20.12.12

Sex und Gewalt

Wie Märchen der Gebrüder Grimm jugendfrei wurden

Vor 200 Jahren veröffentlichten die Grimms ihre Märchensammlung in Berlin - doch in der "entschärften" Version ohne Erotik und Gewalt.

Von Eva Lindner
Foto: Getty Images/Stock Illustration Source Getty images
Rotkäppchen: Die Märchen der Brüder Grimm wurden bereits in 170 Sprachen übersetzt
Rotkäppchen: Die Märchen der Brüder Grimm wurden bereits in 170 Sprachen übersetzt

Es war einmal ein kleiner Junge. Obwohl er schon sechs Jahre alt war und bald in die Schule kommen sollte, hatte er vor einer Sache immer noch große Angst: Er fürchtete sich vor dem dunklen Wald. Jedes Mal, wenn seine Eltern mit ihm spazieren gehen wollten, fing er kurz vor der Baumgrenze an zu weinen. Er tobte, bis sein Kopf rot anlief. "Da ist die Hexe drin, die frisst Kinder", schrie er.

Diese Geschichte ist kein Märchen, sondern die wahre Geschichte über ein Kind, das verängstigt ist, weil es im Alter von vier Jahren das Märchen "Hänsel und Gretel" gehört hat. Nicht mal seine Tante Iljana Planke, die seit 17 Jahren Märchenerzählerin ist, konnte ihm ausreden, dass im Wald eine kannibalische Hexe wohnt.

Sie selbst hätte ihrem Neffen bestimmt nicht genau diese Geschichte der Brüder Grimm erzählt. "Manche Märchen", sagt die 45-Jährige, "überfordern Kinder in ihrer Erfahrungswelt, sie können dann nicht mehr zwischen Geschichte und Realität unterscheiden." Kinder, die deshalb jahrelang schlecht träumen oder Neurosen entwickeln, kenne sie zur Genüge. Hänsel und Gretel sei ein brutales, grausames Märchen, also nichts für Kinder, sagt sie.

Ursprünglich waren die Erzählungen von Prinzessinnen, Riesen, verwunschenen Traummännern, Flüchen, Zaubersprüchen, sprechenden Tieren und bösen Hexen auch nicht für die Kleinen gedacht. Märchen galten als Unterhaltungsgeschichten – oft gruselig oder obszön –, die sich Erwachsene abends, wenn die Kinder im Bett waren, bei geselligen Runden vor dem Kamin erzählten.

Urfassung der Märchen war ein Verkaufsflop

Ihre Ursprünge haben die Märchen in jahrtausendealten Sagen und Legenden, seit jeher werden sie mündlich überliefert und erhalten von Erzähler zu Erzähler immer auch eine subjektive Note.

Der romantische Dichter Clemens Brentano wollte Anfang des 19. Jahrhunderts ein Märchenbuch herausgeben. Also bat er zwei junge Studenten, als seine Praktikanten zu arbeiten und Geschichten zu sammeln. Die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm schrieben daraufhin drei Jahre lang Texte aus alten Büchern zusammen.

Sie suchten bei Hans Sachs, Luther und Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen, aber auch in französischen Sammelbänden der Aufklärung, in der Barockliteratur, und sie ließen sich mündlich Geschichten zutragen.

Als sie fertig waren, interessierte sich Brentano nicht mehr für die Arbeit der Brüder. Weil die Grimms aber fürchteten, dass die Erzählungen verloren gehen könnten, gaben sie vor 200 Jahren, am 20. Dezember 1812, in Berlin eine Anthologie heraus. Doch keiner wollte sie lesen, das Buch war ein Flop.

Erst als Wilhelm Grimm die Geschichten überarbeitete, die Texte kindgerechter machte, mit Bildern versah und die wissenschaftlichen Anmerkungen seines Bruders Jacob herausstrich, wurden die "Kinder- und Hausmärchen" zum Erfolg.

