19.12.12

Verlage

Wie Suhrkamp den Wolf in sich entdeckt

Der Verlag als Privatbesitz: Während viele Autoren sich mit der abberufenen Suhrkamp-Chefin Ulla Berkéwicz solidarisieren, werfen bizarre Coachings auf Verlagskosten neue Fragen auf.

Von Richard Kämmerlings
Foto: picture-alliance/ dpa

Per Gerichtsurteil abberufen: Ulla Unseld-Berkéwicz, die Geschäftsführerin des Suhrkamp-Verlags.
Per Gerichtsurteil abberufen: Ulla Unseld-Berkéwicz, die Geschäftsführerin des Suhrkamp-Verlags

Geld hat in diesen Tagen einen schlechten Ruf. Besonders "schnelles Geld" (Durs Grünbein) oder allgemein das "Kapital" (Volker Braun), das in Gestalt eines "Unholds", eines "Abgrundbösen" (Peter Handke) namens Hans Barlach über den Suhrkamp Verlag herzufallen droht. Dieser nämlich, ein "Haus des Geistes" (Handke), eine "Schule der Herzensbildung" (Grünbein), funktioniert nach Ansicht mancher Schriftsteller nach ganz anderen Prinzipien. Er verzeichnet "ein Wachstum in Jahresringen, beinah wie in der Natur", so erklärt der Dichter Grünbein das Geschäftsmodell, das Suhrkamp ziemlich exklusiv haben dürfte.

Dabei verfehlt die geschlossene Front von Solidaritätsadressen an die gerade abberufene Geschäftsführung unter Ulla Unseld-Berkéwicz das Thema. Es geht nicht um Wirtschaft, sondern um Verträge und Gesetze; es findet keine feindliche Übernahme statt, sondern ein Gesellschafterstreit. Wie der (Nicht-Suhrkamp-)Autor und Anwalt Georg M. Oswald trocken klarstellte: "Barlach und Berkéwicz sind Teile desselben Verlags."

Hans Barlach wird als "Unhold" dämonisiert

Man muss sich einmal den Spaß machen und die in der "Zeit" erschienene Barlach-Dämonisierung Handkes und dessen aberwitzige Verachtung "nichtsnutziger" Rechtshändel neben die nun veröffentlichte Urteilsbegründung des Landgerichts Berlin legen. Da kann man nachlesen, wie Ulla Berkéwicz für ihre Villa (tausend Quadratmeter Nutzfläche) Einrichtungsgegenstände kauft und dem Verlag mehr als 100.000 Euro dafür in Rechnung stellt. Hinter dem Rücken des Mitgesellschafters, der seine Zustimmung zum Berlin-Umzug des Verlags im November 2009 nur gab gegen das Versprechen, damit Kosten zu reduzieren.

Tatsächlich aber hatte Ulla Berkéwicz zum Zeitpunkt der Bekanntgabe des Verlagsumzugs im Februar 2009 ihre Privatvilla für 1,65 Millionen bereits erworben; der Kauf erfolgte nach Recherchen der "Welt" im Herbst 2008. Die Vermutung liegt nahe, dass von Anfang an der Plan bestand, einen Teil der Kosten über den Verlag hereinzuholen. Was auch die Entschlossenheit erklären würde, mit der der Umzug gegen den Widerstand der Mitgesellschafter durchgekämpft wurde.

1000 Stunden Coaching auf Verlagskosten

Wessen Geld steht hier also gegen welchen Geist? Dass Ulla Berkéwicz den Verlag stets als Privateigentum verstanden hat, zeigt ein anderer Fall, der schon 2006 durch die Presse geisterte, aber jetzt in einem neuen Licht erscheint. In den Jahren 2003 und 2004 wurden insgesamt mehr als 1000 Stunden "Einzelcoaching im Bereich mentales Coaching" auf Berkéwiczs Namen dem Verlag in Rechnung gestellt. Stundenpreis: 100 Euro, also insgesamt mehr als 100.000 Euro. Eine entsprechende Monatsabrechnung des Frankfurter "Archaeus-Instituts" liegt dieser Zeitung vor.

Das von Susann und Walter Pfeiffer geführte Unternehmen bietet Kurse an wie "Heilende Kommunikation mit Deinem inneren Kind" oder "Entdecke die Wolfsfrau/den Wolfsmann in Dir" – aber auch "Programmierung des eigenen Unterbewusstseins auf vermehrten Geldfluss und Selbstwert". Der Verlag erklärt dazu, es habe sich damals um eine Dienstleistung gehandelt, "die nicht allein der Verlegerin zugedacht war, sondern leitenden Mitarbeitern des Hauses". Es sei "selbstverständlich, dass Unternehmen solche Coachingdienste in Anspruch nehmen".

Rainer Weiss, damals Programmleiter und seit November 2003 auch Geschäftsführer, sagte der "Welt", er habe zwar auf Rat der Verlegerin "zwei-, dreimal" so ein Coaching gemacht, von einer offiziellen Maßnahme für Mitarbeiter aber könne keine Rede sein. In der Geschäftsführung sei über derlei Dinge auch nie gesprochen worden. Sehr wohl sei Walter Pfeiffer aber damals in der Unseld-Villa in der Klettenbergstraße ein- und ausgegangen.

Der Vermittler war parteiisch

Unterdessen ist der von Suhrkamp ins Spiel gebrachte Vermittler schon wieder aus dem Rennen; Michael Naumann hatte sich zuvor bereits unmissverständlich als Partei geoutet: "Hans Barlach, in einem Wort, will Kohle machen", schrieb er im "Cicero" über den "Möchtegern-Verleger". Barlach antwortet ihm jetzt: "Ich kenne seit Jahren die Zahlen, Sie kennen nur das Mantra der bisherigen Geschäftsführung, man verkörpere den Geist und sei damit so wunderbar erfolgreich."

An Geist mangelt es sicher nicht. Es ist aber noch keine hinreichende Garantie für nachhaltiges Wirtschaften, dass sich die Suhrkamp-Chefin einst per teurer "Gehirnevolution" (Archaeus-Homepage) "neurostrukturell" auf Erfolgskurs programmieren ließ und damit, nebenbei bemerkt, genau jenem neokapitalistischen Zeitgeist huldigte, gegen den Suhrkamp jetzt angeblich verteidigt werden muss. Aber vielleicht meinen die "Coaches" ja auch keine Verlagserträge, wenn sie versprechen: "Stabiler Selbstwert führt zu vermehrtem Geldfluss, denn beides ist ganz eng miteinander verknüpft."

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