21.12.12

"Krekeler killt"

Verliebte Mathelehrer sind so was von gefährlich

In Japan ein Millionenseller, bei uns eine Entdeckung: Keigo Higashino lässt zwei Superhirne aufeinander los. Es geht um Mathe, einen fast perfekten Mord und die Grenzen logischen Denkens.

Von Elmar Krekeler
Foto: Infografik Die Welt

Keigo Higashino (Jg. 1958) ist studierter Elektroingenieur und Bogenschütze. In seinen Kriminalromanen ermitteln der kopflastige Physiker Yugawa und der bauchlastige Kommissar Kunagawa gemeinsam. Eines der coolsten Duos seit Watson und Holmes
Keigo Higashino (Jg. 1958) ist studierter Elektroingenieur und Bogenschütze. In seinen Kriminalromanen ermitteln der kopflastige Physiker Yugawa und der bauchlastige Kommissar Kunagawa gemeinsam. Eines der coolsten Duos seit Watson und Holmes

Irgendwann hat es ihn selbst für den größten Rechentrottel mal gegeben. Den Moment, an dem man anfing zu grinsen. Man hatte sich die Stirn blutig gerechnet an einer Aufgabe. Und gerechnet und gerechnet. Dann fiel's einem wie Schuppen von den Hirnzellen, die Lösung war da, stand da, und sie war so einfach, dass man grinsen musste. Unbedingt.

Über gute Kriminalromane muss man, sie sind eben eigentlich nichts anderes als Textaufgaben, deren Lösung man hinterher liest, auch so grinsen. Ein bisschen debil sieht man dabei aus, und ein bisschen glücklich. Keigo Higashinos "Verdächtige Geliebte" – ein Millionenseller in Japan, nominiert für den Edgar Allan Poe-Award, nicht verwandt und verschwägert mit Haruki Murakamis "Gefährliche Geliebte" – ist unbedingt ein guter, ein großer Kriminalroman.

Das Logikduell zweier Genies

Grinsen muss man unweigerlich. Glücklich wird am Ende aber keiner. Abgesehen vom Leser natürlich.

Higashino lässt zwei Superhirne aufeinander los. Einen Physiker, Professor an der Kaiserlichen Universität zu Tokio, und einen Mathematiker, Lehrer an einer privaten Tokioter Oberschule. Wer aufgrund negativer pädagogischer Erinnerungen in beiden Fächern an dieser Stelle aussteigen möchte, ist entschuldigt, verpasst allerdings einen der klügsten, gewitztesten, raffiniertesten Kriminalromane des Jahres.

Keigo Higashino ist ein fabelhafter, fabelhaft penibler Erzähler (dass ihm trotzdem nicht von hier bis um die Ecke zu trauen ist, erwähnen wir jetzt nur am Rande). Sorgfältig breitet er sein geografisches und gesellschaftliches Spielfeld aus: Tokio zwischen denen ganz unten, denen ohne Obdach am Fluss und denen in unaufgeräumten, leeren Wohnungen mit pappedeckeldünnen Wänden, zwischen Nachtclub und Kommissariat, Imbiss und Uni.

Dann stellt er seine Figuren darauf: Ishigami, das Mathematikgenie, das sein Leben dem Lösen unlösbarer Probleme widmet, einer mit geradezu unheimlichem, sherlockeskem Deduktionsvermögen, die schöne Yasuko, Ishigamis Nachbarin, allein erziehende Mutter, ehemalige Nachtclubbedienung, jetzt Bento-Box-Verkäuferin, und ihre Tochter.

Der Kommissar und der Physiker

Togashi, der Mann, mit dem sie verheiratet war, der sie schlägt, sie erpresst, Kusanagi, Kommissar mit großem Vertrauen auf den Instinkt, und Yukawa, Bewunderer Ishigamis, in Physik was Ishigami in Mathematik ist, großer Deduzierer. Mehr gibt's eigentlich nicht – sieht man von einem Galan Yasukos ab, der aber nur als Handlungskatalysator dient.

Sie sind noch nicht alle aufgestellt in den Kulissen dieses Kammerspiels, da ist schon einer tot, liegt nackt, mit zerschmettertem Gesicht und abgefackelten Fingerkuppen am Ufer des Flusses.

Und wir wissen auch, glauben es zumindest, wie es geschah. Wie Yasuko den gruseligen Schläger Togashi umgebracht hat. Ungefähr um wieviel Uhr sogar und welchen Anteil ihre Tochter daran hatte.

Mit logischem Denken überleben wir alles

Ishigami, das Superhirn von nebenan, hat seine Hilfe angeboten. Er entwickelt einen Plan. "Mit logischem Denken werden wir alles heil überstehen", sagt er. Es klingt wie Pfeifen im Dunkeln.

Denn eigentlich müsste zumindest er wissen, dass sein logisches Denken, von dem Yukawa immer so schwärmt, gerade herb eingetrübt ist. Isigamis Herz nämlich kommt seinem Kopf ins Gehege. Er liebt Yasuko, für die er nicht mehr ist als ein feiner Riss in der Wand. Er liebt sie von Ferne, ohne Hoffnung.

Das mit den Gefühlen hat er nicht zu Ende berechnet, das ist unvorstellbar auch für Yukawa, den Detektiv Galileo (so heißt die Kusanagi-Yukawa-Reihe, die hoffentlich auch bei uns fortgesetzt wird, in Japan), der auf der anderen Seite des Spielbretts sitzt und die Züge Ishigamis analysiert.

Unser Mathelehrer war auch ein armes Schwein

Rechenmaschinen wäre das nicht passiert. Rechenmaschinen hätten den perfekten Mord hinbekommen, der Ishigami fast gelingt. Ein blutiges Schachspiel inszeniert Keigo Higashino in seiner eigenwillig kühlen, karg-leuchtenden Prosa, die Ursula Gräfe, die deutsche Stimme Haruki Murakamis, herausragend übersetzt hat.

Die literarische Version einer hinterlistigen Aufgabe, die Ishigami gern seinen Schülern stellt. "Eine Aufgabe, die aussieht wie aus der Geometrie, doch in Wirklichkeit erfordert sie eine algebraische Lösung."

Es geht um die Grenzen des logischen, des systemischen Denkens, die Konstruktion einer Geschichte über einer Geschichte, das Scheitern einer Formel, die man mal für absolut vollkommen gehalten hat, und um die klassische Mathematikerfrage, was schwieriger (und schöner) ist, ein unlösbares Problem zu schaffen oder es zu lösen.

Die Antwort auf diese Frage aus Sicht auch des mathematisch minderbemittelten Krimilesers ist ein beherztes "Wurscht". Wenn derart schöne Kriminalromane dabei entstehen. Am Ende vertreibt Verzweiflung alle Coolness. Und man leistet Abbitte beim Mathematiklehrer, beim eigenen wie bei Higashinos. War eigentlich ein armer Kerl.

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