01.01.13

Roman

Die vier Leben einer geheimnisvollen Frau

Jenny Erpenbecks neuer Roman "Aller Tage Abend" erzählt von der vierfachen Wiedergeburt eines Mädchens, die durch das 20. Jahrhundert irrt und all seine Schrecken sehen muss.

Von Ruth Klüger
Foto: Getty Images/Flickr RF

Sie erscheint in Moskau, Wien und Brody, stirbt und wird wiedergeboren. Ein Mysterium
Sie erscheint in Moskau, Wien und Brody, stirbt und wird wiedergeboren. Ein Mysterium

Unter den Vorzügen von Jenny Erpenbecks neuem Roman "Aller Tage Abend" fällt der Leserin zuerst die ungewöhnliche und originelle Handlungsstruktur auf. Er beginnt im galizischen Brody am Anfang des 20. Jahrhunderts, wo ein Monate alter Säugling stirbt und nach jüdischem Ritual begraben und betrauert wird. Sicher nicht von ungefähr wählt die Autorin für den Ursprung ihrer Protagonistin die Geburtsstadt Joseph Roths, des großen Berichterstatters von der Beerdigung der Donaumonarchie. Das tote Kind wird im nächsten Kapitel zum Leben erweckt, wenn die Erzählerin spekuliert, was aus ihm hätte werden können.

Nun folgen die möglichen Lebensläufe dieses Mädchens oder dieser Frau, die in verschiedenen Stadien noch dreimal durch eine Reihe von Unfällen ums Leben kommt, und jedes Mal, vom Zufall oder von auktorialer Fantasie, zum Weiterleben verurteilt wird. Die Schauplätze sind Galizien, Wien, Sowjetrussland, die DDR und das vereinigte Deutschland. Vor jeder dieser Kulissen lebt und stirbt die Heldin, auf einer Sprachebene, die man als langatmig oder als poetisch bezeichnen kann, vielleicht ist sie manchmal das und dann wieder jenes.

Die Morde des 20. Jahrhunderts

"Verurteilt" ist das richtige Wort. Denn dieser Roman ist im Grunde freudlos, erfüllt von psychologischer Misere und den großen gewaltsamen Umbrüchen des 20. Jahrhunderts. Das erste Grauen ist die unerbittliche Beschreibung, wie der Großvater von polnischen Männern, die ihn zeit ihres Lebens kannten, zerfetzt und erschlagen wird. Die Gründe, oder auch nur die Umstände, die zu dem Verbrechen führten, bleiben verborgen. Man verlässt sich darauf, dass der Leser mit der Tatsache von Pogromen vertraut ist. Doch wenn diesem Mord, der 1920 stattfindet, übergangslos ein Sprung nach Birkenau im Jahr 1944 folgt, so sträubt sich die Rezensentin gegen die angepeilte Erschütterung.

Um dem Ersten Weltkrieg zu entgehen, zieht die Familie nach Wien. Dort herrschen Elend und Ungerechtigkeit, Verfall und psychische Depression, die im Falle der halbwüchsigen Heldin zum Selbstmord (aus Liebeskummer) führt. Die Beschreibung der Nachkriegswehen in der hungernden Großstadt besticht zuerst durch die Intensität der Wahrnehmung und ermüdet dann durch allzu viel Genauigkeit.

Eine treue Kommunistin

Nach der Hungerzeit in Wien, treffen wir "sie" wieder als erwachsene Frau in Moskau, wohin sie aus Österreich geflüchtet war. Sie ist eine treue Kommunistin gewesen, doch ihr Glaube an das System ist zerrüttet durch die verkehrte moralische Welt im sowjetischen Russland. Nun schreibt sie einen offiziellen Lebenslauf für eine Behörde, um sich und ihren Mann zu retten. Während des Schreibens denkt sie darüber nach, wer sie wirklich ist, und dringt somit zur Kernidee des Buches vor: "War sie überhaupt jemals dieselbe? Gab es auch nur zwei Momente in ihrem Leben, in denen sie mit sich selbst vergleichbar war? War nicht das Ganze das Wahre? Oder war alles Verrat?" Der Rettungsversuch scheitert, sie wird in ein Arbeitslager deportiert und erfriert dort.

Eine weitere Überraschung bietet Erpenbecks Weigerung, den Romanfiguren Namen zu geben. Wie im expressionistischen Theater des frühen 20. Jahrhunderts sind sie der Vater, die Mutter, die Tochter, die Kleinere und die Größere, später der Sohn, das heißt, sie existieren nur in Beziehung zueinander, dann aber wieder in der Isolation des Einzelnen, der sterben muss.

Geistreiche Erzählerin

Diese Methode ist insofern geistreich, als sie uns das Spannungsfeld von Miteinander/Alleinsein vor Augen führt, und sie fasziniert anfänglich, erschwert aber das Lesen durch mögliche Verwechslungen, wo die Generationen aufeinandertreffen. Später im Roman werden Nebenpersonen manchmal mit Initialen bezeichnet (der Genosse G, die Genossin H), und am Ende, als die Heldin in einem Altersheim endgültig stirbt, heißt sie zu unserem Erstaunen plötzlich Frau Hoffmann. Warum? Hat sie sich das Recht auf einen Namen in 90 Lebensjahren und 250 Romanseiten erworben? Man fragt sich, ob hier ein verborgener Sinn oder nur ein erzählerischer Trick vorliegt.

In ihrem vierten Leben hat "sie" die sowjetische Verfolgung überstanden und sich in der DDR eine Existenz als geachtete Schriftstellerin aufgebaut. Als Folge ihrer Dickleibigkeit stürzt sie eine Treppe hinunter und stirbt. Wie in den vorhergehenden Kapiteln wird der zufällige Tod durch eine ebenso zufällige Lebensrettung aufgehoben, die es ihr erlaubt, ihr Leben in der Bundesrepublik zu beschließen.

Im Gulag

Ihr Sohn, den sie als Kleinkind aus dem sowjetischen Lager mitgebracht hat, versucht zu erraten, wer sie wirklich war, denn sie hat ihm wenig erzählt, und so verkörpert er die Ratlosigkeit einer späteren Generation in einer Gesellschaft, die zu schnell von Todesgefahr in unerhofften Wohlstand geschlittert ist. Seine Trauer am Ende schließt den Ring, der sich mit der Trauer um den Säugling öffnete.

Erpenbecks Versuch, das persönliche Schicksal eines Menschen des 20. Jahrhunderts in die Ideologien und die Katastrophen der Zeit einzugliedern, gelingt und misslingt abwechselnd. Stellenweise, so scheint mir, führt die Methode zum Nachdenken: Man legt das Buch beiseite und lässt sich das Gelesene durch den Kopf gehen. Dann wieder sind die einzelnen Abschnitte zu detailüberladen und die Details zu bekannt, sodass man versucht ist, ganze Seiten zu überspringen. Es steckt viel Intelligenz in diesem Plan, fünf Lebensläufe als einen darzustellen, aber die Ausführung ist schwach. Man kann auch sagen: Der Funke fehlt.

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