20.12.12

Florian David Fitz

"Ich wollte aus Jesus keine Lachnummer machen"

Eine Komödie über den Heiland? Florian David Fitz zeigt in dem geglückten "Jesus liebt mich" keinen großen Respekt für die Institution Kirche. Mit dessen Botschaft geht er aber behutsam um.

Quelle: previewnetworks
14.12.12 0:0-1 min.
Hannelore Elsner und Jessica Schwarz spielen mit, Florian David Fitz schrieb das Drehbuch, führte Regie und spielt auch die Hauptrolle als Jesus, der kurz vor dem jüngsten Gericht auf die Erde kommt.

Florian David Fitz ist einer aus der Til-Schweiger-Akademie. Will heißen: So richtig bekannt wurde der Schauspieler als alles planender Werbefuzzi in den "Männerherzen"-Filmen – und dann machte er sich, wie auch Matthias Schweighöfer, als Schauspieler & Drehbuchautor & Regisseur selbstständig. Sein "Vincent will meer" gewann den Deutschen Filmpreis, und inzwischen weiß man: Fitz-Komödien haben einen Touch, den andere deutsche Komödien nicht haben. Das gilt auch für sein Regiedebüt "Jesus liebt mich".

Berliner Morgenpost: Gibt es schon Nachricht vom Vatikan? Sie haben dem Papst bestimmt eine Exklusivvorstellung von "Jesus liebt mich" angeboten.

Florian David Fitz: Nein, Benedikt hat den Film noch nicht gesehen.

Berliner Morgenpost: Sein Arbeitgeber kommt aber ziemlich gut darin weg!

Fitz: Das mag schon sein, aber sein Posten wird ja in gewisser Weise wegrationalisiert. Ich weiß nicht, ob das dem Stellvertreter Gottes auf Erden gefallen würde.

Berliner Morgenpost: Gab es Reaktionen von der Kirche?

Fitz: Wir hatten während des Drehs Kontakte mit katholischen Blättern. Das Buch hat ihnen gefallen, denn sie werfen oft selbst ein kritisches Auge auf die Institution. Mein Ziel war ja nicht, die Kirche zu trashen. Aber wenn Jesus Christus zum ersten Mal nach 2000 Jahren wieder auf die Erde kommt, muss er notgedrungen über einiges staunen. Auch über den Papst.

Berliner Morgenpost: Auch bei "Vincent will meer" gab es große Bedenken, die sich aber zerstreuten: Darf man Witze über psychisch Kranke machen?

Fitz: Ich hoffe, dass es sich diesmal ähnlich verhält. Man muss den Kern ernst nehmen. Und da ich Jesus selbst spiele und keine Lachnummer daraus machen wollte, habe ich ihn ernst genommen. Vor 50 Jahren in der Bundesrepublik wäre es aber trotzdem nicht gegangen, und in Alabama bei amerikanischen Evangelikalen würde es heute noch nicht gehen.

Berliner Morgenpost: Darf man "Jesus" als durch und durch katholischen Film bezeichnen?

Fitz: Ich bin in Bayern aufgewachsen, und natürlich beziehe ich mich auf die alten Bräuche, die ich kennengelernt habe.

Berliner Morgenpost: Waren Sie Ministrant, wie Alfred Hitchcock oder Mario Barth?

Fitz: Ich war Pfadfinder, und da mussten wir manchmal an hohen Feiertagen herumstehen. Aber man sollte betonen, dass der Katholizismus in Bayern höchst pragmatisch ist. Er war stets gewohnt, mit den Widersprüchen und Schwächen der Menschen umzugehen. Katholizismus, das vereinte Strenge, Heuchelei und Lebensfreude unter einem Schirm.

Berliner Morgenpost: Alles, bloß nichts Blutleeres.

Fitz: So entstand auch mein Erzengel Gabriel. Wir haben uns das gut überlegt: Darf er Alkoholiker sein? In Unterwäsche aus dem Haus laufen? Er ist als Engel wegen der Liebe zu einer Frau auf die Erde gekommen, und die Frau hat ihn verlassen. Natürlich ist er verbittert.

Berliner Morgenpost: Das bayerische Kino, der Muskelprotz unter den regionalen Kinos in Deutschland, hat ja die Kirche wiederentdeckt. Rosenmüllers "Wer's glaubt, wird selig", Wigands "OmaMamia",…

Fitz: Stimmt schon, aber: "Jesus liebt mich" wurde nicht von einem Bayern geschrieben, sondern von David Safier, einem Juden aus Bremen. Ich habe dann versucht, die Vorlage mit meinen bayerisch-katholischen Erfahrungen zusammenzubringen – und als Kern herauszuarbeiten, dass es im Leben darauf ankommt, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen.

Berliner Morgenpost: Für mich ist das wirklich Neue die Verbindung von romantischer Komödie, Katholizismus und Fantasy.

Fitz: Es war eine wirkliche Herausforderung, diese merkwürdige Genremischung zusammenzuhalten. Es war schwer, eine Komödie zu drehen, in der Jesus nicht platt dargestellt wird. Auch eine Komödie romantisch zu halten, die eigentlich keine Erfüllung finden kann, war nicht einfach. Und wie kriege ich dazuhin noch den Weltuntergang in den Film, ohne dass er auseinanderfällt?

Berliner Morgenpost: Sie halten den Weltuntergang aber auf Distanz, die brennenden Felsen regnen nicht direkt auf die Helden herab.

