20.12.12

Mark-Twain-Film

Spiel mir das Lied vom Huckleberry

Hermine Huntgeburth macht aus den "Abenteuern des Huckleberry Finn" einen Italowestern mit Tiefgang. Eine launige Schauspieltruppe – darunter August Diehl, Henry Hübchen und Kurt Krömer – ist dabei.

Von Elmar Krekeler

Jetzt lassen wir mal Hemingway weg und dessen Satz, dass die gesamte moderne amerikanische Literatur von einem Buch von Mark Twain abstamme – "Die Abenteuer des Huckleberry Finn", erschienen 1885 – und es danach nichts gleich Gutes gegeben habe. Von so einem Satz erholt sich ein Kinderfilm nämlich nicht mehr, der just dieses Buch zur Vorlage hat.

Andererseits hat Hemingway natürlich recht. Huck Finn ist der erste richtige Held eines großen amerikanischen Gesellschafts- und Entwicklungsromans. Zu klein werden darf Huck also nicht, wenn er mit dem Neger Jim den Mississippi runterflößt, der Freiheit entgegen. Und um gleich mit dem Positiven über Hermine Huntgeburths Huck-Film um die Ecke zu kommen: Der dreikäsehohe Freigeist aus der Tonne von St. Petersburg (Missouri) hat schon eine ziemlich ordentliche Statur.

Es geht schließlich um nicht gerade wenig. Darum, was Geld, was Reichtum aus Menschen machen kann, um den wahren Wert von Freundschaft, um eine Freundschaft über Rassenschranken hinweg, um die Geburt einer Nation aus den Fesseln der Sklaverei. Und um das Lieblingsthema unseres Lieblingsbundespräsidenten. Um Freiheit, seine Begrenzungen, seine Definition. Ganz schön harter Stoff.

Für Huck ist Reichtum ein Fluch

Eigentlich. Hermine Huntgeburths Huck schleppt all die Untergründe der Geschichte mit auf seiner Reise in die Freiheit, sicher verpackt in den Satteltaschen eines Italowesterns, immer zum richtigen Zeitpunkt schauen sie daraus hervor. Verlässlich schippern, reiten, rasen Jim und Huck, verfolgt von einem extrem spiellaunigen Trupp deutscher Spitzenmimen, durch alle entscheidenden Episoden und streifen alle wichtigen Themen der Vorlage. Und nur ganz selten merkt man, wie sehr sich der Kleine abmüht mit den Satteltaschen. "Die Abenteuer des Huck Finn" ist der legitime Nachfolger von Huntgeburths "Tom Sawyer". Ein erstaunlich leichtgewichtiges Schwergewicht.

Es führen – das zeigt Huntgeburth deutlich – in diesem Epos zwei Gleise in die Freiheit. Huck Finn, damit geht's unter einem senffarben sonnigen Himmel los, fährt auf dem einen. Er hat sie gerade verloren, die Freiheit, als er mit Kumpel Tom, der wie Heike Makatschs Tante Polly hier nur kurz vorbeistrudelt, den Schatz des Indianers Joe gefunden hat. Nun wird er zum ehrbaren Mitglied der St. Petersburger Gesellschaft hochgeschniegelt. Pomadisiertes Haar, Anzug, rechnenschreibenlesen. Er hasst das.

"Jetzt", lernt jedes Kind gleich am Anfang die Folgen vermeintlicher materieller Sorglosigkeit kennen, "wo ich reich bin, bin ich nicht mehr frei". Der Schatz des Indianers Joe ist, was Reichtum gerne ist, ein Fluch. Kaum hat sich Huck vom Joch der bürgerlichen Existenz frei gemacht, hängt ihm sein Erzeuger an den Fersen, August Diehl spielt den lebervergessenen Vater mit derart verwilderter Inbrunst aus der Hölle hervor, dass einem wirklich Angst werden kann.

Für Jim geht es ums Überleben

Jim, der Sklave, fährt auf dem anderen Gleis in die Freiheit. Hucks Unfreiheit ist ihm ein Luxusproblem. Jim hat keine Wahl. Ihm geht's ums nackte Überleben. Er muss nach Ohio, wo die Sklaven Menschen sein dürfen, und zurück, seine Familie befreien. Die Reibereien zwischen den beiden Freiheiten, zwischen Huck, dem Freiheitshelden aus freien Stücken, und Jim, dem Freiheitshelden aus existenzieller Notlage, sind die Basis von allem, was Hermine Huntgeburth und ihr bewährter Mark-Twain-Buchverknapper Sascha Arango aus Twains Mississippi-Epos heraussprudeln lassen.

Wobei Hucks Satz vom Reichtum, der die Freiheit kostet (inzwischen dürfte das Wort in diesem Text so oft vorkommen wie in einer durchschnittlichen Präsidentenrede) schon der Gipfelpunkt des Moralinsauren ist. Der Rest ist Irrsinn, ist böser Spaß und gemäßigtes Gruseln. Den beiden Heroen hinterher (und an drastischer historischer Kulissenmalerei vorbei) reitet, schippert, scheitert eine halbe Fußballmannschaft herrlicher Knallchargen. Die Sklavenjäger Henry Hübchen, Milan Peschel und Andreas Schmidt gehen eine unheilige Allianz ein mit August Diehl und den irren Gauklern Michael Gwisdek (König) und Kurt Krömer (Herzog).

Es wird immer surrealer. Hinter jeder ernsten Ecke schlägt der Slapstick zu. Westernmusik galoppiert durch Sebastian Edschmids fabelhafte Bilder. Das Donaudelta und die Havel sehen dem Mississippi zum Verwechseln ähnlich. Jacky Ido ist ein Jim von sehr erstaunlicher Statur, Leon Seidel der geradezu idealtypische Huck, ein nachdenklicher Rumtreiber, den jeder als Sohn gerne hätte.

Der Himmel ist hoch. Am Ende sind alle frei. Dem Bundespräsidenten wird's gefallen. Mark Twain wahrscheinlich auch. Vergesst Hemingway.

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