20.12.12

Frankreichs Kriege

Die Faszination, als Soldat zu kämpfen

Die Franzosen fremdeln genauso wie die Deutschen gegenüber ihren Berufssoldaten. Der Schriftsteller Alexis Jenni will das ändern. In einem preisgekrönten Roman erzählt er von Frankreichs Kriegern.

Von Tilman Krause
Foto: AFP/Getty Images

Französische Fallschirmspringer in der Schlacht von Dien Bien Phu am 2. April 1954
Französische Fallschirmspringer in der Schlacht von Dien Bien Phu am 2. April 1954

Um gleich einem Missverständnis vorzubeugen: In diesem Buch wird nicht der Krieg verherrlicht. Er wird noch nicht einmal ästhetisiert. Der Titel "Die französische Kunst des Krieges" trieft nur so von bitterer Ironie. Schließlich wurde dieser Roman von einem Franzosen geschrieben, der seine Lektionen aus dem 20. Jahrhundert gelernt hat. Und da steht sein Land nun mal seit der Niederlage von 1940 in militärischer Hinsicht nicht gerade glänzend da.

Die "beste Armee der Welt", der sich die französische Generalität noch zu Beginn des Zweiten Weltkriegs rühmte, klappte bekanntlich vor den deutschen Panzern zusammen wie ein Kartenhaus. Dass Frankreich sich 1945 auf Seiten der Sieger wiederfand, war schon ein fast unverschämtes Glück, wie Alexis Jenni sehr wohl weiß (und hier auch schreibt). Es war dann bekanntlich auch der einzige militärische Treffer, den Frankreich im vergangenen Jahrhundert noch erzielte.

Der erste Irakkrieg

In Indochina, schließlich in Algerien kapitulierte es, nicht anders als in vergleichbarer Situation die Amerikaner, vor den Methoden des Guerillakrieges, den die ehemaligen Kolonialvölker so raffiniert beherrschten. Seit 1962 verschwanden die französischen Berufssoldaten immer mehr aus der öffentlichen Wahrnehmung. Doch 1991, im ersten Irakkrieg, da zogen sie wieder für die Nation sichtbar in den Krieg.

Da sah man sie im Fernsehen Abschied nehmen von ihren Familien. Da kam einem ganzen Land zu Bewusstsein, dass es überhaupt so etwas besitzt: eine Armee, mithin eine gesellschaftliche Gruppe von ausgeprägter Eigenständigkeit, mit ihrer besonderen Sprache, ihren Ritualen, ihren Verhaltensformen. Und dass diese Gruppe auch noch für etwas anderes da ist, als am Nationalfeiertag im "bunten Rock" und mit viel Tschingderassabumm über die Champs-Elysées zu marschieren.

Durch und durch Zivilist

Mit diesem Aha-Erlebnis von 1991 setzt denn auch der Debüt-Roman von Alexis Jenni ein. Er hat in Frankreich bei Erscheinen Furore gemacht wie seit Jonathan Littells "Wohlmeinenden" kein anderes belletristisches Erzeugnis mehr. Der literarische Außenseiter, ein Biologielehrer aus Lyon des Jahrgangs 1963, heimste 2011 prompt die begehrteste Literaturtrophäe, den Prix Goncourt, ein. Anders als der französisierte Amerikaner Littell, der gern in Kriegsgebiete reist, ist Jenni jedoch durch und durch Zivilist.

Das Gleiche gilt für seinen Ich-Erzähler. Der Autor verwendet fast ein bisschen zu viel Sorgfalt darauf, seine Erzählinstanz als einen Schlurfi-Schlaffi von heute darzustellen, der gern krank feiert, keine Hemmungen hat, seinen Job hinzuschmeißen und seine Freundinnen zu verlassen, wenn beide nicht mehr befriedigen. Die große Einsicht von 1991 überkommt ihn konsequenterweise auch im Bett, nach dem Beischlaf, von dessen Beschaffenheit man mehr erfährt, als mancher Leser vielleicht wissen will. Die narrative Funktion dieser (und anderer ähnlich gearteter Szenen) ist klar: Hier herrschen keine asketischen Ideale, will uns der Autor damit sagen. Uns ist alles Kriegerische oder Heroische fremd.

Ein charismatischer Männerheld

Und doch gerät nun ausgerechnet dieser anti-heldische junge Mann, aus dessen Sicht wir die Geschehnisse dieses fast 800 Seiten umfassenden Epos' erfahren, an einen Soldaten wie aus einer Werbebroschüre für die Wehrmacht. Victorien (man bemerke den triumphalischen Hintersinn) Salagnon, seines Zeichens Fallschirmoffizier, ist der Inbegriff des charismatischen Männerhelden: geistig und seelisch unabhängig, dabei abgeklärt und weise, obwohl er offenbar auch todesmutig war, als sein Beruf dies erforderte.