Erzählerin, Sängerin und Schauspielerin in einer Person

Die Erzählungen wurden mittlerweile in 170 Sprachen übersetzt und gehören heute zu den bekanntesten Schriften weltweit. Und immer noch scheinen sie modern zu sein: Im Grimm-Jubiläumsjahr brachte Hollywood allein zwei Verfilmungen von Schneewittchen auf den Markt, in Berlin gab es Märchentage, eine Lange Nacht der Märchenerzähler und eine Märchenfilmreihe.

Auch die beiden Berliner Schulklassen, die an diesem Morgen auf einer Veranstaltung des Vereins "Märchenland" der Erzählerin Planke lauschen, kennen Grimms Geschichten gut. Auf bunten Kissen liegen oder sitzen sie vor ihr und hören zu, als sie die Geschichte vom tapferen Schneiderlein zum Besten gibt.

Die 45-Jährige muss zwar nicht wie Prinzessin Scheherazade aus "Tausendundeiner Nacht" Geschichten erfinden, um ihr Leben zu retten, aber bei Berliner Schülern ist es nicht mit dem Erzählen allein getan.

Wer die Aufmerksamkeit von Siebenjährigen fesseln will, muss sich schon mehr ins Zeug legen. Also spielt Planke sowohl den Schneider als auch den Riesen und die Königstochter, sie ist Erzählerin, Sängerin und Schauspielerin gleichzeitig.

Sie trägt ein gelbes Samtkleid mit bodenlangen Zipfeln an den Ärmeln, geht vor den Kindern auf ihrer imaginären Bühne auf und ab und erspielt sich am Ende ihren Applaus und ihre Herzen. Nur eine Schülerin ist während der Vorstellung in einen dornröschengleichen Schlaf gefallen, eine Mitschülerin muss sie wecken.

Aus der Realität in andere Welten abtauchen

Was haben diese jahrtausendealten Geschichten, dass sie selbst Kinder im 21.Jahrhundert noch faszinieren, deren Interesse sich sonst auf Computerspiele und Fernsehen beschränkt und die oft glauben, dass Bambi und Mogli Märchenfiguren sind?

"Kinder lieben es, in andere Welten abzutauchen. Die Märchen sind so voller uralter Weisheiten, Sehnsüchte und Ideen, das erahnen schon die Kleinen", sagt Planke. "Außerdem beschäftigen die Geschichten sich mit den großen Fragen des Lebens, mit Liebe, Hoffnung, Tod, Verlust und Angst und zeigen Lösungen für Probleme auf." Das Gleiche begeistere aber auch Erwachsene.

Die Märchenerzählerin trägt ihre Geschichten auch Älteren vor, auf Betriebsfeiern, Geburtstagen, in Seniorenheimen, Krankenhäusern und Gefängnissen. Verbrechern könne man aber natürlich nicht mit Aschenputtel kommen, ihnen erzählt sie lieber Sagen über Sternbilder aus Kanada. "Märchen schaffen eine besinnliche Atmosphäre", sagt sie, "sie bilden einen Gegenpol zu unserer hektischen Zeit und wirken beruhigend."

Mehr als 160 Märchen aus Afrika, Asien, Südamerika und Europa hat sie im Kopf, ohne dass sie dafür viele Bücher liest. Sie sammelt ihre Märchen im traditionellen Sinne, durch mündliche Überlieferung. "Ich lasse mir die Märchen auch erzählen, nämlich von Menschen, die aus anderen Ländern kommen. Ich frage sie dann immer nach den Geschichten, an die sie sich noch aus ihrer Kindheit erinnern."

Die Familie als Ort der Sehnsucht

Sie selbst werde oft gefragt, warum man mit den deutschen Märchen Kindern so eine Angst mache. Wie mit Hänsel und Gretel, dem Geschwisterpaar, das die Eltern im Wald aussetzen, das sich verirrt und in die Hände einer Hexe gerät, die das Mädchen versklavt und den Jungen mästet – mit dem Ziel, ihn aufzuessen.