Fitz: Im Buch sind sie tatsächlich mitten im Inferno. Aber ich wollte keinen Katastrophenfilm machen, sondern einen über Maries Dilemma: Kann sie ihre Liebe retten – und nebenher auch die Welt? Insofern ist die Perspektive, dass sie wie von einer Kanzel alles beobachtet, was der Teufel für sie inszeniert, die richtige.

Berliner Morgenpost: Gab es einen Gag, den ihr nur schweren Herzens weggelassen habt?

Fitz: Zum Beispiel habe ich daran gedacht, den Satan aus der Odenwaldschule kommen zu lassen. Ich fand das großartig, habe letztlich aber auch verstanden, warum viele die Hände über dem Kopf zusammenschlugen. Man muss die Waage halten. Für diesen Gag hätte es ein komplett schwarzer Film werden müssen.

Berliner Morgenpost: Ich vermute, dass sich darüber vor – sagen wir – 30 Jahren keiner aufgeregt hätte. Heute durchaus wieder.

Fitz: Es gibt heute wieder viel mehr religiöse Menschen. Unter den Kommentaren zum Trailer von "Jesus liebt mich" auf YouTube finden sich tatsächlich solche, die sich beleidigt fühlen, dass Jesus für eine romantische Komödie vereinnahmt wird. Das gehe gar nicht. Täte man das mit Mohammed, würden wieder Botschaften brennen. Dazu kann ich nur fragen: Ist es nicht eine Auszeichnung, dass wegen "Jesus liebt mich" keine brennen?

Berliner Morgenpost: Welche Rolle hat Religion in Ihrer Kindheit gespielt?

Fitz: Ich war immer ein großer, großer Zweifler, auch bei allen Regeln zu Hause. Mein Vater wollte uns im katholischen Glauben aufziehen, wie "es sich gehört", mit sonntäglichem Kirchgang. Meine Eltern mussten in ihrem Hotel sonntags immer arbeiten, und so bekamen wir stets den Anruf, jetzt sollten wir aber losgehen in die Kirche. Bis zu einem gewissen Zeitpunkt haben wir Kinder das brav getan, dann haben wir gesagt, wir würden gehen, sind aber immer später gegangen, haben auf dem Spielplatz Station gemacht und sind nur noch zur Kommunion reingegangen.

Berliner Morgenpost: Wie alt wart ihr da?

Fitz: Zehn oder elf. Die große Debatte gab es mit dreizehn, als wir dem Vater klar gesagt haben, dass das nichts bringe: "Du zwingst uns dort hin, und je mehr du das tust, desto weniger werden es tun, wenn wir unsere freien Entscheidungen treffen können. Ich kann und will nicht lügen. Ich glaube einfach nicht, dass Jesus zur Rechten Gottes sitzt. Ich glaube auch nicht an die Heilige Katholische Kirche."

Berliner Morgenpost: Gab es dann die Diskussion, wie wörtlich die Bibel zu nehmen sei?

Fitz: So weit ging es mit meinem Vater nicht. Der sah einfach seine Felle davon schwimmen, er wollte uns seine christliche Haltung mitgeben. Witzigerweise hat er das trotzdem geschafft. Das sieht man auch an der Grundhaltung meines Films.

Berliner Morgenpost: Bedeuten Ihnen die Formeln und Riten der Kirche noch etwas?

Fitz: Nun, als mein Großvater gestorben ist, sind auf dem Land alle zum Rosenkranzbeten gegangen, und ich war auch dabei. Das ist ja nichts anderes als ein Mantra. Es geht nicht so sehr um die Worte wie "Gebenedeit sei die Frucht deines Leibes", es geht um das eine Perle nach der anderen Herunterstechen und die Konzentration auf einen Gedanken. Das ist eine total gute Übung.

Berliner Morgenpost: Gibt es in Ihrem normalen Leben Reste der katholischen Erziehung?

Fitz: Nein. Was übrig blieb, ist meine Liebe zu bestimmten Kirchengebäuden und -räumen. Am liebsten, wenn sie leer sind. Was toll war und was ich als Verlust betrachte ist das Gemeinschaftsgefühl. Das holen sich die Leute heute mit 20.000 anderen bei Mario Barth oder auf dem Oktoberfest. Das ist dann wieder eine unfassbare Erfahrung: Was, es gibt nicht nur mich als Individuum, sondern man kann in einer Masse aufgehen! Das Gefühl habe ich manchmal noch an Weihnachten gehabt, beim "Stille Nacht"-Singen, wenn die Lichter alle ausgingen.

Berliner Morgenpost: Wer kümmert sich um Ihre Seele?

Fitz: Ich versuche, ein anständiges Leben zu leben. Und ich sehe sehr wohl ein, dass es dem Menschen guttut, eine Hilfe an der Hand zu haben, um seinen Geist und seine Seele zu ordnen. Ich bemühe mich, die Regel der Benediktiner, "Ora et labora" sehr ernst für mein Leben zu nehmen – im übertragenen Sinn: Ich arbeite, aber ich nehme mir auch die Zeit, nach einer inneren Einfachheit zu suchen.

Berliner Morgenpost: Entspricht das der Maxime, ein "gutes Leben" zu führen?

Fitz: "Gut" wäre mir zu hoch gegriffen. Ich sage lieber "anständig". Sagt auch der Altkanzler Schmidt immer. "Anständig" erstreckt sich in beide Richtungen: Man genießt sein Leben und möchte gleichzeitig den anderen gegenüber anständig sein.

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