Inzwischen gibt er sich, seit 1962 ins Zivilleben gezwungen, jedoch friedlich bis zur Sanftmut. Allerdings verkehrt er aus alter Anhänglichkeit an einen Kameraden, der ihm in den Wäldern um Tonkin einst das Leben rettete, mit Maulhelden aus dem Dunstkreis des Front National. Ihre rassistischen Parolen, das angeblich "überfremdete" Frankreich von heute betreffend, erträgt er mit viel Nachsicht und Gelassenheit.

Militärischer Kurzhaarschnitt

So ganz erschließt sich beim Lesen die Faszination des Ich-Erzählers für den ehemaligen Berufssoldaten nicht, dessen Lächeln als so umwerfend geschildert wird, dass man eine Weile denkt, hier spielten homophile Regungen eine Rolle. Das scheint aber nicht der Fall. Victorien ist (ganz politisch korrekt) mit einer griechischstämmigen Jüdin aus Bab el-Oued verheiratet, und den Ich-Erzähler erleben wir ja mit wechselnden Gespielinnen.

Deutlich wird jedenfalls sehr bald, dass der Malunterricht, den der Ich-Erzähler bei dem Mann mit dem militärischen Kurzhaarschnitt nimmt, nur ein Vorwand ist, um ihm nahe zu kommen, um seine so ganz anders gearteten Ansichten und Erlebnishorizonte kennenzulernen. Schließlich revanchiert er sich für all das Ungeahnte, das er von Victorien erfährt, indem er dessen Lebensgeschichte aufschreibt, wobei er übrigens, eine weitere Schwäche der Konstruktion, vollkommen dessen Perspektive übernimmt.

Wie fühlt sich Saigon an?

Allerdings lernen wir auf diese Weise viel darüber, wie sich das anfühlte, in Saigon und Hanoi oder später in Algerien stationiert zu sein. Hören auch, was es bedeutete, auf quasi verlorenem Posten, unzureichend ausgerüstet und zudem ohne Kontakt zu den Menschen einer undurchdringlich andersartigen Kultur, die einem besonders in Südost-Asien gnadenlos feindlich gesinnt gegenüberstanden, seinen Dienst zu tun. So ganz erschließt sich übrigens auch hier wieder nicht, was den begabten Victorien, der 1926 als Sohn eines Lyoneser Kaufmanns zur Welt kommt, in diese fremde Welt verschlägt.

Dass ihn, der 1942 zur Résistance stößt und schon bald gefahrvolle Sabotageakte ausführt, nach der Befreiung Frankreichs 1944 das unspektakuläre Leben als Student anödet, mag man ja noch verstehen. Aber dass der Zwanzigjährige sich nach unerquicklichen Monaten in Algerien 1946 entschließt, nach Indochina zu gehen, verwundert schon. Will er sich vor seiner zukünftigen Frau bewähren, huldigt er einem romantischen Begriff von Gefahr und Abenteuer? Es bleibt ein großes Fragezeichen.

Typisch Zivilist

So beschränkt sich denn Jennis Leistung darauf, die Konfrontation eines typischen Zivilisten von heute mit einem Berufssoldaten alter Schule darzustellen und in einer geschichtsvergessenen Epoche daran zu erinnern, dass die Kolonialmacht Frankreich viele Irrungen und Wirkungen durchlaufen musste, bis sie sich von ihrer Illusion, eine Großmacht zu sein, befreite.

Dafür werden sehr viele Worte gemacht. Jenni übernimmt auch in dieser Hinsicht die geistige Verfassung seines Ich-Erzählers, dass er, ohne Scheu vor Wiederholungen und Redundanzen, alles, wie in der Wohnküche, "ausdiskutiert". Durch die stilistische Schule eines Flaubert und dessen Suche nach dem "mot juste" ist er definitiv nicht gegangen. Die allmähliche Verfertigung des vollgültigen Ausdrucks beim Schreiben bekommt der Leser in allen ihren Stadien mit.

Ungewöhnliche Männerfreundschaft

Doch auch wenn man das Ganze auf die Hälfte reduziert hätte, bliebe bei allem Respekt vor der Erinnerung an historische Erfahrungen, die in Vergessenheit zu geraten drohen, die Frage: Was will uns Jenni eigentlich sagen oder vermitteln? Dass ein wenig mehr militärische Kultur mit ihrer Prämierung der Disziplin, der Hintanstellung individueller Bedürfnisse gegenüber dem Gemeinwohl, den heutigen Geiz- und Giergesellschaften des Westens guttäte? Das traut er sich dann doch nicht, und das gibt auch sein Victorien nicht wirklich her.

So bleibt es im Wesentlichen bei der gekonnten Beschreibung von Kriegsgeschehnissen und einer ungewöhnlichen Männerfreundschaft. Das ist in einer Zeit, in der sich soziale Gruppen immer mehr gegeneinander abschotten, gar nicht so wenig. Aber auch nicht übermäßig viel.

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