halb im Grab. "Da is o kee Halt und keene Rettung" sagt der eine, der Weber Baumert (Walter Werner). Ein Wut-, ein Verzweiflungsschrei, als rufe er das Jüngste Gericht.

Und so stürmen sie denn einer Naturgewalt gleich ihres Blutsaugers Burg, die Villa des mitleidlosen Tuchfabrikanten Dreissiger (Alfred Schieske). Allein der alte Hilse (Franz Weber) hält gottergeben still. "Hie hat mich mei himmlischer Vater hergesetzt. Gell Mutter? Hie bleim mer sitzn und tun, was mer schuldig sin, und wenn d'r ganze Schnee verbrennt." Doch da rückt schon Militär an, die Revolte niederzuschießen. Der brave Hilse wird getroffen von einem Irrläufer. Tödlich.

Der Geist der Bergpredigt

Brecht kritisierte an den "Webern", Hauptmann illustriere bloß "Milieu"; Fontane bedauerte den Ausklang als "Anti-Revolutionsstück", räumte jedoch ein, "kein berechnender Politiker" habe den "revolutionären Stoff" gefasst, sondern "ein echter Dichter, den einzig das Elementare, das Bild von Druck und Gegendruck reizte".

Der Autor selbst fragte sich am Ende seines Lebens, mit 81 Jahren, wieso "ein so kleines lokales Ereignis" durch sein Drama, das er als Endzwanziger schrieb, "über die ganze Welt" gegangen sei. Und weiß gleich die Antwort: "Wohl weil irgendetwas in vielen Ländern Gemeinsames damals mitschwang. Etwas vom Geiste der Bergpredigt ist ja überhaupt in meiner Dichtung."

Dieserart mit dem Nobelpreis gesegnete Mitleids-Dichtung im Geist des "Selig-sind die geistig Armen…", die vermochte derart aufzuputschen, dass die preußische Zensur die Aufführung der "Weber" verhinderte. Erst nach spektakulären politischen Prozessen kam es 1894 im Deutschen Theater Berlin, fortan Hauptmanns getreue Uraufführungsbühne, zur ersten öffentlichen Aufführung unter "Jubelgebrüll" des Publikums. Der Kaiser kündigte prompt seine Loge: "Demoralisierende Tendenzen!"

Archetypische Schicksalsmächte

Einar Schleef befand, "Die Weber" seien die erste deutsche antike Tragödie. Dabei heißt es, Hauptmann sei Naturalist. Gewiss, aber immer steckt in seinen genau gezeichneten Figuren des Menschen ewige Physiognomie. Im Wirrwarr des Einzelnen dräut zugleich Archetypisches – walten "unabirrbare Blutbeschlüsse der Schicksalsmächte" (Hauptmann).

So sehr seine "naturalistischen" Dramen wie "Die Weber", "Der Biberpelz", "Fuhrmann Henschel", Michael Kramer", "Die Ratten", alle entstanden um 1900, herausgekommen am Berliner Deutschen Theater und jetzt in einer Hörspiel-Kassette vereint (plus das 1932er Spätwerk "Vor Sonnenuntergang"), so sehr diese Dramen glühende Zeitstücke sind, sind sie doch vor allem grandiose Kunststücke.

Eben nicht allein durch die präzise Zeichnung der Milieus und der Figuren, sondern durch deren tragische Grundierung. Was das lebenspralle Hauptmannsche Stücke-Personal immer auch, pathetisch gesagt, zu Menschenopfern werden lässt. Wie die armen Weber, der unglücklich liebende Fuhrunternehmer Henschel (Walter Richter) oder der mit glücklicher Liebe ins Unglück fallende Geheimrat Clausen (Heinz Hilpert), wie das mit Kinderlosigkeit geschlagene Muttertier Frau John (Traute Rose) oder die an Kunst- und Daseinsansprüchen scheiternden Vater und Sohn Kramer (Albert Bassermann, Hans Quest) und auch das freche Waschweib Wolff (Therese Giehse) und der wahnwitzige Amtmann Wehrhahn (Kurt Horwitz) in der Komödie vom geklauten Biberpelz. Freilich, ihr Milieu mag fern sein. Aber ihr Fühlen, Denken, Handeln hat sehr viel zu tun mit uns. Auch durch starke Sprache.

Wucht der Sprache

Ja, die Wucht der Sprache! Deren Macht, die vom gegenwärtigen Theater so leichtfertig gern gering geschätzt wird, vermag sich in diesem Sechser-Pack hochkonzentriert zu entfalten. Dafür stehen allein schon die bereits genannten Namen; sie gehören sämtlich in die ferne Zeit des deutschen Nachkriegstheaters. Denn jenes halbe Dutzend zentraler Stücke dieses Autors wurde von verschiedenen westdeutschen Sendern in den 50er- und Anfang der 60er-Jahre als komprimierte Hörspielfassungen produziert. Freilich, in aller sprechtechnischen Virtuosität der Stars von damals schwingt zuweilen ein befremdlich deklamatorischer Ton mit. Staatstheater-Patina.

Gelassenere Ohren mögen da eine feine Art der Verfremdung heraushören; eine besondere Würze aus dem goldenen Fonds des deutschen Theaters, das hier zum Welttheater wurde. Natürlich, ein jedes Stück gehört der Bühne, will gesehen, will gespielt sein. Doch bei den besten geht's auch ohne – allein mit Hören; die Inszenierung erblüht im Kopf.

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