Diese Frage beschäftigt auch den Berliner Literaturwissenschaftler Steffen Martus. Er hat eine Doppelbiografie über Jacob und Wilhelm Grimm verfasst. "Die Brüder Grimm bedienen die Lust an der Gewalt", sagt er, "in den Märchen kann sie ausgelebt werden."

Die Gewaltsamkeit sei ursprünglich durch die sanfte, beruhigende Erzählstimme der Mutter ausgeglichen worden. So hätte man den Kindern immer Sicherheit durch die Familie vermittelt. Heute bemerke er eine rückwärtsgewandte Faszination junger Berliner Familien für die Strukturen einer bürgerlichen Kleinfamilie.

"Wenn man nach Prenzlauer Berg schaut, gilt die Familie wieder als Sehnsuchtsort, an dem konservative Werte vermittelt werden", sagt Martus. Märchen zu erzählen sei Teil dessen und sehr zeitgemäß.

Dass manche Grimm-Stücke einfach zu brutal für Kinder sind, findet auch Jan Zimmermann. Der Regisseur inszeniert deshalb mit seinem Volkstheater-Ensemble Hexenkessel noch bis Ende Februar in der Märchenhütte im Monbijoupark Kindermärchen und getrennt davon Erwachsenenmärchen – ab 18 Jahre. Fast alle Vorstellungen sind schon ausverkauft.

Erotik findet in den Köpfen statt

Das Spreeufer gegenüber dem Bode-Museum: Vor der Märchenhütte brennt ein Lagerfeuer, drinnen sitzen die Erwachsenen bei Glühwein und Lebkuchen. An diesem Abend zeigen zwei Schauspieler "Rapunzel" und "Der Wolf und die sieben Geißlein".

Die Stücke sind launig-unterhaltsam inszeniert, ein bisschen schaurig und sogar erotisch. Da kokettiert Rapunzel heftig mit dem Prinzen, und wo bei den Grimms der Wolf die Geißlein frisst, ist es in der Inszenierung Zimmermanns der Mann, der sich die Frau einverleibt. "Die Märchen sind mehrdimensional, sie lassen Interpretationsspielraum für verschiedene Lesarten", sagt Regisseur Zimmermann.

Erotik werde auf der Bühne aber nur angedeutet, sie finde eigentlich in den Köpfen der Zuschauer statt. "Die Märchen spiegeln uns wider, sie bilden Erfahrungen, Gefühle und Ängste ab, die in uns schlummern." Es gebe daher immer einen Moment der Selbsterkenntnis.

Die Urfassung der grimmschen Märchen geizte tatsächlich nicht mit Reizen. Beim "Froschkönig", der ersten Geschichte in der Sammlung der "Kinder- und Hausmärchen", heißt es ursprünglich: "Sie warf den Frosch gegen die Wand, da fiel ein schöner junger Prinz ins Bett, und sie schliefen vergnügt miteinander ein."

Der Mutterkomplex von Wilhelm Grimm

Wilhelm Grimm überarbeitete die Fassung, ließ das Bett zwar übrig, die beiden aber vorher heiraten. Er enterotisierte auch "Dornröschen", aus "sie" wurde "es", ab der dritten Auflage heißt es, "er bückte sich und küsste es". Auch soll Wilhelm Grimm einen Mutterkomplex gehabt haben, er verwandelte alle bösen Mütter der Geschichten in böse Stiefmütter.

Für Regisseur Zimmermann sind Grimms Märchen heute noch "zeitlos genial". Die Geschichten eines Hans Christian Andersen brauche man damit gar nicht zu vergleichen. "Das sind Kunstmärchen ohne Metaebene, die sich ein Mensch ausgedacht hat", sagt er, "Grimms Märchen dagegen sind in der Volkssprache erzählt, sie sind authentisch und reich an Lebenserfahrung vieler Generationen."

Sie werden auch weiterhin weltweit in Kinderzimmern oder zwischen Erwachsenen erzählt werden. Denn schließlich heißt es ja auch: Und wenn sie nicht gestorben sind…

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